Auf dem Heidenkampsweg, einer der unwirtlichsten Ein- und Ausfallstraßen Hamburgs nahe der Elbbrücken, fließt der Verkehr so flüssig, wie es nur früh an Sonntagen zu sehen ist. Von Krisenstimmung und Chaos keine Spur, jedenfalls nicht hier draußen im Grau des Spätherbstes. In einem an der Straße gelegenen Zweckbau sieht das zur gleichen Zeit gänzlich anders aus, in der großen Dependance des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) reiht sich Katastrophe an Katastrophe. Rund 60 Menschen haben sich zu dem Tageskurs „Erste Hilfe mit Selbstschutzinhalten“ angemeldet, viel mehr hätten kommen wollen, ist vom ASB zu hören. Aber schon diese Gruppe muss aufgeteilt werden, in den Räumen „Hafencity“ und „Bille“ soll schließlich jeder die Möglichkeit haben, sich einzubringen – und möglichst viel darüber mitzunehmen, wie die eigene Widerstandskraft zu stärken ist, auch die der Familie, des Netzwerks und damit der Gesellschaft. Das Fachwort dafür lautet Resilienz, es fällt an diesem Tag aber kein einziges Mal. Hier sitzen ganz normale Bürger – keine Politiker, keine Soziologen, nur ein Journalist, der sich inkognito angemeldet hat, um den Ablauf und die Aussagen nicht schon durch seine Anwesenheit zu beeinflussen. Deswegen werden in diesem Artikel auch keine Namen genannt. Und ganz normal heißt auch: Von klassischen Preppern, die sich für alles und gegen jeden wappnen, von Verschwörungserzählern oder anderen Irrlichtern der Gesellschaft ist hier nichts zu hören oder zu spüren. Gekommen ist vielmehr die deutsche Mittelschicht, etwas über dem Altersdurchschnitt, eher gehobenes Bildungsniveau, freundlich in ihrer Art und oft als Paar. Gleich nach der Begrüßung notieren die Teilnehmer ihre Katastrophenszenarien auf Zetteln, die später an einer Pinnwand diskutiert werden. „Klimawandel“, „kein Trinkwasser“, „Blackout“, „Sturmflut“, „großer Bahnunfall“, „keine Toilette“ ist zu lesen. Mit Abstand am häufigsten aber ist „Krieg“ zu lesen. Und das ist am Ende auch der Grund, warum es diese Kursreihen, bestehend aus mehreren Modulen, bundesweit gibt. Deutschland soll nicht nur wehrhafter nach außen, sondern auch nach innen werden, es soll Schützenpanzer bauen und sich Schutzpanzer antrainieren für etwas, das vielleicht kommt. Jedenfalls ist die Wahrscheinlichkeit durch den Angriff Russlands auf die Ukraine dafür gewachsen, der absehbare Ausfall der USA als Schutzmacht macht es nicht besser. Der Ernstfall muss vorbereitet werden, die EU-Staaten wollen nach Jahren der Wohlstandsmehrung eine Kultur der Krisenvorsorge entwickeln. In Hamburg bereiten sich die Institutionen gezielt vor, der Hafen, die Wasserversorger, die Krankenhäuser. Für die Bevölkerung selbst wird ein Programm über das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) (verlinkt auf https://www.bbk.bund.de/DE/Home/home_node.html) angeboten, umgesetzt wird es von den Organisationen, die auch im Katastrophenfall die Kooperationspartner sind, etwa die Malteser, die Johanniter, das Deutsche Rote Kreuz oder eben der ASB. Mehr als 400.000 Menschen sollen bundesweit schon daran teilgenommen haben. In Hamburg bietet der ASB (verlinkt auf https://www.asb-hamburg.de/startseite/) die Module 2 und 3 der Reihe, die sich an eine breite Öffentlichkeit richten, nur zweimal pro Jahr an. Der Herbstkurs war schon seit Monaten ausgebucht, sie sind kostenlos. Der ASB wiederum wird von dem Bundesamt dafür bezahlt und hat, jedenfalls an diesem Sonntag, als Kursleiter eine junge Frau, die ihren Bundesfreiwilligendienst ableistet, zwei weitere weibliche und einen männlichen Ehrenamtlichen abgestellt. Alle sind jung, alle sind etwas blass um die Nase, aber liebevoll engagiert dabei, dem älteren Publikum das nötige Krisenrüstzeug nahezubringen. Hamburg im Kriegsfall? Kein guter Standort Also, hinein in den Krieg im Tagungsraum Bille – das Flüsschen, das Hamburgs Osten durchzieht, ist bei einem Blick durch die Fenster zu sehen. Dass Hamburg im Falle eines Krieges ein besonders ungünstiger Standort ist, wird in den Gesprächen schnell klar, spätestens die jüngste Bundeswehr-Übung Red Storm Bravo hat das allen deutlich gemacht. Der Hafen würde ein wichtiger Ort für den Truppen- und Gerätetransport werden, das Airbus-Flugfeld ist als Ergänzung dazu ideal gelegen. Auch als Energie- und Handelszentrum dürfte die Hansestadt so ziemlich in der Mitte der Zielscheibe sein. Im Fall der Fälle, also wenn es zum Angriff kommt, besser mit dem Auto oder mit dem Rad flüchten, fragt einer. „Mit dem Auto kommt man doch schon heute nicht raus“, lautet eine lakonische Antwort eines anderen Teilnehmers. Gelächter. Auch darüber, dass E-Bikes ohne Akkuunterstützung so schwer zu treten sind, wird gesprochen. Gegenwartsprobleme treffen hier auf Schreckensszenarien, Alltag auf die „ganz große