Welt 19.12.2025
07:25 Uhr

„Die Goten machten jeden nieder, der ihnen in den Weg kam“


Nach dem Tod Theoderichs des Großen drohte dem Reich der Ostgoten in Italien der Untergang. Aber dem jungen König Totila gelang es, die byzantinischen Heere zurückzuschlagen. Im Dezember 546 siegten seine Truppen im ersten Kampf um Rom.

„Die Goten machten jeden nieder, der ihnen in den Weg kam“

„Wie der Aufgang der Morgensonne aus dunklem Nachtgewölk, Licht und Segen bringend und unwiderstehlich, wirkte seine Erhebung.“ So rühmte der Historiker und Schriftsteller Felix Dahn (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Dahn) den Gotenkönig Totila (reg. 542–552). „Glück und Sieg flogen vor ihm her ... die Herzen der Menschen erschlossen sich vor ihm fast ohne Widerstand.“ Weil Dahns 1876 erschienenes Buch „Ein Kampf um Rom“ bereits zu Lebzeiten des Autors mehr als 120 Auflagen erlebte, hat sich das Bild vom jugendlichen Heldenkönig tief in die deutsche Erinnerungskultur eingeprägt. Auch vielen Altertumswissenschaftlern in der Gegenwart gilt Totila als Lichtgestalt. Das dürfte auch mit den dunklen Zeiten zusammenhängen, in denen Kriege und Pest die Mittelmeerwelt erschütterten und in denen ihre einstige Metropole Rom fast aller Menschen beraubt worden sein soll. So zumindest berichtet es ein Zeitgenosse, der Historiker Prokop (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article224528086/Kaiserin-Theodora-I-Der-Purpur-ist-ein-schoenes-Leichentuch.html) , der als enger Mitarbeiter des byzantinischen Feldherrn Belisar (den Totila besiegte) den Gotenkönig als „ausgesprochen einsichtig, tatkräftig und hoch angesehen unter den Goten“ beschrieb. Beispielhaft breitete Prokop sein Urteil in den Geschehnissen um den 17. Dezember 546 aus, dem Tag, an dem Totila erstmals die Eroberung von Rom gelang. Damals lagen die glücklichen Tage des Ostgotenreichs in Italien schon viele Jahre zurück. Unter ihrem Führer Theoderich war es einem Kriegerverband mit Billigung Ostroms 493 gelungen, die Herrschaft des Söldnerführers Odoaker zu beseitigen und einen Staat auf der Halbinsel zu errichten, dem bald die Führung unter den Germanenreichen auf dem Boden des ehemaligen Weströmischen Reiches zukam. Aber nach dem Tod des Königs 526 zerrütteten Nachfolgekämpfe das Reich. Das wurde für die Goten existenziell, als es einem byzantinischen Expeditionskorps unter Belisar gelang, 534 binnen weniger Monate das Vandalenreich in Nordafrik (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article168560081/Germanen-vs-Rom-So-vernichtete-Ost-Rom-das-Reich-der-Vandalen.html) a zu zerschlagen. Kaiser Justinian I. erkannte die Chance, weitere Teile des Westens seinem Imperium einzugliedern. 535 landete der Byzantiner Belisar in Süditalien (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article194109707/Justinian-I-Mit-dieser-Armee-gelang-die-Rueckeroberung-Roms.html) und eröffnete einen „Vernichtungsfeldzug mit genozidalen Tendenzen“, so der Althistoriker Mischa Meier (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Mischa_Meier) . Die italischen Eliten, denen Theoderich zwar Zugang zur Zivilverwaltung eröffnet, sie aber von der militärischen Macht ausgeschlossen hatte, begrüßten die „Restauratio Imperii“, während sich die zerstrittenen Goten nicht zu einer geschlossenen Abwehr aufraffen konnten. Rom und die Hauptstadt Ravenna wurden erobert, das Land zur byzantinischen Provinz. Nur in einigen Städten nördlich des Po hielten sich noch gotische Große, die sich mit dem Ende ihres Reiches nicht abfinden wollten. Sie wählten 541 Totila zum König. Totila (korrekt: Baduila) war ein Neffe des kurzzeitigen Ostgotenkönigs Hildebad. Sein Geburtsjahr ist unbekannt. Er wird als junger Mann geschildert, dem es mit Mut und Umsicht gelungen war, die gotische Herrschaft über die Stadt Treviso zu sichern. Dass er ein Kind seiner Zeit war, bewies seine erste Maßnahme. Als Bedingung für die Übernahme der Königswürde forderte er die Hinrichtung seines direkten Vorgängers, was auch geschah. Dann nahm er mit