An einem sonnigen Wintertag sitzt David Walker am Esstisch in seinem Haus in Hamburg – und wartet. Er wartet seit Jahren. Auf eine Antwort, auf ein Stück Papier, auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Walker – der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte – ist 67 Jahre alt, Brite und seit Langem in Deutschland zu Hause. Und doch fühlt er sich bis heute nicht zugehörig. Ein Zustand, den er weniger mit den Bürgern verbindet, vielmehr mit der Bürokratie. Und so ist der Fall Walker nur einer von vielen. Zwar hat Hamburg im vergangenen Jahr 11.532 Menschen eingebürgert, so viele, wie noch nie. Gleichzeitig jedoch stauen sich in der Hansestadt die Verfahren: Mit Stand von Mitte Februar befinden sich 31.946 Anträge in Bearbeitung, wie das Amt für Migration auf Anfrage mitteilt. Aufgrund des erheblichen Aufkommens betrage die durchschnittliche Wartezeit auf eine Einbürgerung „aktuell mindestens 17 Monate“ – für David Walker, der seit über 30 Jahren in der Bundesrepublik lebt, zu lang. „Ich fühle mich der Bürokratie ausgeliefert, den Abläufen, die vielleicht schneller gingen, wenn sich jemand meine Unterlagen einmal ansehen würde“, sagt Walker, als er WELT AM SONNTAG seine Geschichte erzählt. Diese handelt davon, wie ein überlastetes System Menschen mit dutzenden Formularen in Warteschleifen parkt. Wie fehlende Kommunikation zu Entfremdung statt Integration führt. Und wie ein Land, das händeringend Fachkräfte sucht, jene verliert, die längst hier sind. Walkers Weg beginnt im Februar 1979, als der Brite mit einer abgeschlossenen Möbelhaus-Lehre nach Deutschland kommt. „Die hierzulande stationierten US-Streitkräfte fanden damals nicht genügend englischsprachige lokale Mitarbeiter und rekrutierten gezielt Engländer und Iren“, erinnert er sich. Rasch ergattert er einen Job und fängt wenige Wochen nach seiner Ankunft als Sachbearbeiter bei der US‑Armee in Heidelberg an, beim Ingenieurkorps. Das Hauptkommando, bestehend aus Soldaten und Zivilisten, ist seinerzeit etwa für Infrastruktur, Katastrophenschutz und Instandhaltung der europaweiten Wohnungen der US‑Armee zuständig. Vier Jahre arbeitet der Engländer bei den amerikanischen Streitkräften – und wird hierzulande heimisch. „Ich mochte Deutschland sofort“, betont Walker, der in der Grafschaft Kent aufwuchs, im Südosten von Großbritannien. Obwohl er anfangs kaum ein Wort Deutsch spricht, nimmt er die Lebensweise und Kultur „gerne an“, die „vielen positiven Eigenschaften“, die er „bis heute liebt“. Walker lernt die Sprache, bildet sich weiter, schließt ein berufsbegleitendes Aufbaustudium zum Marketing-Kaufmann ab und ist später im Management mehrerer international agierender Firmen tätig, zunächst in Mannheim, dann Düsseldorf und schließlich Hamburg. Bis 2008 lebt und arbeitet Walker ununterbrochen in Deutschland, zahlt Steuern und Sozialabgaben. Seit 1994 ist er mit einer Deutschen verheiratet. „Durch meinen Beruf bin ich viel gereist – in viele deutsche Städte, in Europa und den USA“, sagt Walker in fließendem Deutsch und fügt hinzu: „Ich genieße die Vielfalt und bin froh, dass ich nie etwas von meiner englischen Herkunft aufgeben musste.“ Auch deshalb wäre sein Traum ein europäischer statt nationaler Pass. „Europa hat so viel zu bieten, ich finde es schade, dass der ursprüngliche europäische Gedanke scheinbar verloren gegangen ist“, sagt Walker und wünscht sich mehr innereuropäischen Austausch. „Man hört ständig, wir müssten Arbeitskräfte von überall herholen, wobei innerhalb Europas so viel Potenzial steckt.“ Den Behörden ruft er zu: „Nicht EU-Bürger, aber EU-Nachbarn, die in Deutschland eingebürgert werden möchten, sollten das Gefühl vermittelt bekommen, dass sie nicht nur willkommen sind, sondern auch, dass dieser Prozess einfach und persönlich gestaltet ist.“ „Bleibt mir das verwehrt, fühle ich mich nicht zugehörig“ Walker erfährt das Gegenteil: Als er nach Jahren in der Schweiz 2022 endgültig mit seiner Frau nach Deutschland zurückkehrt, wächst in ihm der Wunsch nach Einbürgerung. „In England erlebe ich Politik nur noch als Tourist, in Deutschland als Bürger“, begründet der 67-Jährige. Und weil er schon lange in der Bundesrepublik lebt, ein Haus gekauft hat, ihn die Politik direkt betrifft, möchte er endlich Deutscher werden. „Ich möchte Mitgestalten, also wählen. Bleibt mir das verwehrt, fühle ich mich nicht zugehörig.“ Infolge der Liberalisierung des Staatsangehörigkeitsrechts, das seit 2024 Einbürgerungen beschleunigt und Mehrstaatigkeit (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6901af623e11285c65f0cbb4/doppelte-staatsbuergerschaft-unionspolitiker-wollen-pass-reform-gruene-sehen-gefaehrliches-ablenkungsmanoever.html) zulässt, ist die Bundesrepublik bei Zuwanderern beliebt. Vor allem ein Großteil der Menschen, die im Zuge der Fluchtbewegungen ab 2015 nach Deutschland kamen, erfüllt nun die Voraussetzungen für eine Einbürgerung. Mittlerweile kann der deutsche Pass in der Regel nach fünf statt bisher acht Jahren beantragt werden. Das Dokument bietet Reisefreiheit, Schutz vor Abschiebung, freie Berufswahl sowie volles politisches Mitspracherecht. Folglich ist die Zahl der Einbürgerungen rasant gestiegen. 