Noch steht nur ein einziger Name auf einer der vielen mattschwarzen Platten. Noch stehen hier keine Blumen, brennt keine Kerze. Dort, wo in Zukunft mehr als 300 Menschen ihre letzte Ruhe finden können, muss das Leben erst noch einziehen. In Hamburg hat ein neues Kolumbarium eröffnet: Ein Raum mit Fächern für Urnen, der in der Regel über der Erde liegt. Eine Rarität im Norden. Kolumbarien haben vor allem in Südeuropa eine lange Tradition, die bis zu den Grabkammern der Antike zurückreicht. In Norddeutschland unüblich und kaum bekannt, bilden Kolumbarien in Hamburg eine absolute Nische unter den Bestattungsformen. Etwa 50 Beisetzungen dieser Art gibt es laut Umweltbehörde auf städtischen Friedhöfen im Jahr. Zum Vergleich: 2023 starben in Hamburg 19.469 Menschen. Und dennoch: Die Nische beginnt sich zu füllen. Das Angebot wird größer. Denn die zunehmende Vielfalt der Wünsche und Bedürfnisse von Verstorbenen und Angehörigen setzen die Friedhöfe unter Handlungsdruck. Auch in Hamburg. „Wir müssen mit der Zeit gehen“, sagt Hans-Jörg Gerken, Friedhofsmeister in Bergedorf, Hamburgs drittgrößtem Friedhof. „Die Tendenz geht zu pflegeleicht. Die Menschen wollen ihren Angehörigen nicht zur Last fallen.“ Und im Gegensatz zu ebenfalls pflegefreien Gräbern wie etwa auf Rasenflächen oder zwischen Bäumen, kommt beim Kolumbarium ein wesentlicher Unterschied hinzu, so Gerken: „Die letzte Ruhe liegt hier über der Erde.“ Nicht unter der Erde die Urne beisetzen: Das geht im Norden zum Beispiel auch in einer Urnenwand in Öjendorf, in Form von Stelen in Bargteheide und Bad Oldesloe sowie in einer Wand in Bad Bramstedt. In Norderstedt betreibt ein privatwirtschaftliches Bestattungsinstitut in Kooperation mit dem Katholischen Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland ein Kolumbarium, und in Lübeck hat voriges Jahr auf private Initiative hin „Die Eiche“ in einem alten Kornspeicher eröffnet. Der Anstoß für das Bergedorfer Kolumbarium kam aus der Bezirksversammlung. Denn für Hamburgs städtische Friedhöfe sind die Bezirke zuständig – eine Ausnahme bildet Mitte, dort betreibt eine Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) die Friedhöfe inklusive Ohlsdorf. Welche Formen von Grabstätten die Friedhöfe anbieten, entscheiden sie im Rahmen des Hamburgischen Bestattungsgesetzes selbst. Bereits zehn Jahre ist der politische Antrag in Bergedorf alt, die denkmalgeschützte ehemalige Leichenhalle nahe der Kapelle eins in ein Kolumbarium zu verwandeln. Seit diesem Jahr ist er umgesetzt. Maximal 330 Urnen finden in Bergedorf Platz Der entstandene Raum wirkt zurückhaltend und sehr aufgeräumt. Hinter mattschwarzen, versetzt angeordneten Stahlplatten liegen die Nischen für die maximal 330 Urnen. Angehörige können persönliche Gegenstände beigeben, im Nachhinein allerdings nicht mehr austauschen. Die Tür wird nach der Beisetzung bis zum Ablauf der Liegezeit nicht wieder geöffnet. Außer, es handelt sich um eine Doppelnische und die zweite Urne kommt hinzu. Darauf legt Friedhofsmeister Gerken wert: „Auch hier gilt die Totenruhe.“ Nach 25 Jahren werden die Aschekapseln auf dem Friedhof beigesetzt. Wenn Frank Kuhlmann mit seiner Kundschaft über diese in Hamburg noch sehr ungewöhnliche Form der Bestattung spricht, dann haben sich die Menschen in der Regel bereits dafür entschieden und kennen auch den jeweiligen Ort schon. Kuhlmann ist der Obermeister der Bestatter-Innung Hamburg und sagt: „Die Entscheidung für ein Kolumbarium hat viel mit der Ästhetik des Raumes zu tun. Die Atmosphäre spielt eine große Rolle.“ Andere wiederum könnten mit der Vorstellung, oberhalb der Erde konserviert zu werden, wenig anfangen. „Viele Menschen folgen dem Urinstinkt des Zerfalls, möchten wieder eins werden mit der Natur, ob im Boden oder zu Wasser.“ Kuhlmann glaubt nicht, dass sich die norddeutsche Bestattungskultur grundsätzlich ändern wird. „Das wird eine Nische bleiben.“ Grundsätzlich seien die Menschen aber offen für neue Ideen der Bestattung. „Das Interesse ist da.