Um im Wald und am Bach zu toben, sind William, George Henry und Anne ein wenig zu elegant angezogen. Dass ihre adeligen Eltern sie dennoch vor einem Birkenwäldchen porträtieren ließen, beweist die Aufgeschlossenheit des britischen Ehepaares Lord und Lady Cavendish für die Ideale der Aufklärung. Denn das 1790 entstandene Gemälde von Thomas Lawrence, auf dem die drei rotwangigen Kinder unbeschwert und dynamisch in der Natur posieren, wirkt wie ein Programmbild der damals noch jungen pädagogischen Auffassung: Kinder sollen sich beim Spielen an der frischen Luft frei entfalten und entwickeln können. 150 Kinderbilder – Gemälde aus sechs Jahrhunderten Gleichzeitig macht das Auftragswerk deutlich, dass sich gesellschaftliche Werte an der Art und Weise ablesen lassen, wie Kinder dargestellt werden. Naturgemäß hat sich der Blick auf die Kindheit im Laufe der Epochen stark verändert. Die Ausstellung „Kinder, Kinder! Zwischen Repräsentation und Wirklichkeit“, die vom 28. November an im Bucerius Kunst Forum zu sehen ist, betrachtet die Zeit vom 16. bis zum 21. Jahrhundert und stellt rund 150 Kinderbilder von über 100 Künstlerinnen und Künstlern vor – darunter Maler wie Tizian, Philipp Otto Runge oder Paula Modersohn-Becker und Fotografen wie August Sander oder Nobuyoshi Araki. Katrin Dyballa, von der das Konzept der Schau stammt, hat die Werke nicht chronologisch, sondern thematisch gehängt. So entstehen zeitübergreifende Dialoge – wie zum Beispiel zwischen einem um 1805 von Friedrich Carl Gröger porträtierten jungen Mädchen mit Rüschenkragen und einer 2002 von Tina Barney im heimischen Umfeld fotografierten „Jungen Lady“ aus der Oberschicht. Beide Teenager blicken selbstbewusst und würdevoll. Maria mit Jesuskind als Ausgangspunkt Die Ausstellung startet mit religiösen Motiven: „Das Bild von Maria und dem Jesuskind war für viele spätere Darstellungen von Kindern in der abendländischen Kunst der Ausgangspunkt“, sagt Dyballa. Neben einer Anfang des 16. Jahrhunderts gemalten Madonna von Antonio Solario, deren Kind sehr verständig wirkt und sich seines Schicksals bewusst zu sein scheint, hängt das Gemälde einer Mutter mit Kind von Oskar Kokoschka – der die Kindheit als paradiesischen Zustand ansah. Es folgt eine in sich ruhende, ihr Baby stillende Maria, die Hendrick Bloemaert 1635 in naturalistischer Schönheit zeigt. Zwar waren in den protestantischen Niederlanden des 17. Jahrhunderts Marienbildnisse nicht sehr gefragt, doch es entstanden genrehafte Gemälde von Müttern, die Tugenden wie Sittsamkeit oder Frömmigkeit zum Thema hatten und dem Bürgertum als Vorbilder dienen sollten. Wie etwa die „Stillende Mutter“ von Nicolaes Maes, neben der eine begonnene Handarbeit liegt – als Symbol für Fleiß und Demut. Auch der Vater tritt gelegentlich in Erscheinung. So malte Abraham Vinck 1612 das Doppelporträt eines calvinistischen Gewürzhändlers und seines siebenjährigen Sohnes: Beide tragen sehr ähnliche Kleidung und haben die gleiche Handhaltung. Das Kind, so macht das Bild deutlich, soll seinem Vater in Glauben und Beruf nachfolgen; tatsächlich wurde der Sohn ebenfalls Händler. Dynastische Porträts als erste individuelle Kinderbildnisse Mit den dynastischen Porträts seien Ende des 15. Jahrhunderts die ersten individuellen Kinderbildnisse entstanden, erklärt Dyballa: „Die Habsburger waren darin Meister“. Indem sie ihre Kinder für die Ahnengalerie festhalten ließen, wollten die regierenden Fürsten ihren Herrschaftsanspruch über Generationen hinweg untermauern. Söhne und Töchter