Denkbar brutal waren das Land und seine Einwohner aus dem schönen Traum gerissen worden. Fast zwei Jahrhunderte lang hatte es in Schweden keine politisch motivierte Gewalt mit tödlichen Folgen gegeben, genau genommen seit dem Mord an König Gustav III. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article237556283/Tod-auf-dem-Maskenball-So-starb-Gustav-III-von-Schweden.html) auf einem Maskenball in Stockholm 1792. Und nun das: Auf der Straße war der beliebte Premierminister Olof Palme erschossen worden, genau genommen am Freitag, dem 28. Februar 1986, um 23.21 Uhr. Ziemlich genau 36 Stunden später, mittags am 2. März 1986, gab der frisch ernannte Chefermittler Hans Holmér (verlinkt auf https://www.aftonbladet.se/nyheter/a/zL7pQv/hans-holmer-dod) im überfüllten Saal des Polizeipräsidiums einen ersten Lagebericht: „Wir legen ein Mosaik mit sehr kleinen Steinchen“, sagte der Polizeichef der schwedischen Hauptstadt zu Beginn. Dann wurde der Jurist, der auch schon Staatsanwalt sowie Chef der nationalen Spionageabwehr gewesen war, konkret: „Olof Palme ist von einer Kugel aus einem Revolver Kaliber .357 getroffen worden.“ Das Projektil sei in den Rücken des Sozialdemokraten eingeschlagen, habe ihn tödlich verletzt und sei dann vorn wieder aus seinem Körper ausgetreten. Ein zweiter Schuss habe Lisbet Palme gestreift und die Ehefrau des Regierungschefs geringfügig verletzt. „Ungewöhnlich“ sei das Geschoss, teilte Holmér der Weltpresse mit: „Wir haben in unserem Archiv etwa 500 verschiedene Arten, diese ist nicht darunter.“ Es handele sich um eine neun Millimeter durchmessende Kugel mit Bleispitze und Kupfermantel – eine spezielle Produktion. Diese Mitteilung war eine von erstaunlich vielen Fehlleistungen bei den Ermittlungen rund um das prominenteste Verbrechen der neueren schwedischen Geschichte. Denn nur einen Tag später widerlegte das deutsche Bundeskriminalamt die Einlassung des Schweden. Dorthin waren Fotos der Munition gefunkt worden, und die Experten in Wiesbaden konnten sofort Auskunft geben. Schon nach der vorläufigen Auswertung der Bilder stammte sie aus einer Massenherstellung und war lediglich in Schweden nicht zu kaufen, wie ein BKA-Sprecher gegenüber WELT bestätigte. Was war geschehen? Am frühen Freitagabend hatte sich Schwedens Ministerpräsident, ein linksorientierter Sozialdemokrat (verlinkt auf https://olofpalme.arbark.se/) , spontan entschlossen, mit seiner Frau, dem gemeinsamen Sohn und dessen Freundin ins Kino zu gehen. Im Stockholmer Grand Cinema stand die schwedische Komödie „Die Mozart-Brüder“ auf dem Programm. Wie üblich bei privaten Terminen verzichtete Olof Palme auf Personenschutz. Kurz nach 23 Uhr kamen die vier aus dem Kino und trennten sich. Mit Lisbet machte sich der Ministerpräsident zu Fuß auf den Weg zur nächsten U-Bahn-Station, doch sie gingen nur 350 Meter weit: Gegen 23.21 Uhr, die Palmes hatten gerade die Kreuzung Sveavägen und Tunnelgatan erreicht, knallte es plötzlich zweimal. Der 59-jährige Olof brach zusammen. Zeugen sahen, dass ein Mann in die Seitenstraße Tunnelgatan rannte und an deren Ende eine Treppe hinauf. Hier wurde er das letzte Mal gesehen. Binnen weniger als drei Minuten war der erste Streifenwagen vor Ort, einige Sekunden später eine Ambulanz. Um 23.28 Uhr schoben Sanitäter den Niedergeschossenen in den Krankenwagen und rasten los Richtung Sabbatsberg-Hospital (verlinkt auf https://en.wikipedia.org/wiki/Sabbatsberg_Hospital) . Doch die Ärzte in der Notaufnahme dort konnten nur noch seinen Tod feststellen. Währenddessen begann eine schier unglaubliche Reihe von Fehlern. Sie führten dazu, dass die Ermittlungen die längsten und teuersten wurden, die in Schweden je geführt wurden – und trotzdem zu keinem Ergebnis führten. Allein bis 1996, zehn Jahre nach dem Mord, beliefen sich die Gesamtkosten auf mehr als eine halbe Milliarde Kronen (nach Kaufkraft umgerechnet heute rund 100 Millionen Euro). Noch 2011, ein Vierteljahrhundert nach dem Attentat, erhielten die Ermittler durchschnittlich drei Hinweise pro Tag, etwa tausend im Jahr. Das Beweismaterial füllt nach vier Jahrzehnten insgesamt 3600 Aktenordner. Denn obwohl es einen Mord gegeben hatte, wurden zunächst nur wenige Quadratmeter des unmittelbaren Tatortes auf dem Bürgersteig abgesperrt; zahlreiche Schaulustige und wohl auch Trauernde