Die Schnelligkeit, mit der Napoleon Bonaparte auf seiner Ägypten- Expedition 1798 das Regime der Mamluken zu Fall (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article166847700/Aegypten-1798-Bonaparte-zerstoerte-das-Reich-muslimischer-Kriegssklaven.html) brachte, führte den Untertanen des Osmanischen Reiches drastisch vor Augen, dass „die Umkehrung des Hergebrachten“ begonnen hatte, wie es in einer Chronik heißt. Das alt gewordene Weltreich, das formal von Algerien bis zum Arabischen Golf und von der Donau bis in den Sudan reichte (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article170093546/Osmanisches-Reich-Wie-Sklavenjaeger-einen-deutschen-Pascha-ermordeten.html) , war auf dem besten Wege, der „kranke Mann“ zu werden, als das es im 19. Jahrhundert gern bezeichnet wurde. Der „allgemeine Ruin“ eröffnete zupackenden (und skrupellosen) Akteuren die Chance, große Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen und den Sultan im fernen Konstantinopel einen guten Mann sein zu lassen. Einer von ihnen war Tepedelenli Ali Pascha (ca. 1741–1822). Auf dem Höhepunkt seiner Macht Mitte der 1810er-Jahre umfasste sein Reich das südliche Albanien und weite Teile Nord- und Mittelgriechenlands bis an die Küste der Ägäis. Doch anders als sein Kollege Mehmed Ali, der Ägypten bis zu seinem Tod faktisch selbstständig regierte, endete Alis Karriere am 5. Februar 1822 vor den Toren seiner Hauptstadt Ioannina, indem man ihm den Kopf abschlug. Ali wurde um 1741 in Tepelena im Süden Albaniens geboren. Als Albaner gehörte er einer Bevölkerungsgruppe an, die in großen Teilen den Islam angenommen hatte und die daher zu den wichtigsten Gefolgsleuten der Osmanen im Vielvölker-Teppich der Balkanhalbinsel gehörte. Sein Vater brachte es bis zum Rang eines Paschas und Statthalters von Delvina, hatte aber in den inzwischen endemischen Konkurrenzkämpfen im Reich Macht und Leben verloren. Für den Sohn bedeutete das ein Aufwachsen in Not und öden Felsgehängen, wie es der deutsche Historiker Karl Mendelssohn Bartholdy (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Mendelssohn_Bartholdy) formulierte, der Ali eine biografische Skizze gewidmet hat: „Das Schicksal schien an seine Jugend gleichsam eine Mahnung zu richten, eine Aufforderung zur Rache für erlittene harte Familienschmach.“ Das Handwerkszeug dafür brachte sich Ali bei, indem er in die Berge unter die Räuber ging. Damit ausreichend qualifiziert, trat er 1782 in die Dienste des Statthalters von Berat in Südalbanien, der ihn brüskierte, indem er dem talentierten Krieger die Hand seiner Tochter versprach und wieder entzog. Außerdem nahm er Alis Schwester und Mutter in Haft. Diese trug daraufhin ihrem Sohn auf: „Ich will erst ruhig sterben, wenn ich die Kissen meines Bettes mit den Haaren der Frauen von Gardiki (der Ort ihrer Misshandlungen; d. Red.) gestopft habe.“ Ali destillierte daraus sein Lebensziel: „Macht, Schätze, Paläste“. Der Weg dorthin war steinig, buchstäblich, denn er führte erneut in die Berge, wo das Recht des Stärkeren galt. Während die regulären Truppen und (oft albanisch-stämmige Milizen) der osmanischen Statthalter die Täler beherrschten, bekämpften sich in den Gebirgen der bewaffnete Anhang zumeist christlicher oder muslimischer Warlords, deren Loyalität gegenüber dem Sultan sich in Treueschwüren und gelegentlichen Tributzahlungen erschöpfte, und Räuberbanden, die darauf verzichteten. „Mit Vorsicht und katzenartiger Schlauheit“ machte sich Ali daran, „Gewalt und Bestechung“ zum Mittel seines Aufstiegs zu machen, schreibt Mendelssohn. Nachdem sich Ali in den Bergen als charismatischer Anführer bewiesen und damit eine ergebene Truppe zusammengebracht hatte, erprobte er seine Taktik am Pascha von Delvina. Nachdem er sich als Truppenführer eingeschmeichelt hatte, verriet er dessen Kontakte zu den Venezianern an den Sultan und ließ seinem Dienstherrn den Kopf abschlagen. Die Beförderung zum Pascha war der Lohn. Wieder folgte er seinem Motto „Das Wasser schläft, aber nie der Eigennutz“ und machte ein Vermögen, indem er Räuberbanden regelrechte „Raubdiplome“ verkaufte. Ein Teil des Geldes sandte er nach Konstantinopel, wo man ihm diesen Beweis seiner Loyalität mit dem Kommando über eine Polizeiaktion gegen die Banditen dankte. Damit war seine Truppe stark genug, um das von Parteikämpfen erschütterte Ioannina in die Hand zu bekommen. Die Stadt am Pamvotida-See, von der aus Fernhandelsrouten zwischen Adria und Hauptstadt kontrolliert