Ein Regierungschef und einer, der es bald werden will, stehen am Freitagnachmittag im Hof des Klosters Schöntal, tief in der winterkalten Provinz von Baden-Württemberg: Manuel Hagel und Hendrik Wüst, beide CDU, letzterer der Ministerpräsident der schwarz-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen. Er ist ein paar hundert Kilometer südwärts ins Ländle gereist und leistet Schützenhilfe. Hagel, der Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 8. März, hat gute Aussichten darauf, bald einer von Wüsts Amtskollegen zu werden. Der 37-jährige Schwabe erklärt den 50-jährigen Westfalen Wüst zum großen Vorbild und nennt ihn „einen der prägendsten Modernisierer Deutschlands“. Wüst stehe für eine „moderne Christdemokratie“. Hagel schätzt auch Wüsts präsidialen Regierungs- und Kommunikationsstil: nicht polarisieren, sondern gemäßigt, ausgewogen sprechen, zusammenführen statt zu spalten. Wüst gilt in Umfragen als zweitbeliebtester Politiker bundesweit und zählt zur Führungsreserve hinter Bundeskanzler und CDU-Bundesparteichef Friedrich Merz. Am Schöntaler Kloster präsentiert sich Hagel demonstrativ als Lernender. Als ein Journalist die Frage aufwirft, welche Tipps Hagel jetzt gebrauchen könnte, entgegnet Wüst nicht weniger anerkennend: „Er braucht von mir keinen Tipp. Was ich hier sehe, ist hochprofessionell. Das macht ihr prima.“ Einig sind sie in der Ablehnung der AfD Die beiden Familienväter mit kleinen Kindern schätzen sich also gegenseitig. Sie sind sich auch einig in ihrer kategorischen Ablehnung der AfD. Es ist für ambitionierte Christdemokraten grundsätzlich hilfreich, Wüst an ihrer Seite zu wissen. Der Ministerpräsident ist zugleich Landeschef der NRW-CDU. Der mitgliederstärkste Landesverband bestimmt die Richtung der gesamten Partei mit, auch in Personalfragen. Der Schwabe und der Westfale erklären am Kloster, dass sie mit ihren beiden Bundesländern – zusammen „eine der stärksten Wirtschaftsregionen Europas“ - eine industriepolitische Allianz, insbesondere in den Chemie- und Pharma-Bereichen, bilden und im Bundesrat abgestimmt agieren wollen. Ganz ähnlich hat sich Hagel auch mit Bayerns Ministerpräsident und CSU-Parteichef Markus Söder verbündet. Der schwäbische CDU-Spitzenkandidat lässt keinen Zweifel daran, dass er auch bundespolitisch gern ein großes Rad drehen würde. Doch vorher muss er die Landtagswahl gewinnen. Hagel hat sich mit seiner Landespartei eine günstige Ausgangslage erarbeitet. Die Christdemokraten liegen in der neuesten Umfrage (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article69720d4b28aa17d2d28c3276/baden-wuerttemberg-gruene-ziehen-in-umfrage-an-afd-vorbei-spd-verliert-deutlich.html) weiter vorn – mit unverändert 29 Prozent. Von den Befragten präferieren nach wie vor mehrheitlich 40 Prozent eine CDU-geführte Regierung. „Mit bleibet stabil“, ist in der Partei zu hören. Im Wort „stabil“ schwingt Erleichterung mit, weil sich der Wert im vergangenen turbulenten Vierteljahr nicht verschlechtert hat, obwohl es vor allem auf Bundesebene in der schwarz-roten Koalition gehörig gerumpelt hat und Gegenwind aus Berlin kam. Es klingt zugleich Ernüchterung durch, weil die CDU nicht wieder über 30 Prozent kommt, wie vor einem Jahr. Die Grünen mit ihr wesentlich bekannteren Frontmann Cem Özdemir (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article692c416936b2b6845f1be283/parteitag-wir-koennen-auto-oezdemir-wirbt-fuer-bodenstaendige-gruene.html) haben derweil um drei Prozentpunkte auf 23 Prozent zugelegt und die AfD überholt, die um einen Prozentpunkt auf 20 Prozent zurückgefallen ist. Bei der Frage, wer die nächste Landesregierung führen soll, legen die Grünen um zwei Prozentpunkt auf 32 Prozent zu, und die AfD fällt um zwei Prozentpunkte auf 19 Prozent ab. Von diesem Freitag an sind