wurden gleichermaßen in Szene gesetzt, wobei die Mädchen-Porträts vor allem spätere Ehemänner beeindrucken sollten – wie Jakob Seiseneggers Bildnis der zweijährigen, in Samt und Seide gekleideten Erzherzogin Eleonore von Habsburg, die mit Perlen und Diamanten üppig geschmückt ist. So wurden die Regenten-Kinder stets wie kleine Erwachsene dargestellt, sei es als Thronerbe, Prinzessin, Feldherr oder Figur der griechisch-römischen Mythologie. Anthonis van Dyck etwa malte 1641 den elfjährigen Charles, Prince of Wales, der als englischer König Charles II. in die Geschichte einging, in einer Kavaliersrüstung, die zu dem jungen Gesicht nicht recht zu passen scheint. Ganz ohne Kleidung tritt der dreijährige Kronprinz Wilhelm II. von Oranien in einer Allegorie des Malers Gerrit van Honthorst auf: Der kleine Junge wird als geflügelter Amor dargestellt, seine beiden Schwestern verkörpern die Schicksalsgöttin Fortuna und die Blütengöttin Flora. In ihren antiken Rollen sollen die Kinder dem Land Wohlstand und Frieden, Reichtum und gute Ernten bringen. Von Kinderarbeit und „Kindern als selbstständige Wesen“ Seit dem 17. Jahrhundert entstanden auch Porträts von Kindern aus einfachen Verhältnissen. Der Spanier Bartolomé Esteban Murillo stellte zerlumpte Bettlerkinder dar, während Henriette Brown eine „Kinderstube“ malte, in der das älteste Mädchen für seine kleinen Geschwister sorgt und ihnen das Brot schneidet. Zum Thema Kinderarbeit malte Johannes Herst 1795 eine Seilerbahn, in der ein Junge und ein Mädchen die fertigen Seile per Kurbel aufrollen. Herbert List hingegen fotografierte 1945 ein holzsammelndes Kind zwischen Kriegstrümmern. Das Thema einer modernen Erziehung, also die Grundlage dafür, dass Kinder weder Abbilder ihrer Eltern noch politische Repräsentanten oder gar Arbeiter sein sollten, durchzieht die Ausstellung. Im Jahr 1657 erfand der Pädagoge Johann Amos Comenius die moderne Didaktik und bezog sich dabei auf den Renaissance-Humanisten Erasmus von Rotterdam. Er vertrat die Ansicht, dass Bildung nicht von Alter, Geschlecht oder Stand abhängen dürfe. So sah es auch der Arzt und Erzieher John Locke, der Ende des 17. Jahrhunderts dazu aufrief, Kinder nicht als unfertige Erwachsene, sondern als selbstständige, verständige Wesen anzusehen. Auf Locke wiederum, der die Sicht auf das Kind im Zeitalter der Aufklärung geprägt hatte, berief sich der Philosoph Jean-Jacques Rousseau im 18. Jahrhundert, indem er eine menschenfreundliche, kindgerechte Erziehung für alle empfahl. Kinder heute, mit Blick aufs Smartphone Durch die Reformpädagogik gewann nicht nur das Spiel in der freien Natur an Prestige, sondern auch Kinderzimmer und Spielsachen. „Spielzeug wurde zunehmend bedeutender und damit bildwürdig“, sagt Dyballa. Zu sehen sind Steckenpferde, Murmeln, Stofftiere und Verkleidungsstücke als Attribute der Kindheit und der Fantasiewelt von Kindern. So malte Johann Heinrich Wilhelm Tischbein die kleine Cornelia Amsinck 1805 mit ihrer Puppe, die einen großen Teil der Bildfläche einnimmt; ganz ähnlich ist das Gemälde von Lotte Laserstein aus dem Jahr 1933 aufgebaut, das einen kleinen Jungen mit Kasperle-Puppen zeigt. Rineke Dijkstra indes fotografierte 2022 ihre Tochter Julia, die ihr Smartphone fixiert. Wie die Vorgängerporträts ist auch dieses Kinderbildnis idealtypisch dazu geeignet, die Werte und Normen seiner Entstehungszeit – unserer Gegenwart – zu beschreiben. Bucerius Kunst Forum: „Kinder! Kinder! Zwischen Repräsentation und Wirklichkeit“, 28. November bis 6. April 2026