Welt 02.01.2026
07:17 Uhr

Die Engländer machten unter den Franzosen keine Gefangenen


Die Schlacht zwischen Engländern und Franzosen 1415 bei Azincourt zählt zu den berühmtesten des Hundertjährigen Krieges. Enguerrand de Monstrelet hat sie in seiner Chronik beschrieben. Die Illustration dazu hat jedoch nichts mit der Realität zu tun.

Die Engländer machten unter den Franzosen keine Gefangenen

Während in Konstanz das große Konzil tagte, das endlich das Schisma zwischen den Päpsten in Rom und Avignon beenden sollte, flackerte im Westen erneut der Konflikt auf, der als Hundertjähriger Krieg zwischen Frankreich und England in die Geschichte eingegangen ist. Seit 1337 bekämpften sich die Dynastien Plantagenet und Valois über die Frage, wer wem gegenüber durch diverse Heiraten lehensabhängig sei und welche Erbschaften damit verbunden waren. Zeitweilig konnten die Engländer durch aufsehenerregende Schlachtensiege bei Crécy (1346) und Poitiers (1356) ihre Herrschaft auf weite Teile Frankreichs ausdehnen, doch war dieses Imperium um die Wende zum 15. Jahrhundert dahingeschmolzen. Mit einem groß angelegten Feldzug wollte der 29-jährige Heinrich V. aus dem Hause Lancaster, einer Nebenlinie der Plantagenets, die englischen Besitzungen restituieren. Im August 1415 landete er mit 2000 Rittern und 8000 Fußsoldaten in der Normandie und schloss die Hafenstadt Harfleur ein. Aber die Belagerung zog sich hin, sodass der französische Hof – da König Karl VI. als „wahnsinnig“ galt, übernahm der Connétable Charles I. d’Albret das Kommando – eine Armee mobilisieren konnte, während ihre englischen Gegner durch Hunger, Kälte und Krankheiten dezimiert wurden. Als sich Heinrich nach Calais durchschlagen wollte, wurde er am 25. Oktober bei Azincourt von den Franzosen gestellt. Nur wenige Jahre später hat der französische Chronist Enguerrand de Monstrelet die Schlacht beschrieben. Berühmt ist die Buchmalerei in seinem um 1450 beendeten Werk, die die Aufstellung der beiden Heere vor der Schlacht zeigt. Das Erstaunliche daran: Kaum ein Detail ist korrekt wiedergegeben, wie der Historiker Martin H. Schulz in der Zeitschrift „ Militärgeschichte (verlinkt auf https://zms.bundeswehr.de/de/publikationen-ueberblick/militaergeschichte-zeitschrift-historische-bildung-heft-2025-4-6033930) “ des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr ausführt. Auf der rechten Seite hat der unbekannte Illustrator die englisch-walisischen Truppen platziert, auf der linken die Franzosen, kenntlich gemacht durch ihre unterschiedlichen Uniformen. Beide Heere werden als gleich groß dargestellt. Vor den Linien der schwer bewaffneten Panzerreiter sind dicht gedrängt Bogenschützen aufgezogen, die ebenfalls Harnische tragen. Zwischen den Bognern sieht man Soldaten, die zu Fuß kämpfen und die nur an ihren Lanzen zu erkennen sind. Beide Heere stehen sich auf ebenem und freiem Gelände gegenüber. Mit einem Pfeilhagel haben die Schützen das Gefecht bereits eröffnet. Aber so war es nicht. Bereits am Abend des 24. Oktober hatten die Franzosen ihre erschöpften Gegner gestellt. Da es für eine Schlacht zu spät war, lagerten beide Heere unweit voneinander. Am frühen Morgen bezogen sie ihre Positionen. Regen setzte ein. Vier Stunden verharrten die Kontrahenten einen Kilometer voneinander getrennt. Da die Franzosen den Weg nach Calais blockierten, setzten sie darauf, dass sich Heinrich zuerst bewegen musste – nach den militärischen Erfahrungen der Zeit war das ein Nachteil. Anders als auf dem Bild dargestellt, wurde das Schlachtfeld jedoch von Wald eingerahmt. Das begrenzte die Schlachtreihen und hinderte Charles I. d’Albret daran, seine zahlenmäßige Überlegenheit auszuspielen. Denn die Heere waren keineswegs gleich stark. Hatte man früher ein Zahlenverhältnis von etwa drei zu eins zugunsten der Franzosen angenommen, kommen neuere Untersuchungen auf ein Verhältnis von drei zu zwei. Deutlich war der Unterschied in Ausrüstung und Formation der Truppe. Viele Engländer, vielleicht sogar das Gros, dürften den berühmten Langbogen geführt haben. Diese Waffe war bis zu 1,80 Meter lang. Mit ihr waren sechs Schüsse pro Minute möglich, die, wie moderne Experimente zeigen, Panzerplatten durchschlagen konnten. Ihre Träger waren freie Männer, die ihre Waffen regelmäßig übten; Heinrich hatte sie vertraglich für den Feldzug geworben. Mit seiner königlichen Autorität konnte der englische König seine Adelsreiterei auch dazu