Welt 07.03.2026
07:19 Uhr

Der heilige Berg im Hochsauerlandkreis


Seit Langem wird vermutet, dass die Menschen der vorrömischen Zeit die Bruchhauser Steine in Westfalen als Kultplatz nutzten. Jetzt wurden in Gipfelnähe zwei rituell niedergelegte Beile gefunden. Das nährt die These, dass hier die Verbindung zur Anderswelt der Götter gesucht wurde.  

Der heilige Berg im Hochsauerlandkreis

An einem Samstag im November 2024 vibrierte das Handy des Archäologen Manuel Zeiler. Am anderen Ende meldete sich der Heimatforscher Matthias Dickhaus. Ihn hatte Zeiler zwei Tage zuvor damit beauftragt, ein bestimmtes Areal an den Bruchhauser Steinen mit dem Metalldetektor abzugehen. „Wir hatten vereinbart, dass er mit der Sondierung auf dem Feldstein beginnen soll“, erzählt Zeiler. Dieser 45 Meter hohe Fels bei Olsberg ist mit gesicherten Stufen ausgestattet und leicht begehbar. Jahr für Jahr steigen dort viele Hundert Wanderer bis zum Gipfelkreuz. Nicht gerade optimale Voraussetzungen für archäologische Sensationen. Man habe diesen Felsen nur aus Gründen der Vollständigkeit ausgewählt, sagt Zeiler: „Wir wollten sichergehen, dass wir nichts übersehen, haben aber nicht damit gerechnet, dass wir an einem derart frequentierten Tourismus-Spot etwas finden würden.“ Doch nun meldete Dickhaus einen Treffer: Er habe eine eiserne, sehr alte Klinge eines Beils entdeckt.  Am Nachmittag desselben Tages rappelte Zeilers Handy ein weiteres Mal. Der Sondengänger hatte eine zweite Beilklinge freigelegt. „Niemand verliert dort oben zufällig ein Beil“, sagt Zeiler, „und schon gar nicht zwei Beile auf einmal.“ Dazu kam, dass der Sondengänger von einer auffälligen Anordnung der beiden Klingen im Boden sprach. Dickhaus sei seit Jahren als ehrenamtlicher Mitarbeiter für die Bodendenkmalpflege des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) unterwegs, sagt Zeiler, er sei versiert im Umgang mit Metalldetektoren und geschult darin, Funde nach den Regeln der Archäologie zu vermessen und zu registrieren. So hatte Zeiler bereits an diesem Samstag keinen Zweifel: Die Beile hatten es in sich. Am 5. März 2o26 haben die Archäologen des LWL die Entdeckung an den Bruchhauser Steinen der Öffentlichkeit vorgestellt – eine „mystische Entdeckung“, so verhieß bereits die Terminankündigung. Denn es war nicht bei den beiden Beilen geblieben. Eine dreitägige archäologische Grabung im Sommer 2025 brachte weitere Auffälligkeiten ans Licht. Unter den beiden Klingen stießen die LWL-Forscher auf eine verfüllte Grube im Gestein. „Diese Grube entstand dadurch, dass dort oben am Feldstein Quarz abgebaut wurde“, erklärt Zeiler. Dieser Quarz sei an Ort und Stelle auf einer Steinplatte und mit einem runden Stein zerstoßen und zermahlen worden. „Zum Schluss wurde die Grube samt Steinplatte und Pochstein zugeschüttet.“ Schon diese Verfüllung sei ungewöhnlich, sagt der Forscher. Genauso gut hätten die Bergleute der Vorgeschichte sich die Arbeit sparen können und die ausgebeutete Quarzgrube offen zurücklassen. Doch damit nicht genug: Zu guter Letzt legten sie ihre Beile über die Grube – akkurat, im rechten Winkel zueinander. „Es sind Beile, die lange im Gebrauch waren“, sagt Zeiler, bei der Restaurierung habe sich gezeigt, dass sie mehrfach repariert und mit neu aufgeschmiedeten Klingen versehen worden waren. Die Stiele waren zwar längst verrottet, aber man fand noch Holzreste in den Löchern, in denen sie einst gesteckt hatten. Für Zeiler sieht das Ensemble danach aus, als sei es darum gegangen, nach erfolgtem Quarzabbau „die Wunde im Berg wieder zu verschließen“. Er spricht von einem „feierlichen Ritual“. Für solche religiösen Assoziationen im Zusammenhang mit den Bruchhauser Steinen gibt es gute Gründe. Die vier weithin sichtbaren Felspyramiden aus vulkanischem Porphyr (Feldstein, Bornstein, Goldstein und Ravenstein), die aus dem bewaldeten Rücken des Istenbergs im Hochsauerlandkreis herausragen, stehen seit Langem im Ruf, in der Vorgeschichte als Kultstätte gedient zu haben. Ihre markante Erscheinung, der dichte Wald zwischen den Steinen, eine