Kaiser Jiajing (reg. 1521–1576) aus der Dynastie der Ming hält in der Liste der inkompetenten Kaiser Chinas eine Spitzenposition. So soll er die Hofaudienz abgeschafft und sich mit Zauberern und Alchimisten umgeben haben. Seine Launen und Zornesausbrüche gerieten so abartig, dass sich 18 Konkubinen im Palast gegen ihn zu einem Attentat verschworen, das allerdings scheiterte. Später gelangte ein mutiger Beamter in einer Eingabe zu dem Schluss, dass der Kaiser das große Unglück für das Reich sei und nicht irgendwelche Naturkatastrophen. Jiajings Unfähigkeit zeigte sich vor allem nach dem Desaster, das um den 23. Januar 1556 (vielleicht auch einige Tage später) über das Land kam: Das Erdbeben, das die mittelchinesische Provinz Shaanxi erschütterte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article172742900/China-1556-Das-toedlichste-Erdbeben-der-Menschheitsgeschichte.html) , verwüstete Gebiete in neun weiteren Provinzen und forderte 830.000 Tote – nach offiziellen Schätzungen, vermutlich lag die Zahl der Opfer, die an den Folgen der Katastrophe starben, noch deutlich darüber. Damit gilt der „Große Donner“ von Shaanxi als das tödlichste Erdbeben in historischen Zeiten (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Erdbeben) . Ein Augenzeuge berichtete: „In der Nacht, als ich gerade eingeschlafen war, hörte ich einen plötzlichen Donner. Schnell zog ich etwas über und ging nach draußen. Ich rieb mir die Augen, alles war verschwommen und durcheinander. Ich sah nur, dass mein Haus zerstört war… Die Toten waren durch das Weinen mit den Lebenden verbunden. … Tiefe Gruben hatten sich in der Erde aufgetan, Felder sprangen hervor wie Uferbänke. Überlebende liefen umher, nach Verwandten suchend, und erzählten sich ihr Leid… In einem Augenblick hatte sich die Welt verändert. Unter hundert Familien gab es keine ohne Tote, von zehn Häusern waren neun in Trümmern.“ Nach neueren Forschungen erreichten die Erdstöße eine Stärke von 8¼ auf der Richterskala. In den folgenden Monaten trafen mehrere Nachbeben die Region. In manchen der fast 100 betroffenen Bezirke sollen bis zu 70 Prozent der Einwohner ihr Leben verloren haben. „Es waren Geräusche wie Donner zu hören“, hießt es in der zeitgenössischen Chronik von Linjin: „Die Erde spaltete sich und die Brunnen quollen über. Die Stadtmauer und alle Häuser und Hütten wurden zerstört. Zahllose Menschen und Tiere wurden unter den Trümmern begraben.“ Das waren die üblichen Formeln, mit denen in offiziösen Quellen über Erdbeben berichtet wurde, die das Kaiserreich wiederholt heimsuchten. Denn hier stoßen die eurasische, pazifische und die indische Kontinentalplatte (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article1995671/Katastrophen-Erinnerungen-an-Chinas-Erdbeben-1976.html) aufeinander. Das Schweigen im breiten Schriftverkehr, der immerhin von einer riesigen Beamtenschaft gespeist wurde (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article252088754/Ming-Dynastie-Nachdem-er-die-Grosse-Mauer-ueberwunden-hatte-vernichtete-er-eine-chinesische-Truppe.html) , erklärt die China-Spezialistin Andrea Janku (verlinkt auf https://www.soas.ac.uk/about/andrea-janku) : „Je mehr man sich dem Ereignis selbst zeitlich und räumlich annähert, desto seltener und leiser werden die Stimmen, die darüber berichten.