Welt 23.02.2026
06:52 Uhr

„Die Soldaten brachen die Türen der Kirche auf und begannen ein Gemetzel“


Den Völkermord, den das Jungtürken-Regime in Konstantinopel 1915/16 an Armeniern begehen ließ, ist inzwischen allgemein bekannt. Anders sieht es mit dessen Vorläufern aus, den Massakern an der christlichen Minderheit in den 1890er-Jahren.

„Die Soldaten brachen die Türen der Kirche auf und begannen ein Gemetzel“

Das Grauen war unbeschreiblich – und musste dennoch beschrieben werden: „Was ich an diesem Freitagnachmittag selbst sah, hat sich mir für immer als der schrecklichste Anblick eingebrannt, den ein Mensch ertragen kann“, schrieb der amerikanische Fahrrad-Reporter William Lewis Sachtleben (verlinkt auf https://en.wikipedia.org/wiki/William_Sachtleben) , der sich im Herbst 1895 eher zufällig in der ostanatolischen Stadt Erzurum aufhielt: „Entlang der Nordmauer lagen in einer sechs Meter breiten und 46 Meter langen Reihe 321 Leichen massakrierter Armenier; viele waren furchtbar verstümmelt.“ Sachleben sah einen, dessen Gesicht völlig zertrümmert worden war, und einige andere, „deren Hälse fast von einem Schwerthieb abgetrennt waren“. Doch der 29-Jährige berichtete nicht nur als Text, was er gesehen hatte – er fotografierte auch. Genauer: Vermutlich ließ er fotografieren, denn in seinem Bericht war die Rede von einem „photographer (Armenian)“, mit dem er unterwegs war, zusätzlich zu zwei Soldaten und einem Übersetzer. Die Aufnahmen jedenfalls, 20 quadratische Glasplatten mit Opfern des Massakers, liegen heute in seinem Nachlass an der University of California in Los Angeles (verlinkt auf https://digital.library.ucla.edu/catalog?f%5Bcombined_subject_ssim%5D%5B%5D=Sachtleben%2C+William+Lewis) . An ihrer Echtheit besteht (das muss man in Zeiten KI-gefälschter Visualisierungen von Morden und Untaten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article6970ac52707d4aa20757bb30/ki-faelschungen-zum-holocaust-wie-kuenstliche-bilder-die-geschichte-verzerren.html) immer dazu sagen) keinerlei Zweifel. Denn die (rein technisch kaum fälschbaren) Originale liegen ebenso vor wie Erstveröffentlichungen in der „Times“ am 16. November 1895 und knapp zwei Wochen später in der Illustrierten „The Graphic“. Hinzu kommen die geschlossene Provenienz und der überlieferte Kontext, etwa in Gestalt von Zeitungsartikeln über Sachtlebens Erlebnisse in der „Chicago Daily Tribune“, der „Los Angeles Times“ und der „Pittsburgh Post“. Die Mordtaten selbst sind optisch nicht festgehalten, aber die Leichenhaufen sind dennoch eindeutig. Allein in Erzurum wurden im Spätherbst 1895 hunderte Menschen umgebracht, in anderen teilweise von Armeniern besiedelten Bezirken des Osmanischen Reiches wie Diyarbekir, Sivas oder Trapezunt bis Anfang 1896 insgesamt mehrere zehntausend. Das wohl schlimmste einzelne Verbrechen geschah in der Stadt Urfa, wo die armenische Kathedrale niedergebrannt wurde, in der zwischen 1500 und 3000 Christen Zuflucht gesucht hatten. Auf jeden, der zu fliehen versuchte, schossen Soldaten der osmanischen Regierung. Die Untat ist unabhängig voneinander durch den damaligen französischen Vizekonsul in Diyarbekir Gustave Meyrier und der evangelischen Missionarin Corinna Shattuck (verlinkt auf https://maviboncuk.blogspot.com/2014/09/corinna-shattuck.html) überliefert. Die Angreifer „konzentrierten sich auf wehrlose Viertel“, schrieb Meyrier an Frankreichs Botschafter in Konstantinopel, während Shattuck in einem Brief vom 7. Januar 1896 berichtete: „Am Samstag, dem 28. Dezember, gab der Schuss aus einigen Gewehren im muslimischen Viertel südlich von uns das Signal. Sofort versammelte sich eine riesige Menschenmenge auf dem Hügel hinter unserem Haus. Die Wachen in der Straße östlich von uns gingen den Menschen entgegen, feuerten einige Schüsse über ihre Köpfe hinweg und ließen dann die blutrünstige Menschenmasse in die Stadt ziehen, um dort ihr Werk zu vollbringen.“ Der Mob sollte sich nicht an westlichen Missionsangehörigen vergreifen, weil das schwere politische Verwerfungen nach sich gezogen hätte. „Am Sonntagmorgen begann das Töten bei Tagesanbruch erneut“, fuhr Shattuck fort, „die Soldaten brachen die Türen der Kirche auf. Dann drangen sie ein und begannen ein Gemetzel“. In ihrem Brief folgte an dieser Stelle ein Begriff, der heute weltweit für ein anderes Massenverbrechen geläufig ist, den damals aber noch fast niemand kannte. Denn die Missionarin bezeichnete das mörderische Abbrennen der mit Christen gefüllten Kirche als „einen großen Holocaust“. Dieses altgriechische Wort muss als Bezeichnung für ein mittels Feuer vollständig geopfertes Tier spätestens im 5. Jahrhundert v. Chr. geläufig gewesen. Denn die früheste literarische Erwähnung findet sich in Xenophons