Welt 26.02.2026
06:34 Uhr

Die Lehren aus der Schlacht von Verdun für den Ukraine-Krieg


Mehr als ein Jahrhundert liegt zwischen der „Knochenmühle“ von Verdun 1916 und dem festgefahrenen Krieg im Osten der Ukraine. Es lassen sich verblüffende Ähnlichkeiten erkennen – und deutliche Unterschiede.

Die Lehren aus der Schlacht von Verdun für den Ukraine-Krieg

Allein die Wörter wirken traumatisierend: Heute wieder benutzte Begriffe wie „Schützengraben“ und „Stellungskrieg“ erinnern jeden geschichtsbewussten Europäer an das Grauen des Ersten Weltkriegs, für das in Deutschland wie Frankreich der Name der lothringischen Stadt Verdun steht. Hier fand von Februar bis Dezember 1916 eine der verlustreichsten Schlachten aller Zeiten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article6970a762707d4aa20757ba8d/350-000-tote-die-blutige-geburt-einer-neuen-kriegstaktik.html) statt: In 302 Tagen fielen auf beiden Seiten zusammen mindestens 300.000 Soldaten, von denen nur jeder zweite identifiziert werden konnte; weitere wenigstens 415.000 Mann wurden so schwer verwundet, dass sie aus dem Kampfgeschehen verlegt werden mussten. Durchschnittlich starben allein auf dem Schlachtfeld beiderseits der Maas rund tausend Mann – pro Tag. 110 Jahre später tobt wieder ein brutaler Krieg in Europa, diesmal rund 2000 Kilometer östlich, in der Ukraine. Die deutsch-britische Militärhistorikerin Beatrice Heuser (die auch einmal 2003 bis 2005 die Forschungsabteilung des damaligen Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr in Potsdam geleitet hatte, bis sie „auf eigenen Wunsch“ ausschied) zog jetzt im Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“ (verlinkt auf https://www.spiegel.de/geschichte/ukraine-historikerin-beatrice-heuser-ueber-die-parallelen-zum-ersten-weltkrieg-a-d6d19c4c-2678-42ea-a511-0a593daa2fd2) weitgehend Parallelen: „Wir sehen auch heute wieder Grabenkämpfe und eine Front, die sich kaum bewegt.“ Tatsächlich gibt es die eine oder andere Ähnlichkeit zwischen den beiden Kriegen. Damals wie heute plante der jeweilige Angreifer handstreichartige Vormärsche, die jedoch scheiterten und dann zu Stellungskriegen erstarrten. In beiden Fällen einigte die Notwendigkeit der Verteidigung die Bevölkerung des innerlich durchaus gespalteten Opfers der Aggression. Doch es gibt auch bedeutende Unterschiede: Die gesamte Schlacht um Verdun spielte sich auf einem Areal von insgesamt 250 Quadratkilometern ab; der Kernbereich maß sogar nur rund 100 Quadratkilometern zwischen Brabant und Aboucourt. Dagegen eroberte die russische Armee allein im Dezember 2025 eine Fläche von 244 Quadratkilometern (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article6994087ef1c55d28ade6aa02/institute-for-the-study-of-war-neue-daten-veroeffentlicht-ukraine-erobert-so-viel-territorium-wie-seit-zwei-jahren-nicht.html) , von denen die ukrainischen Verteidiger binnen einer fünftägigen Offensive im Februar 2026 etwas mehr als 200 Quadratkilometer wieder zurückgewinnen konnten. Trotzdem ist der Ukraine-Krieg verglichen mit anderen militärischen Konflikten des 20. und des bisherigen 21. Jahrhunderts natürlich viel mehr ein Stellungs- als ein Bewegungskrieg. Unter diesen Begriff fallen sinnvollerweise etwa der Sechs-Tage-Krieg Israels gegen die arabischen Staaten 1967 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article165385067/Sechstagekrieg-Israel-siegte-dank-diesem-getunten-Oldie-Panzer.html) , die Operation zur Befreiung Kuwaits 1991 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article224428924/Golfkrieg-1991-Wie-Saddams-Strategie-scheiterte.html) oder der – aus vielen Gründen zu Recht hochumstrittene – Feldzug der USA und Großbritanniens im Irak 2003 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article243586545/Irakkrieg-2003-Colin-Powells-wichtigste-Rede-wurde-zum-Schandfleck.html) . Eine weitere Ähnlichkeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Ukraine-Krieg liegt in der Strategie des Abnutzungskampfs: Entscheidend war damals und ist heute, wessen personelle und materielle Ressourcen zuerst zusammenbrechen. Ebenfalls ein interessanter Aspekt ist die Bedeutung der Logistik ins Kampfgebiet: Französischer Nachschub kam über die Voie Sacrée (verlinkt auf https://www.verdunbilder.de/umland/voie-sacree/) nach Verdun, eine Straße gerade außerhalb der Reichweite der deutschen Feldgeschütze. Anders ist die Lage in der Ukraine heute: Die technische Innovation der Kampfdrohnen hat auf beiden Seiten der eigentlichen