“ Das hatte viel mit der Politik des Kaiserhofs zu tun, der kein Interesse daran hatte, derartige Katastrophen in allen Einzelheiten zu dokumentieren. Schließlich untergruben sie die kaiserliche Legitimation. So bediente sich der Hofchronist ähnlicher Bilder wie sein Kollege von Linjin: „Am Tag des 12. Monats im 34. Jahr der Regierung des Jiajing-Kaisers bebte in den Provinzen Shanxi, Shaanxi und Henan die Erde… Es dröhnte wie Donner... An manchen Orten brach die Erde auf und Wasserströme sprangen hervor... An anderen Orten versanken Stadtmauern und Häuser im Boden.“ Schnelle Rückkehr zur Tagesordnung Nach einem kurzatmigen Fazit – „über 830.000 Menschen kamen um, darunter hohe und niedrige Beamte ebenso wie Soldaten und gemeines Volk“ – ging der Hofchronist des Kaisers schnell zur Tagesordnung über und berichtete von der schwierigen Lage an den Grenzen, wo Mongolen und Piraten ihr Unwesen trieben. Aus der Perspektive des Kaisers im fernen Peking war das Beben offenbar nur eine unangenehme Störung bei den Versuchen, endlich das Elixier der Unsterblichkeit zu erlangen. Dafür und für monströse Bauprojekte hatte Jiajing die Staatskasse geplündert. Hinzu kam die aufwendige Grenzverteidigung gegen die Reiternomaden im Norden, die allein zwischen 1550 und 1552 mehr als 13 Millionen Unzen Silber verschlang. In der Finanzverwaltung erschien das Erdbeben daher vor allem als wirtschaftliche Katastrophe, weil sie einen gravierenden Steuerausfall zur Folge hatte. Für die Not leidenden Menschen im Katastrophengebiet bedeutete das, dass die kaiserliche Verwaltung für sofortige Hilfsmaßnahmen nur 40.000 Unzen bereitstellen konnte. Weil das Ritenministerium jedoch befand, dass es damit wohl nicht genug sei, schickte der Kaiser einen Gesandten in die betroffenen Regionen, um dort den Göttern der Berge und Flüsse Opfer zu bringen und den Toten Altäre zu errichten. Ein Grund für Jiajing, seine alchimistischen Experimente für kurze Zeit zu unterbrechen und sich irdischen Belangen zuzuwenden, mögen die Deutungen gewesen sein, die schwere Erdbeben in China provozierten. Aufgeklärte Zeitgenossen hielten es nicht mehr mit der traditionellen Erklärung, nach der im Erdinneren hausende Drachen oder Schildkröten die Erdstöße hervorriefen. Sie folgten stattdessen der Yin-Yang-Theorie. Danach wurden Beben mit schwachen Herrschern (Yang) und starken Kaiserinnen und Konkubinen (Yin), militärischen Bedrohungen von außen und sozialen Unruhen im Inneren assoziiert. „Sie bedeuteten den Verlust der gesellschaftlichen Ordnung und Moral, Hunger und Blutvergießen“, erklärt Andrea Janku. Tatsächlich berichten Zeitgenossen von Invasionen und marodierenden Banden, die das Unglück der Überlebenden noch einmal vergrößerten. Diese suchten ihr Heil in praktischen Lösungen. Andrea Janka zitiert Gerüchte, nach denen unverheiratete Mädchen Gefahr liefen, entführt zu werden, weil ihr Menstruationsblut angeblich heilende Kräfte haben sollte. Das führte dazu, dass junge Frauen so schnell wie möglich verheiratet wurden, um einer Entführung zuvorzukommen – mit dem Ergebnis, dass die Bevölkerung sich relativ schnell wieder regenerierte. Kaiser Jiajing hatte daher Glück. Der Vorwurf, das große Beben sei ein Zeichen gewesen, dass ihm das „Mandat des Himmels“ (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/article231856/Die-Katastrophe-die-nicht-sein-durfte.html) und damit die Grundlage seiner Herrschaft entzogen worden, hielt sich in Grenzen und blieb wirkungslos. Der Ming-Dynastie blieb der Thron im Reich der Mitte noch weitere 88 Jahre erhalten. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Frühe Neuzeit zu seinem Arbeitsgebiet.