wenigen tausend Soldaten den Kampf gegen das Oströmische Reich auf. Dass es Totila gelang, binnen kurzer Zeit mehrere byzantinische Heere zu schlagen und zahlreiche Städte zu befreien, erklärt sich zum einen mit seiner militärischen Kompetenz und seinem Charisma, das Prokop wohl treffend dargestellt hat. Zum anderen fehlte Justinians Generälen ein Oberbefehlshaber, der ihre Einsätze koordinierte, denn Belisar war in Konstantinopel in Ungnade gefallen und abberufen worden. Da in den vorangegangenen Kämpfen große Teile der gotischen Elitetruppen gefallen waren, scheute sich Totila nicht, Kriegsgefangene, Landarbeiter und Sklaven in sein Heer einzureihen, das bald 20.000 Mann gezählt haben soll. Mit ihnen zog er nach Süditalien. Benevent und Cumae wurden erobert. Nach mehrmonatiger Belagerung ergab sich Neapel, dessen Garnison er freien Abzug gewährte; nur wenige Verräter wurden getötet. Totilas Milde, die sich deutlich von der Vernichtungsstrategie der Byzantiner abhob, verschaffte ihm viele Sympathien. Sie reichten allerdings nicht aus, um die Kriegskasse der Goten zu füllen. Daher überließ der König Venetien den Franken, die damit zugleich die Sicherung der Nordostgrenze übernahmen. Da er jedoch nicht auf einen funktionierenden Fiskus zurückgreifen konnte, verwandelte sich sein Heer in „eine Gewaltgemeinschaft, deren materielle Existenz durch Requisitionen und Beute gesichert wurde“ (Hans-Ulrich Wiemer). „Alle Italiker hatten unter beiden Heeren aufs schwerste zu leiden; raubten ihnen doch die Goten Grund und Boden, während die Kaiserlichen sich an der beweglichen Habe vergriffen“, schreibt Prokop. 545 zog Totila vor das zwar machtlose, aber symbolträchtige Rom und begann mit der Belagerung. Zwar war Belisar mit einer kleinen Truppe wieder nach Italien zurückgekehrt, konnte aber nicht eingreifen. Nachdem es den Goten gelungen war, die Getreideschiffe aus Sizilien aufzubringen, zermürbte der Hunger die Stadt. Während der byzantinische Stadtkommandant Bessas seine Vorräte zu enormen Preisen an Wohlhabende verkaufte, soll es in den ärmeren Quartieren zu Kannibalismus gekommen sein. Schließlich fiel am 17. Dezember 546 die Stadt. „An einfachem Volke waren nur fünfhundert in der ganzen Stadt geblieben, die sich jetzt mit knapper Not in die Heiligtümer retteten“, behauptete Prokop, was wohl übertrieben war. Um seine Leute für die Strapazen zu entschädigen, überließ Totila ihnen die Stadt zum Plündern. Dabei kam es zu Massakern. „Die Goten aber machten jeden nieder, der ihnen in den Weg kam“, schreibt Prokop. Dem Diakon und späteren Papst Pelagius gelang es, den König zum Eingreifen zu bewegen. Bessas und seine Gefolgsleute ließ er sogar entkommen. Noch dreimal sollte die ehemalige Hauptstadt des Römischen Reiches in der Folge den Besitzer wechseln. Über alle Gewalt suchte Totila wiederholt den Ausgleich mit Ostrom. Dessen Schwäche erklärte sich weniger mit den Kämpfen in Italien, als vielmehr mit dem Krieg gegen die persischen Sasaniden an der Ostfront, deren Heere tief nach Syrien vordrangen. Ein weiterer Grund war eine Seuche, die als Justinianischen Pest in die Geschichte eingegangen ist; als Verursacher wurde inzwischen das Bakterium Yersinia pestis identifiziert, der Auslöser der Pest. Man schätzt, das damals bis zu einem Viertel der Reichsbevölkerung ums Leben gekommen ist. Justinian I. aber blieb hart. Nach Abschluss eines Friedensvertrages mit den Sasaniden stellte er ausreichende Mittel für eine erfolgreiche Invasion in Italien bereit. Die Flotte, mit der die Goten für einige Jahre Sizilien und Dalmatien plünderten, wurde aufgerieben. Mit 30.000 Soldaten fiel General Narses 552 auf dem Landweg in Italien ein. Totila erkannte, dass er einem Abnutzungskrieg nicht gewachsen war, und suchte Anfang Juli bei den Busta Gallorum (Grabhügeln der Gallier) in Umbrien die Entscheidung. Er fiel und mit ihm mehr als 6000 Goten. Mit dem Schlachtentod seines Nachfolgers Teja war das Ostgotenreich wenige Monate später Geschichte. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.