bewegen, abzusitzen und die nur leichtbewaffneten Bogner zu schützen. Bei den Franzosen handelte es sich dagegen zumeist um Aufgebote des Adels, der kaum bereit war, den Anweisungen des Connétable zu folgen. Große Namen wie die Herzöge von Alençon und Bar stritten sich darum, einen Platz in vorderster Linie zu bekommen, der nicht nur Ruhm, sondern auch hochrangige Gefangene versprach, die lukrative Lösegelder bedeuteten. Da die Zahl der Schützen, von denen einige Bogen, die meisten aber wohl Armbrüste führten, wesentlich kleiner war als die der Engländer, wurden sie hinter den Rittern aufgestellt. Aus denen wurden drei Treffen formiert, während die Engländer es wohl wegen ihrer geringeren Zahl bei einer Schlachtreihe beließen. An den Flanken zogen einige hundert Panzerreiter auf, die als Vorhut die feindlichen Leichtbewaffneten attackieren sollten. Nach vier Stunden erschöpfenden Wartens im Regen gab Heinrich seinen Leuten den Befehl, den Abstand zum Gegner um etwa 700 Meter zu verringern. Damit gerieten die Franzosen in das Schussfeld der englischen Bogner, die zwar keine Harnische – wie auf der Illustration – dafür aber eine andere Defensivwaffe mit sich führten: massive, angespitzte Pfähle, die jetzt im Abstand von einem Meter in den Boden gerammt wurden. Über Spieße, wie auf dem Bild dargestellt, dürften nur wenige auf beiden Seiten verfügt haben. Sicher ist, dass der Pfeilhagel der englischen Bogenschützen die französische Vorhut zum Angriff provozierte. Der Regen hatte jedoch den Ackerboden in einen Morast verwandelt, in dem die schwer gepanzerten Ritter ihre Geschwindigkeit nicht entfalten konnten. Sie boten den Langbogen leichte Ziele. Viele fielen. Als die Überlebenden zurückwichen, stießen sie auf das erste Treffen der Franzosen zu Fuß, das sich mühsam durch den Schlamm bis vor die englischen Feldbefestigungen arbeitete. Tote und Verwundete bildeten dort einen regelrechten Wall aus Eisen. „Zugleich drückten von hinten die Reste des ersten und das zweite Treffen gegen die vorn kämpfenden Franzosen und presste diese regelrecht in die englischen Speere und Lanzen“, schreibt Schulz. Nachdem sie ihre Pfeile verschossen hatten, griffen auch die Bogner an der Seite der englischen Ritter in den Kampf ein. Auf dem vom Regen aufgeweichten Boden hatten sie den großen Vorteil der Beweglichkeit zwischen den vielen toten Gewappneten. Spätestens jetzt muss Panik die so lange siegessicheren Franzosen ergriffen haben. Da diese noch eine dritte Reihe schwerbewaffneter Reiter zur Verfügung hatten, gab Heinrich gegen Mittag den Befehl, alle Gefangenen zu töten. Damit wollte er zum einen verhindern, dass sich seine Leute eher mit der Bewachung potenzieller Lösegeldzahler beschäftigten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article174789797/Reislaeufer-vs-Landsknechte-Die-Schweizer-Fusstruppen-machten-keine-Gefangenen.html) als mit dem Feind. Zum anderen schien es möglich, dass sich die Franzosen noch einmal gegen ihren Feind wenden würden. Die edelsten und reichsten Gefangenen wurden allerdings ausgespart. Kurz nach Mittag waren zwischen 1500 und 2000 französische Adelige tot, die Elite der französischen Ritterschaft. Die Engländer zählten nur einige Hundert Gefallene. Dem Rest stand der Weg nach Calais frei. Im Vertrag von Troyes musste Karl VI. Heinrich V. als Schwiegersohn und künftigen König anerkennen. Dessen früher Tod rettete Frankreich jedoch aus seiner schwierigen Lage. Diese doppelte Asymmetrie – französische numerische Überlegenheit bei ungleich höheren Verlusten – wurde in der Malerei in Monstrelets Buch nicht sichtbar. Zum einen bedienten sich der Chronist und sein Illustrator dabei der traditionellen Formensprache der Zeit. Sie folgte den Konventionen einer Schlachtbeschreibung und nicht der Realität. Hinzu kam, dass Monstrelet, aus niederem Adel der Picardie stammend, ein Parteigänger der in Burgund regierenden Nebenlinie der Valois war. Deren Oberhäupter paktierten im Hundertjährigen Krieg zwar wiederholt mit dem englischen König. Aber bei Azincourt kämpften die Brüder von Johann Ohnefurcht, Anton von Brabant und Philipp von Nevers, auf der Seite Frankreichs und fielen auf dem Schlachtfeld. Weder waren Monstrelet und sein Maler Augenzeuge der Schlacht, noch hatten sie Interesse daran, die eigenen Leute als unterlegen darzustellen, resümiert Scholz. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Militärgeschichte zu seinem Arbeitsgebiet.