Schrift „ Anabasis (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article241454827/Anabasis-Was-er-im-Schilde-fuehrte-war-ein-Putsch-von-ganz-anderen-Dimensionen.html) “, die von der Rückkehr griechischer Söldner von einem gescheiterten Unternehmen in Persien berichtet und um 370 v. Chr. entstand. Geläufig wurde der Begriff jedoch erst in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, die zwischen 250 und 100 v. Chr. entstand. Im dritten und vierten Buch Mose bezeichnet dort „holokauston“ wie bei Xenophon ein Opfer, das vollständig auf dem Altar verbrannt wird. Der Ausdruck etablierte sich für die folgenden rund zwei Jahrtausende in gebildeten christlichen Kreisen, nicht jedoch über sie hinaus. Bereits seit 1833 im Englischen (verlinkt auf https://www.oed.com/dictionary/holocaust_n?tab=meaning_and_use#1470592) gab es gelegentliche Verwendungen des Begriffs für Massenmorde, etwa in der Beschreibung eines im Jahr 1142 geschehenen Verbrechens an bis zu 1300 Menschen. Oder auch 1876, 1883 und 1890 für verheerende Brandkatastrophen ohne fremde Einwirkung. Die erste bekannte Verwendung des Wortes mit Bezug auf ein aktuell geschehenes Massenverbrechen dürfte von einem Missionar stammen, zumindest einem gebildeten Christen. Es handelte sich um einen nur mit den Initialen G. M. R. gezeichneten Leserbrief, der am 3. Juli 1893 in der Zeitung „The Scotsman“ abgedruckt wurde. Er informierte die Leser über antiarmenische Ausschreitungen im Osmanischen Reich: „Der wahre Grund, warum dieser schreckliche Holocaust geschieht, ist das Missverständnis der Türken über die große evangelische Bewegung unter Armeniern, die besonders unter dem Einfluss amerikanischer Missionare in Gang gekommen ist“, schrieb der Verfasser. Das blieb jedoch eine Ausnahme. Erst ein Artikel in der „New York Times“ am 10. September 1895 über einen „another armenian holocaust“ wurde bekannter; auf diesen Artikel wird auch in Lexika und der Online-Enzyklopädie Wikipedia (verlinkt auf https://en.wikipedia.org/wiki/Names_of_the_Holocaust) verwiesen. Sicher erfuhr Corinna Shattuck nichts von diesem Artikel, denn sie hatte New York 1883 verlassen und kehrte erst 1899 zurück. Also verwendete sie den Begriff unabhängig von der führenden US-Zeitung, aber im selben Sinne. Antiarmenische Übergriffe hatte es im Osmanischen Reich immer wieder gegeben, aber 1894 begann Sultan Abdul Hamid II. (1842 bis 1918, reg. seit 1876), sich die zugrundeliegenden ethnischen und religiösen Spannungen zunutze zu machen. Das bestärkte das Nationalgefühl der Armenier – und verschlimmerte ihre Verfolgung. In Sasun kam es zu ersten Aufständen; der Herrscher entsandte daraufhin reguläre Soldaten in das Gebiet und bewaffnete zudem kurdische Freischärlergruppen. Nun breitete sich Gewalt aus. Um Ausschreitungen in armenischen Städten im Osmanischen Reich zu provozieren, genügte es, dass Muslime in einer örtlichen Moschee erfuhren, die Armenier hätten einen „Angriff auf den Islam“ vor. Am 1. Oktober 1895 forderten Armenier in Konstantinopel vom Sultan Gleichberechtigung ein; vorausgegangen waren (nie umgesetzte) Forderungen der westlichen Großmächte an Abdul Hamid II., den Schutz von Christen zu garantieren. Der Protest wurde zum Auslöser der bisher schlimmsten Übergriffe, über die William Sachtleben, Gustave Meyrier und viele andere westliche Augenzeugen berichteten. „Wir zählen viele Verwundete, achtzehn habe ich unter meiner direkten Obhut“, schrieb beispielsweise Corinna Shattuck in ihrem Brief über die kleine evangelische Gemeinde, die zwar eigentlich nicht gemeint war, aber vom Mob mitattackiert wurde: „Die meisten von ihnen haben mehrere schwere Verletzungen. Einer hat 18 schreckliche Schwert- und Axtschnitte an Kopf und Hals.“ 105 evangelische Christen waren getötet worden, zusätzlich zu den Armeniern – einschließlich des protestantischen Pfarrers. Trotzdem schützte die Mission außer den eigenen Gläubigen „etwa 250 oder 300 der verzweifeltsten und bedürftigsten“ Armenier, berichtete Shattuck, fügte aber hinzu: „Wir können nicht alle aufnehmen, und es ist schwer, täglich so viele abzuweisen.“ Obwohl die Brutalität schwer vorstellbar war, handelte es sich bei den bis 1897 anhaltenden antiarmenischen Übergriffen nur um das Vorspiel. Der eigentliche Völkermord begann erst unter den Jungtürken, die 1909 Sultan Abdul Hamid II. gestürzt hatten. Nun wurde alles noch viel schlimmer. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article155928993/Was-Sie-wissen-sollten-Acht-Fakten-zum-Voelkermord-an-den-Armeniern.html) Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Mit dem Armenier-Genozid befasste er sich das erste Mal während seines Geschichtsstudiums an der Freien Universität Berlin – und seither immer wieder.