Scheiße eines Krieges“, wie Helmut Schmidt immer sagte. Es wäre leicht, sich über solche zusammengestrickten Schutzprogramme lustig zu machen, gerade in einigen Details. Aber wäre das angemessen? Die Sorgen der Menschen sind doch berechtigt, die früheren Netzwerke einer Gesellschaft, die in Krisenzeiten so wichtig sind, sind der großen Individualität gewichen – die aber nichts nutzt, wenn es kein sauberes Wasser mehr gibt oder eine Verletzung nicht behandelt werden kann, weil das Gesundheitssystem unter dem Andrang kollabiert ist. Was tun, wenn die Vollkasko-Mentalität unter dem Realitätsschock zerbröselt? Professorin Ursula Schröder, Direktorin des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg, hält zivile Vorbeugung für unbedingt ratsam, wie sie in einem WELT-Interview sagte: „Wir werden uns auf eine Zeit einstellen müssen, in der Krisen und Kriege weiter einen Einfluss auf unser Leben haben werden. Sei es durch die Inflation und ein Absinken des Wohlstands, sei es durch unsicherere Zukunftsaussichten im Hinblick auf den Klimawandel oder im Extremfall auch dadurch, dass der Staat nicht mehr in jeder Situation so handlungsfähig ist, wie es wünschenswert wäre.“ Man wisse aus Krisen der Vergangenheit, dass das persönliche Umfeld, die eigene Vernetzung in Familie, Vereinen, Verbänden und Nachbarschaften von großer Bedeutung ist. Netzwerke bilden, Verabredungen für den Krisenfall treffen, das ist auch eine der zentralen Botschaften dieses ASB-Krisenmoduls. Es sei eher unwahrscheinlich, dass alle Menschen einer Region wie Hamburg von einer Katastrophe in gleicher Weise betroffen sein würden. Schon ein faltbarer Kanister, mit dem ein paar Straßen weiter etwas Trinkwasser gezapft werden kann, würde helfen – aber auch, beglaubigte Kopien wichtiger Dokumente an einem anderen, ausreichend entfernten Ort zu lagern, sei sinnvoll. Insgesamt, das wird schnell deutlich, gibt es nicht die eine zentrale Maßnahme, die allein seligmachend ist. Das BBK hat eine Broschüre mit einer Checkliste veröffentlicht, die auch im Internet abrufbar ist. Wer sie sich genauer ansieht, dürfte ins Grübeln kommen, ob das wirklich alles nur an der Oberfläche kratzt. Was gehört in den persönlichen Notvorrat? Von größtem Interesse ist an diesem Tag das, was schnell und praktisch umsetzbar ist. Einer der Ehrenamtlichen hat dafür den Inhalt seines Notfallrucksacks auf einem Tisch ausgebreitet und auch Teile seines persönlichen Notvorrats an Lebensmitteln mitgebracht. Nudeln, Kekse, Nüsse, aber auch frische Waren wie Kohlrabi oder Äpfel sind darunter. Kein Geheimfood für Astronauten. „Wer viel Platz hat, kann sich einen Vorrat für mehrere Wochen bunkern und gut und trocken lagern. Zwei Wochen sind die Zeit, die dafür ausreichen soll, damit der Staat selbst im schlimmsten Fall ein neues Versorgungssystem aufgebaut hat“, sagt der junge Mann, der laut eigenen Angaben selbst schon in einigen Krisengebieten im Hilfseinsatz war und etwa aus dem überschwemmten Ahrtal weiß, dass ein Keller kein günstiger Lagerort sein kann. Wer weniger Platz habe, solle einfach auf Sicht einkaufen und immer so viel zu Hause haben, dass mit etwas Einschränkung und Kochfantasie eine längere Zeit überbrückt werden kann. Eine Regel gelte aber immer: „Nichts kaufen, was zu ungewohnt ist oder das nicht schmeckt. In Krisenzeiten will sich der Körper nicht auch noch umgewöhnen.“ Und wer gewisse Süchte habe, müsse auch dafür vorsorgen. Auf dem Tisch liegt auch eine große Schokolade. Zur Ausrüstung gehören auch technische Hilfsmittel, ein Gaskocher etwa, Wasserfilter, ein Kurbelradio, Akkus, Ladekabel, eine Powerbank und einiges mehr. Und etwas antrainierte Ortskenntnis könnte nicht schaden, etwa der Weg zum Bezirksamt, das in Hamburg für das örtliche Krisenmanagement zuständig ist, oder zur nächsten Polizeiwache sollte beherrscht werden. Im zweiten Teil des Tages wird es dann noch ein wenig handfester. Erneut werden Karten verteilt, zu notieren sind Einfälle, wie kranke oder verletzte Menschen ohne klassische Hilfsmittel transportiert werden können, von der Wolldecke bis zum Rollkoffer oder dem Segeltuch und einiges mehr gehen die Ideen. Dann wird geübt, mit Dreieckstüchern – übrigens, richtig eingesetzt, wahre Alleskönner – Verbände an Kopf, Knien oder Händen anzulegen, um Wunden wenigstens bis zur nächsten professionellen Hilfe schützen zu können. Am Nachmittag, nach acht Stunden Brainstorming, Listen abarbeiten und Wunden verbinden, strömen 60 im Selbstschutz weitergebildete Hamburger hinaus auf den Heidenkampsweg, der jetzt belebter ist. Zum Abschluss gibt es eine Art Urkunde, die besprochenen Punkte sind darauf aufgelistet. Ein Teilnehmer sagt, die Tür noch in der Hand, den wohl entscheidenden Satz des Tages: „Hoffentlich brauchen wir all das niemals.“