Welt 08.02.2026
07:06 Uhr

Die „Jugendlocke“ war in Mode – So lebten Mädchen und Jungen einst unter den Pharaonen


Vieles war ähnlich wie heute, doch manches eben ganz anders: Eine Schau in München widmet sich dem Aufwachsen von Kindern im Alten Ägypten. Wie ihr Alltag aussah und warum sie immer nackt dargestellt wurden.

Die „Jugendlocke“ war in Mode – So lebten Mädchen und Jungen einst unter den Pharaonen

Wer an das Alte Ägypten denkt, dem kommen Pharaonen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article255474390/Pharaonen-Grab-Sie-liessen-nicht-einen-von-den-Barbaren-leben-wie-seine-Majestaet-es-befohlen-hatte.html) , Pyramiden und Mumien (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article243417905/Mumie-Der-aegyptische-Junge-bekam-49-Amulette-fuer-die-Reise-ins-Jenseits.html) in den Sinn. Wie aber sah das Leben der normalsterblichen Menschen in der Zeit etwa zwischen 3000 vor Christus bis 500 nach Christus aus? Vor allem: Wie wuchsen die Kinder auf? Genau diesem bisher eher wenig beleuchteten Thema spürt noch bis zum 21. Juni 2026 eine Ausstellung im Münchner Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst unter dem Titel „Kindheit am Nil“ nach. Sie richtet sich an Jung und Alt gleichermaßen. Wer die Treppe zum 450 Quadratmeter großen Ausstellungsraum nach unten geht, wird von Familien in Empfang genommen, die einen in Form von Reliefs auf Stelen oder als Sitzfiguren begrüßen. Auch im Alten Ägypten war die Kindheit eine von Normen und Erwartungen geprägte Lebensphase – beeinflusst von Herkunft, Geschlecht und sozialem Stand. Die Statuette einer Frau, die ein Kind stillt, erzählt auch davon, dass der Nachwuchs bis etwa zum dritten Lebensjahr Muttermilch bekam. Mit welchen Utensilien das ging, zeigen eine Babytrinkflasche, ein Babytuch, Kinderschuhe und Kinderschmuck aus dem hauseigenen Bestand. Aus keiner anderen antiken Hochkultur haben sich so viele Textilien und Kleidungsstücke erhalten, die meisten aus Leinen. Die Geburt eines Kindes war ein freudiges Ereignis: Die Ankunft wurde verkündet, der Vater konnte einen Tag freinehmen, und zu Kindergeburtstagen wurden Einladungen verschickt. Wenn eine Mutter ihr Kind nicht stillen konnte oder wollte, wurde ein Vertrag mit einer Amme aufgesetzt. All dies erfährt man aus erhaltenen Papyrusrollen. Rund 190 originale Objekte erzählen unterhaltsame Geschichten: Wer lernte Lesen und Schreiben? Wie lebten die Kinder von Pharaonen, Priestern und Beamten? Gab es Freizeit im heutigen Sinne? Faszinierend ist vor allem das Zusammenspiel von Kunstexponaten, wissenschaftlichen Erkenntnissen und interaktiven, spielerischen Elementen. So können Besucher in altägyptische Kinderkleidung schlüpfen, an Duftstationen die Gerüche von Gewürzen erschnuppern, das Schreiben von Hieroglyphen üben und ein historisches Brettspiel ausprobieren. Kinder waren in der Regel zuständig dafür, Lebensmittel zu beschaffen und einzulagern. Sie säten Getreide aus, ernteten Gemüse und sammelten Früchte. Das belegt ein bemaltes Wandstück mit einem Palmnüsse einsammelnden Jungen. Abbildungen zeigen aber auch Kinder, wie sie spielend im Kreis herumlaufen, beim Raufen ihre Kräfte messen, sich Bälle zuwerfen oder jonglieren. Nur wenige Spielzeuge aus Holz, Ton, Stoff oder Pflanzenfasern haben sich erhalten. Aber sie beweisen: Die Freude an Bewegung und Spiel war durchaus Bestandteil des Alltags. Ab der Pubertät begann für die Heranwachsenden dann der Ernst des Lebens. Mädchen wurden verheiratet, Jungen erlernten einen Beruf, oft den ihres Vaters. Nur sehr wenige – meist Jungen aus wohlhabenden Familien – erhielten Schulunterricht und konnten Beamte werden. Es gab keine Schulpflicht, kein festes Einschulungsalter und keinen verbindlichen Lehrplan. Königskinder dagegen wurden schon früh auf ihre Rolle als Repräsentanten ihres Standes oder als mögliche Thronfolger vorbereitet. Sie lebten im Palast, einem abgeschirmten, streng organisierten und vom Hofzeremoniell geprägten Bereich. In der Kunst wurden Kinder nicht einfach als verkleinerte Erwachsene dargestellt, sondern mit typischen Merkmalen versehen: zumeist nackt, mit auffälliger Jugendlocke: einer dicken, geflochtenen Strähne an der rechten Seite des rasierten Kopfes und einem Finger am Mund. Obwohl Kinder in Wirklichkeit oft Kleidung zum Schutz vor Sonne und Tieren trugen, sollte ihre Nacktheit auf ihre noch nicht voll entwickelte gesellschaftliche Rolle hinweisen. Dabei erreichte die Hälfte aller Kinder nicht das Erwachsenenalter, was eine Kindermumie und ein liebevoll bemalter Sarg vor Augen führen. Rund 20 Prozent starben im ersten Lebensjahr, weitere 30 Prozent innerhalb der ersten fünf Jahre. Besonders kleine Mädchen und Jungen wurden manchmal auch unter den Böden von Häusern oder in verlassenen Siedlungsbereichen bestattet: in Matten, Holzboxen, Körben, Tongefäßen oder ausgehöhlten Baumstämmen. Die Ausstellung „Kindheit am Nil – Aufwachsen im Alten Ägypten“ ist bis 21. Juni 2026 im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München, Gabelsbergerstraße 35, zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags von 10.00 bis 20.00 Uhr, mittwochs bis sonntags von 10.00 bis 18.00 Uhr sowie feiertags von 10.00 bis 18.00 Uhr. Fällt ein Feiertag auf einen Montag, hat das Museum geöffnet.