“ Während das Bergedorfer Kolumbarium bereits an der Grenze zu Schleswig-Holstein liegt, gibt es auch eines mitten in Hamburgs City. Das Kolumbarium des Mariendoms in St. Georg ist der zentralste Friedhof der Stadt. Am 15. August 2012 vom Erzbistum Hamburg eingeweiht, steht die Begräbnisstätte auch Menschen offen, die nicht der Gemeinde angehören und nicht katholisch sind – vorausgesetzt, sie wünschen sich eine christliche Bestattung. „Die Bestattungskultur ändert sich, die Bedürfnisse der Menschen ändern sich. Als Kirche müssen wir am Ball bleiben und den Menschen etwas anbieten“, sagt die Beauftragte für Trauerarbeit und Beisetzungen, Astrid Sievers. Und dieses Angebot trifft ganz offensichtlich einen Nerv. Von den 1500 Plätzen in 750 Fächern sind 231 bereits belegt und etwa 500 reserviert. Über das Jahr finden hier durchschnittlich drei Bestattungen im Monat statt. Die Liegezeit beträgt 20 Jahre, für die Zeit danach wird es eine zentrale Beisetzungsstelle im Innenhof direkt am Dom geben. Je mehr sich das Angebot herumspricht, desto größer werde das Interesse, erzählt die Religionspädagogin. „Es fragen vermehrt Menschen aus der Umgebung nach. Weil sie in ihrem Stadtteil bleiben möchten und den Dom kennen. Das ist eine Entwicklung, mit der wir am Anfang überhaupt nicht gerechnet haben.“ Seit Eröffnung des Kolumbariums lädt Sievers mit einem Team von Ehrenamtlichen an jedem ersten Freitag im Monat um 15 Uhr zu einem Totengedenken mit Andacht für Trauernde, unabhängig von einer Kirchenmitgliedschaft und unabhängig davon, wo und seit wann die verstorbene Person bestattet ist. Zuerst kamen fünf, sechs Menschen – heute 60 bis 70. „Unsere Gesellschaft schreit nach Ritualen“, sagt Astrid Sievers. „Auch Trauer braucht Rituale. Und wir als Kirche haben sie.“ Als einziges nicht-oberirdisches Kolumbarium in Hamburg liegt es direkt unter dem Altarraum und ist über Durchlässe in der Decke mit dem Kirchenraum verbunden. „Uns geht es um die urchristliche Tradition, auf den Gräbern der Verstorbenen Gottesdienst zu feiern“, erklärt Sievers. „Das Kolumbarium ist unser Goldschatz. Es ist warm und trocken, geborgen und behütet, und es gibt Menschen, die sich hier immer wieder treffen. Dadurch entstehen Verbindungen. Und manche Freundeskreise sprechen sich bereits jetzt ab, später hier für immer beisammen sein zu wollen.“ Wenn die Trauerbegleiterin mit den Angehörigen über die Gründe ihrer Wahl spricht, dann hört sie nicht nur die Unabhängigkeit vom Wetter und die fehlende Notwendigkeit der Pflege. „Ein Witwer sagte mir einmal, hier werde er durch nichts abgelenkt. Wenn er hier ist, dann ist er ganz bei seiner Frau.“ Doch es gibt auch ganz pragmatische Gründe, warum jemand den Mariendom als letzte Ruhestätte wählt. „Ich habe schon Angehörige getroffen, die in anderen Städten leben und die Umsteigezeit am Hauptbahnhof nutzen, um kurz Opa zu besuchen.“ Ein zweites katholisches Kolumbarium gibt es seit 2016 in Stellingen. In der Kirche St. Thomas Morus sowie im Innenhof, dem sogenannten Paradiesgarten, zum benachbarten Trauerzentrum hat die gleichnamige Erzbischöfliche Stiftung sechs Urnenblöcke und eine Urnenwand mit insgesamt 938 Plätzen geschaffen. An die 70 sind bisher belegt, 60 reserviert. Das Gros der Menschen stammt aus der Pfarrei, doch je bekannter diese Möglichkeit der Bestattung wird, desto mehr könnte sich das Kolumbarium auch für andere öffnen, sagt Diakon Stephan Klinkhamels. „Gerade die Plätze inmitten der Kirche bieten eine ganz besondere Verbindung zwischen Tod und Leben, denn dort finden weiterhin regelmäßige Gottesdienste der Gemeinde statt, ebenso die Spendung von Sakramenten wie zum Beispiel Taufen und Hochzeiten.“ In Ohlsdorf sind die Urnen durch Scheiben zu sehen Die ältesten Kolumbarien der Stadt stehen auf dem Ohlsdorfer Friedhof. In Kapelle acht, Kolumbarium seit 1997, sind bis heute Urnen in offenen Regalen verwahrt, deren Einäscherungsdatum um 1900 liegt und die aus dem ersten Krematorium an der Fuhlsbüttler Straße stammen. Ein weiteres Kolumbarium in Kapelle elf öffnete 2003, das dritte und neuste gibt es seit 2011 im sogenannten Forum. 192 Grabstätten stehen in der ehemaligen Feierhalle im Fritz-Schumacher-Bau zur Verfügung, davon sind 155 bereits belegt oder per Vorsorgevertrag vergeben. Das Besondere dort: Die Fächer sind mit Glasscheiben verschlossen, sodass die Urnen zu sehen sind. Angehörige können die Nischen selbst dekorieren, und diese Möglichkeit wird rege genutzt. Fotos, Steine und Muscheln, Engel und Teddys, ein Skat-Blatt und ein Sudoku-Heft, ein Lehrbrief mit Prüfungszeugnis sowie Fanartikel vom Hamburg-Becher bis zum St.-Pauli-Schal stehen und liegen in den Schränken. „Die Nischen werden sehr persönlich und individuell gestaltet. Hier entsteht etwas Vertrautes, Heimeliges“, sagt Andreas Bunkus von der Betreibergesellschaft Hamburger Friedhöfe AöR. Durch die Beisetzung oberhalb der Erde verändere sich außerdem noch etwas anderes, macht er deutlich: „Die Perspektive verschiebt sich.“ Und das ganz wörtlich genommen. ■ Die Nischen in den Kolumbarien sind je nach Laufzeit und Standort unterschiedlich teuer und liegen zwischen 4400 Euro im Mariendom und 6125 Euro in Ohlsdorf bei einer Ruhezeit von bis zu 25 Jahren.