Frontlinie einen oft mehrere Dutzende Kilometer tiefen Streifen geschaffen, in dem jede Bewegung aus der Luft oder per Artillerie gezielt attackiert werden kann. Angesichts dessen ist die Bedeutung von Kampfpanzern im gegenwärtigen Krieg viel geringer als von Militärexperten vorab vermutet. Stattdessen sind beide Seiten, die Russen als Angreifer natürlich in größerem Maße, zurückgekehrt zu einer Methode, auf die deutsche Offiziere als Lehre aus Verdun kamen: die Taktik des Stoßtrupps. Von 1917/18 bis zum Irakkrieg hingegen waren die schweren Kettenfahrzeuge (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article161137226/Zweiter-Weltkrieg-Kampfpanzer-taugen-wenig-fuer-den-Kampf-in-Staedten.html) in den meisten großen Konflikten eine (oder sogar die) entscheidende Waffe. Ähnlich ist hingegen die geringe Rücksicht des jeweils Angreifers auf die eigenen Soldaten. Nach dem Scheitern des grundsätzlichen deutschen Plans, durch eine begrenzte Offensive bei Verdun Franzosen und Briten zu schlecht vorbereiteten Entlastungsangriffen an anderen Frontabschnitten zu zwingen, die dann in Gegenstößen zum Durchbruch genutzt werden sollten, hatte Generalstabschef Erich von Falkenhayn (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article233768428/Erich-von-Falkenhayn-Er-wollte-Frankreich-ausbluten-lassen.html) auf das „Weißbluten“ der Franzosen gesetzt – ohne Rücksicht darauf, dass die eigenen Verbände in dieselbe Knochenmühle gerieten. Die russische Seite setzte diesen rücksichtslosen Ansatz im Ukraine-Krieg fort, der schon die Kampfweise russisch-zarischer Truppen im Ersten und Rotarmisten im Zweiten Weltkrieg dominierte. Bei den berüchtigten „Autobahnschlachten“ entlang der „Rollbahn“ zwischen Moskau und Minsk 1943/44 fielen 15-fach höhere Verluste bei den sowjetischen Truppen als beim Gegner, der 4. Armee der Wehrmacht mit dem Defensivspezialisten Gotthard Heinrici als Kommandeur. Der Ablauf war stets ähnlich: Die Attacken begannen mit einem ungeheuren Trommelfeuer aus sowjetischen Geschützen und Raketenwerfern – bis zu 260 Rohre waren pro Frontkilometer aufgefahren. Selbst Heinrici, der im Ersten Weltkrieg Kompaniechef und Bataillonskommandeur in Verdun gewesen war, zeigte sich ernsthaft beeindruckt von dem „pausenlosen Trommelfeuer“. Aber der deutsche Generaloberst wusste auch, was dagegen zu tun war: Beim ersten Anzeichen eines erneuten gegnerischen Angriffs zog er seine Truppen aus der vordersten Linie zurück, die dann von der Roten Armee zusammengeschossen wurde. So verfehlte der Feuerschlag die beabsichtigte Wirkung, auch wenn er die vorgesehenen Ziele traf. Wenn anschließend die sowjetischen Infanteriedivisionen mit Panzerunterstützung vorrückten, stießen sie knapp hinter der zerschossenen vorderen Befestigung auf intakte Stellungen der Wehrmacht – die wiederum ihre eigene Artillerie nicht angreifen konnte, weil die Geschütze nicht schnell genug nachgezogen werden konnte. Das Ergebnis: Die Offensive musste unter enormen Verlusten abgebrochen und der Rückzug eingeleitet werden. Insgesamt verlor die sowjetische Westfront, die am 12. Oktober 1943 nominell 310.900 Mann stark war, in den Monaten bis Ende März 1944 nach offiziellen Angaben 530.537 Gefallene oder kampfunfähig Verwundete – fast das Doppelte ihrer Ausgangsstärke. Heinricis 4. Armee dagegen zählte in derselben Zeit „nur“ 10.566 Tote und Vermisste sowie 24.490 Verwundete. Die tatsächlichen Verluste im Ukraine-Krieg sind gegenwärtig allerhöchstens vage zu schätzen, denn zumindest die russische Seite verbreitet fortlaufend viel zu niedrige Angaben, die Ukrainer laut mancher Mutmaßungen ebenfalls. Denn wie schon im Ersten Weltkrieg spielen auch im Ukraine-Krieg die Opferzahlen in der Durchhaltepropaganda beider Seiten eine zentrale Rolle. Schon diese wenigen Beispiele zeigen, welche Einsichten man aus der parallelen Betrachtung von Kämpfen auch über 110 Jahre hinweg gewinnen kann. Andere Facetten sind freilich in der Ukraine komplett anders als bei Verdun: So spielte 1916 die möglichst detaillierte Aufklärung gegnerischer Stellung nur eine theoretische Rolle – heute sind über Starlink verbundene Drohnen und direkt nach deren Sichtungen gesteuertes Artilleriefeuer schlichtweg entscheidend. Insgesamt ist wie so oft: Der Vergleich von Vergangenheit und Gegenwart fördert Ähnlichkeiten und Unterschiede zutage – und fördert damit, seriös angewendet, das Verständnis für aktuelle und künftige Ereignisse. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.