versammelten sich rundherum. So kam es, dass nicht Experten der Spurensicherung, sondern Passanten am Morgen des 1. März auf der Westseite des Sveavägen (also gegenüber dem Tatort) das erste Geschoss fanden – es war der Streifschuss, der Lisbet Plame verletzt hatte. Die andere, tödliche Kugel entdeckte einen Tag später mittags ein weiterer Schaulustiger auf der anderen Straßenseite. Durch den Vergleich der Bleilegierung mit Spuren in Palmes Leiche war klar, dass es sich tatsächlich um die Geschosse des Attentäters handelte. Der nächste Fehler war die allererste Täterbeschreibung, die gegen 1.10 Uhr in der Nacht zum 1. März veröffentlicht wurde. Sie beruhte auf der Mitteilung eines einzigen Zeugen, eines Taxifahrers, und lautete: „Die Polizei sucht nach einem Mann zwischen 35 und 40 Jahren mit dunklen Haaren und einem langen, dunklen Mantel.“ Die Aussagen anderer Zeugen, die den mutmaßlichen Täter als älter, gleichwohl aber geschmeidig in seinen Bewegungen beschrieben, blieben zunächst unberücksichtigt. Eine Woche nach dem Mord veröffentlichte die Polizei eine Phantomzeichnung, die zu einer Fülle von Hinweisen aus der Bevölkerung führte, denen die Ermittler nachgingen. Jedoch stellte sich später heraus, dass der Zeuge, auf dessen Aussage die Skizze basierte, wahrscheinlich den Täter gar nicht hatte sehen können. Die Fehlleistungen setzten sich fort: 1988 geriet der Kleinkriminelle und bereits 1970 wegen Totschlags in eine psychiatrische Klink eingewiesene Christer Pettersson (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article150389694/Mordfall-Olof-Palme-Ein-aufgetauchter-Magnum-Revolver-gibt-Raetsel-auf.html) in den Fokus der Ermittlungen. Zwar identifizierte die Witwe Lisbeth Palme ihn als Täter, doch die Gegenüberstellung war fehlerhaft. Der zum Zeitpunkt des Mordes am Premier 39-jährige Verdächtige humpelte etwas, bewegte sich jedenfalls nicht „geschmeidig“. Ebenfalls als belastend galt, dass er kein Alibi für die Tatzeit hatte, aber Bekannte zu gewinnen versuchte, für ihn falsch auszusagen. In einem ersten Prozess wurde Pettersson Ende Juli 1989 trotz verschiedener Zweifel schuldig gesprochen. Das Berufungsgericht hob dieses Urteil jedoch nur gut drei Monate später schon wieder auf – der Beschuldigte bekam Haftentschädigung, wenngleich weniger als gefordert. Die Witwe forderte gleichwohl (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article483946/Olof-Palmes-Witwe-fordert-erneutes-Gerichtsverfahren.html) ein neues Verfahren, für das es aber keine Rechtsgrundlage gab. Jahrelang gab es eine Fülle weiterer Vermutungen, doch nie irgendwelche handfesten Indizien, geschweige denn Beweise. Auch gestanden etwa 130 Personen unabhängig voneinander den Mord, wurden überprüft – und von der Liste der Verdächtigen wieder gestrichen, weil sie nachweislich nicht über Täterwissen verfügten oder gar nicht zur Tatzeit am Tatort gewesen sein konnten. Der Journalist Thomas Pettersson, nicht verwandt mit dem 2004 nach einem Treppensturz mutmaßlich durch einen epileptischen Anfall verstorbenen Christer Pettersson, veröffentlichte 2018 die These, der Mordzeuge und Ersthelfer Stig Engström (verlinkt auf https://palmemordet.fandom.com/wiki/Stig_Engstr%C3%B6m) könnte in Wirklichkeit der Täter gewesen sein. Das passte jedoch nicht zur Wahrnehmung anderer Zeugen, nach denen der Todesschütze weggelaufen sei. Engström war 2000 gestorben, möglicherweise durch Selbstmord. Trotzdem stellte die Stockholmer Staatsanwaltschaft 2020 mit Verweis auf Engström die Ermittlungen ein (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article209307329/Schweden-Ermittler-benennen-Moerder-von-Olof-Palme-und-stellen-Ermittlungen-ein.html) ; Ende 2025 jedoch wurde diese Aussage wieder kassiert (verlinkt auf https://www.svt.se/nyheter/inrikes/motivering-till-nedlaggningsbeslut-om-palme-utredning-andras) . Das Verfahren blieb dennoch, fast 40 Jahre nach der Tat, eingestellt: Es gebe keine Aussicht mehr, das Attentat aufzuklären und einen Täter strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Anfang 2003, wenige Monate vor dem Mord an Schwedens Außenministerin Anna Lindh, veröffentlichte er das Buch „ Attentäter. Mit einer Kugel die Welt verändern (verlinkt auf https://www.welt.de/print/wams/article121973587/Wie-eine-Kugel-die-Welt-veraendert.html) “.