aus dem Fels hervortretende Quelle – all das macht sie geradezu zum Klischeebild dessen, was man sich landläufig unter einem germanischen oder keltischen Naturheiligtum vorstellt. Kein Wunder also, dass auch die Nationalsozialisten die Bruchhauser Steine für ihre ideologischen Zwecke entdeckten. Sie hatten vor, das Gelände zu einer NS-Thingstätte umzumodeln. Umgesetzt wurden diese Pläne dann aber doch nicht. Beweise für die Kultstätten-These? Vorerst Fehlanzeige. Erst die Forschungen der letzten Jahrzehnte erbrachten konkrete Hinweise. So konnte durch Untersuchungen und Grabungen gezeigt werden, dass die mächtigen Erdwälle aus dem 5. bis 3. Jahrhundert vor Christus, die man lange Zeit für Überreste von Festungsanlagen einer Fluchtburg gehalten hatte, für eine strategische Verteidigung gänzlich ungeeignet waren. Auch fehlten Siedlungsspuren im Boden, die es hätte geben müssen, wenn Menschen auf dem Gelände gelebt hätten. Doch welchen Zweck konnte eine derart gigantische, aber unbewohnte Anlage sonst haben? Mögliche Antwort: Kultplatz. Rituell genutzten Plätze auf Bergen kennt man von keltischen Höhenburgen etwa im süddeutschen Raum. Manuel Zeiler, Spezialist für die Eisenzeit, also die Jahrhunderte vor der römischen Expansion nördlich der Alpen, ist allerdings zurückhaltend, wenn es darum geht, die damaligen Bewohner des Sauerlands als Kelten zu bezeichnen. Genauso gut, sagt er, könne es sich um Germanen handeln. Sicher sei nur, dass es Einflüsse aus den nachweislich keltischen Zivilisationen etwa im Süden Deutschlands gebe.  Den nächsten Hinweis an den Bruchhauser Steinen fanden Archäologen im Jahr 2013 bei einer Geländeprospektion: einen kostbaren Armreif. Schon damals vermutete Zeiler, dass dieses eisenzeitliche Schmuckstück nicht verloren oder weggeworfen worden war – sondern absichtlich deponiert. Auch damals sprach er von einem möglicherweise kultischen Akt. Wenige Jahre später wurde diese Annahme bestärkt durch den Fund einer eisernen Lanzenspitze, die offensichtlich nicht im Kampf, sondern mit voller Absicht umgebogen worden war. Nun also die Beilklingen, die Grube mit dem zerkleinerten Quarzgestein, der Schlagstein. Anhand von kleinen Holzkohlestücken, die Zeilers Team in der Verfüllung der Grube fand, ließ sich die Freiluftwerkstatt datieren: Hier wurde ungefähr in jener Zeit gearbeitet, der auch der Armreif, die Lanzenspitze und die Wälle unterhalb der Steine zuzuordnen sind.  Einen rein wirtschaftlichen oder alltagspraktischen Abbau von Rohstoffen schließt Manuel Zeiler aus. „Wenn es nur darum gegangen wäre, Quarz zu gewinnen, hätte man das viel leichter am Fuß der Felsen haben können.“ Dort seien die Quarzadern im Gestein breiter und ergiebiger als dort oben. Doch welche Beweggründe hatten die Menschen, ausgerechnet an einer schwer zugänglichen Stelle auf dem höchstgelegenen und exponiertesten Felsen des Bergrückens das Quarz aus einem kleinen Loch zu hauen und zu feinen Körnern zu zerkleinern? Zeilers These geht so: „Es ist denkbar, dass Quarz von diesem erhöhten Ort für die Menschen der Eisenzeit von großer Bedeutung war.“ Um das zu erklären, verweist der Forscher auf den Begriff der Anderswelt, der in der keltischen Mythologie für jenen Raum gestanden habe, in dem Götter und Geister zu Hause waren. Höhlen oder Berge konnten Zugänge zu dieser Anderswelt sein. Gut möglich, sagt Zeiler, dass man auch den Feldstein damit in Verbindung brachte. Doch welchen Sinn könnte es gehabt haben, Quarz an einer heiligen Stätte abzubauen? Dieser Frage will Manuel Zeiler als nächstes nachgehen. „Quarz wurde in der Eisenzeit häufig dem Ton handgetöpferter Gefäße beigemengt“, sagt er. Bislang sei man davon ausgegangen, dass dies die thermischen Eigenschaften der Keramik verbessern sollte. Zeiler vermutet nun, dass etwas anderes dahintersteckt. Möglicherweise, sagt er, sei Quarz vom Feldstein Bestandteil „besonderer, vielleicht ritueller Gefäße“ gewesen. Die Forschung geht also weiter. Bei Materialanalysen eisenzeitlicher Gefäße wird sich zeigen, ob der beigemischte Quarz vom Feldstein stammt.