werden konnten, baute Ali zum Zentrum einer halbautonomen Herrschaft aus, die er immer weiter nach Griechenland und Albanien vorschob. Vor allem die Soulioten leisteten Widerstand, christliche Klans, die um die heutige Grenze zwischen Griechenland und Albanien lebten. Ali machte sich zum Anwalt muslimischer Interessen und eröffnete einen wechselhaften Kleinkrieg, der Ende 1803 in der Eroberung von Parga gipfelte. Um nicht in Gefangenschaft zu geraten, nahmen „60 Frauen ihre Kinder in die Arme, eilten auf einen Felsvorsprung, der in luftiger Höhe über dem (Fluss) Acheron überhing“, berichtet Mendelssohn. „Hier umarmten sie ihre Kinder ein letztes Mal und schleuderten sie in den Abgrund ... Dann reichten sie sich die Hände, begannen die Romaika zu tanzen, und singend sprang eine jede, wie die Reihe sie traf, von der schwindelerregenden Klippe herab.“ (Seit 1960 erinnert ein monumentales Denkmal über Zalongo im Westen Griechenlands an ihren Heldentod.) In seinen Erinnerungen gab ein französischer Söldner ein Beispiel für Alis Boshaftigkeit: „Die Einbildungskraft jedes Soldaten wurde aufgestachelt, um neue Folterungsarten zu ersinnen, und wer von ihnen am erfindungsreichsten war, genoß den Vorzug, sie selbst am Opfer zu erproben.“ Das hinderte Sultan Selim III. nicht, seinem Statthalter den dritten Rossschweif zu verleihen. Zu jener Zeit hatte es Ali mit seiner skrupellosen Schaukelpolitik bereits so weit gebracht, dass er in den napoleonischen Kriegen von Engländern und Franzosen umworben wurde. Die Ionischen Inseln im Visier, hielt er es mal mit diesen, mal mit jenen. Die Insel gewann er nicht, dafür aber mit Billigung Londons, ein quasi unabhängiges Territorium zwischen Adria und Ägäis. „Schätze und Truppen standen ihm reichlicher zu Gebote als dem Diwan (Regierung des Sultans; d. Red.)“, schreibt Mendelssohn. Für Engländer wie Lord Byron gehörte es zum guten Ton, auf ihren Orientreisen „dem großen ,Pascha‘ von Epirus ihre Huldigungen darzubringen“, den man mit dem antiken König Pyrrhus (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article143611548/Pyrrhussieg-Noch-so-ein-Sieg-und-Griechenland-ist-verloren.html) verglich. Er errichtete weltliche Schulen, baute Wasserleitungen und sorgte für sichere Straßen. Dabei übersah man gern die Schattenseiten seiner Erziehungsdiktatur. Denn wie Muhammad Pascha in Ägypten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article117758905/Islam-und-Militaer-Aegyptens-Armee-seit-1811-Bahnbrecher-der-Moderne.html) setzte auch Ali auf eine Modernisierung nach westlichem Vorbild und brach Widerstand mit Gewalt. Ein liberaler Kopf wie Mendelssohn (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Mendelssohn_Bartholdy) rühmte ihn dafür, dass er „der Civilisation in Form des modernen Absolutismus Bahn gebrochen“ habe. Aber die säkulare Aufklärung, die damit verbunden war, bereitete ihm den Untergang. Als Ali wieder einmal einen Konflikt mit einem Statthalter-Kollegen vom Zaun brach, präsentierte sich dieser in Konstantinopel als Verteidiger des Islam. Sultan Mahmud II. (reg. 1808–1839) entzog (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article250528326/Osmanen-Wie-Sultan-Mahmud-II-die-Janitscharen-durch-Kanonen-zum-Schweigen-brachte.html) Ali seine Gunst. Daraufhin schloss dieser ein Bündnis mit griechischen Gruppen, die einen Aufstand gegen die osmanische Herrschaft vorbereiteten. Sogar die Soulioten, die Ali viele Jahre bekämpft hatte, machten ihren Frieden mit ihm. Als aber 1820 ein türkisches Heer Ioannina einschloss, erinnerten sich seine Partner an seine diversen Wortbrüche und ließen ihn im Stich, als er den Befehl zum Ausbruch aus seiner Hauptstadt gab. Bis zum Oktober 1822 hielten die Verteidiger stand, dann kapitulierte die Garnison. Mit der Drohung, seine Schätze und seinen Harem in die Luft zu sprengen, konnte sich Ali bis zum 5. Februar 1822 auf einer Insel halten, dann stieß man dem Greis den gekrümmten Dolch ins Herz. Der Kopf wurde in Salz eingelegt und dem Sultan übersandt. Damit gewann Ali Pascha als tragischer Wegbereiter des griechischen Freiheitskampfes, der 1821 ausgebrochen war (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article228950591/Griechische-Revolution-Sultan-erhaengte-Patriarchen-an-der-Kirchentuer.html) , einen Platz in den Geschichtsbüchern. Seine übrige Karriere überließ man dagegen gern dem Schweigen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte das 19. Jahrhundert zu seinem Arbeitsgebiet.