es noch 44 Tage bis zur Entscheidung. Der Wahlausgang gilt auch als erster wichtiger Stimmungstest für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in diesem Jahr. In Kloster Schöntal haben sich 200 Funktionsträger und Spitzenpolitiker der Südwest-CDU zur traditionellen Klausurtagung versammelt. Beim üblichen Jahresausblick geht es dieses Mal vor allem um die Einstimmung auf den Endspurt im Wahlkampf. Für die neuen Landtagskandidaten gibt es ein „Bootcamp“, eine Art Trainingslager, Mentalitätskurse und, wie es ein hochrangiger schwäbischer Christdemokrat fast liebevoll beschreibt, ein „Familientreffen“. Am Samstag will Hagel einige Beschlüsse vorstellen, um zusätzlichen Drive in den Wahlkampf zu bringen. Das entscheidende Signal hat er schon vorher gesetzt: Es geht um „Wirtschaft, Wirtschaft und nochmals Wirtschaft.“ Im Mittelpunkt steht: Hagel. Riesige Wahlplakate im Klosterhof geben einen Fingerzeig darauf, wie ab Montag flächendeckend im riesigen Bundesland gekleistert wird. Ein erfahrener Weggefährte betont, dass zwischen der Klausur und dem Wahltermin in 44 Tagen noch Welten lägen. Hagel tourt und tourt, Özdemir bleibt dennoch beliebter Hagel tourt seit Monaten durchs weite Land, absolviert zahllose Termine vor Ort, will sich bekannter machen. Es bleibt eine mühsame Mission, denn auf die hypothetische Frage, wenn man direkt zum Ministerpräsidenten wählen würde, liegt Özdemir weiterhin vorn. Selbst eine Mehrheit der CDU-Anhänger ist zufriedener mit Özdemirs als mit Hagel. Der frühere Grünen-Parteichef und Bundeswirtschaftsminister Özdemir gibt sich ultrapragmatisch, was seiner eigenen Partei einiges abverlangt, und ungemein anschlussfähig an die CDU. Doch die hadert schon lange mit den Grünen. Die grün-schwarze Koalition hat ihren Glanz verloren. Hagel würde eine Deutschland-Koalition mit SPD und FDP vorziehen, doch fehlt diesem Bündnis weiterhin eine Mehrheit in den Umfragen. Bei allen Gemeinsamkeiten unterscheiden sich Wüst und Hagel deutlich in ihrer Haltung zu den Grünen. Wüst regiert in NRW überaus konstruktiv und vertrauensvoll mit den Grünen, lobt sie demonstrativ für ihren Realo-Kurs, selbst wenn es um Verschärfungen in der Sicherheitspolitik und zusätzliche Befugnisse für die Polizei geht. Ein wichtiger Grund für Wüsts milden Blick dürfte auch darin liegen, dass seine CDU der deutlich stärkere Koalitionspartner ist und immerhin auf 36 Prozent in den Umfragen kommt. Der Schwabe Hagel hingegen will den scheidenden grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann beerben und muss sich stärker profilieren. Er will deutlich machen, dass die CDU nun die stärkere politische Kraft ist, was wiederum den bisher dominanten Grünen noch schwerfällt, zu akzeptieren. Sich ein eigenes Standing zu erarbeiten, das bedeutete für Hagel auch, dem Kanzler in den vergangenen Monaten immer wieder Contra zu geben. Die Abweichung von der Schuldenbremse, die Merz im Bundestagswahlkampf noch für unveränderbar erklärt hatte, gilt weiterhin als größte politische Hypothek unter potenziellen CDU-Wählern. Hagel hat sich in seinem Unmut über Merz‘ finanzpolitischem Sündenfall aber nicht eingekapselt, sondern hebt die positiven Aspekte der Kanzlerschaft hervor. „Wir haben Rückenwind vom Bund“, betont Hagel im Klosterhof. Für kaum eine andere Region in Europa sei das internationale Geschäft, sei der Freihandel, „so wichtig wie für unser Land, und Friedrich Merz geht voran in der Europäischen Union. Und er geht voran international“, lobt Hagel. Eine solche diplomatische Lernkurve hat auch Wüst schon hinter sich. Kristian Frigelj (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/kristian-frigelj/) berichtet für WELT über bundes- und landespolitische Themen, insbesondere aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.