2024 begrüßten die Behörden bundesweit (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article69931c72f1c55d28ade69f9a/deutsche-staatsangehoerigkeit-rekordzahlen-bei-einbuergerungen-cdu-verlangt-stopp-wegen-betrugsverdachts.html) insgesamt 291.955 neue Deutsche – etwa 90.000 Fälle mehr als im Jahr zuvor. Ein erneuter Zuwachs für 2025 gilt als wahrscheinlich. Auch Hamburg meldet Höchststände: Waren es im Jahr 2023 noch 7536 und 2024 noch 9599 Einbürgerungen, registrierte das Amt für Migration für 2025 exakt 11.532. Die häufigsten Herkunftsländer sind Syrien, Afghanistan, Türkei, Iran und die Russische Föderation – ähnlich im Bund. David Walker zählt zu den Menschen, die den finalen Schritt der Integration gehen möchten. „Solange England Teil der EU war, war ich zufrieden damit, ein Europäer zu sein, der in Deutschland lebt“, betont der 67-Jährige, doch „durch den Brexit war ich plötzlich kein EU-Bürger mehr.“ Also beschäftigt sich Walker 2022 an seinem damaligen Wohnort Düsseldorf erstmals konkret mit der Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft. „Dafür brauchte ich zunächst wieder einen Aufenthaltstitel“, berichtet der Engländer und ergänzt: „Ich ging davon aus, das ist reine Formsache, schließlich hatte ich bereits knapp 30 Jahre mit unbefristeter Aufenthaltserlaubnis in Deutschland gelebt.“ Doch nach 14-jähriger Zwischenstation in der Schweiz muss Walker einen neuen Titel beantragen – jetzt als Nicht-EU-Bürger. „Das hat ein Jahr gedauert.“ Dazwischen liegen das übliche Ausfüllen von Formularen, unzählige Anrufe bei nicht erreichbaren Hotlines – gepaart mit Monaten, in denen nichts passiert. Ein seltsames Gefühl, wie es Walker beschreibt. „Wenn man verreist und nach Deutschland zurückkehrt, hat man ohne gültigen Aufenthaltstitel eigentlich kein Recht auf unbefristete Einreise. Es ist sehr unangenehm, wenn man nicht weiß, ob man vielleicht nicht ‚nach Hause‘ kommt, weil die Papiere unvollständig sind.“ Irgendwann erhält Walker einen Anruf, er solle in Düsseldorf zum Amt für Migration kommen. „Dort saß mir eine Mitarbeiterin gegenüber, die in gebrochenem Deutsch nach meinem Pass fragte, eine Weile lang etwas in ihren Computer tippte und mir mitteilte, dass ich meinen Aufenthaltstitel in zwei Wochen erhalten würde.“ Walker schmunzelt: „Das war’s. Ein Jahr Wartezeit – für einen Vorgang, der nach fünf Minuten ohne weitere Klärung endete.“ Kurz darauf, im Februar 2024, beantragt Walker in Düsseldorf erstmals den deutschen Pass (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article69999ad4a11b1460328900e0/abstimmung-der-delegierten-social-media-verbot-zuckersteuer-einbuergerung-darauf-einigt-sich-die-cdu-auf-ihrem-parteitag.html) – und hört bis auf die Eingangsbestätigung seiner Unterlagen nichts mehr von den Behörden in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt. Hilfe in vielen Sprachen, nur nicht in Englisch Durch seinen Umzug nach Hamburg ist der Brite gezwungen, sein Ansinnen erneut zu starten, „denn offensichtlich gibt es keinen behördlichen Austausch zwischen Düsseldorf und Hamburg“. Also reicht der Engländer Anfang 2025 abermals alle für eine Einbürgerung erforderlichen Unterlagen beim Amt für Migration ein, dieses Mal in der Hansestadt. „Wie der aktuelle Stand meines Antrages ist, weiß ich nicht“, so Walker. Was ihm noch auffällt, während er durch seinen prall gefüllten Ordner voller Papiere, Nachweise und Kopien blättert, „es gibt Hilfe für das Ausfüllen der Formulare – aber nur für bestimmte Sprachgruppen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article696c68dd6b40895ba7f718a8/syrer-in-deutschland-entscheiden-sich-lieber-fuer-einbuergerung-als-fuer-rueckkehr.html) , Englisch gab es nicht.“ Immerhin hat der Brite nun eine Vorgangsnummer sowie die Aufforderung zur Zahlung der Einbürgerungsgebühr in Höhe von 255 Euro bekommen. Der Betrag fällt für die Bearbeitung an und wird unabhängig vom Ausgang des Verfahrens erhoben. Neben der stetig gestiegenen Zahl der Einbürgerungsanträge, die aufgrund des modernisierten Staatsangehörigkeitsrechts nochmals zugenommen hat, handelt es sich laut Amt für Migration beim Einbürgerungsverfahren um einen „vielschichtigen und komplexen Prozess“. Dazu gehörten die Prüfung der ausländerrechtlichen Vorgänge und die Identitätsklärung, also „die Feststellung des Vorliegens der aufenthaltsrechtlichen, strafrechtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen sowie des Ausschlusses verfassungsfeindlicher Bestrebungen“ seitens der Antragsteller. Ebenso gehe es um die Prüfung von Dokumenten. „Zudem wird nach dem Vier-Augen-Prinzip verfahren, wonach die abschließende Prüfung der Einbürgerungsanträge stets durch einen befugten Zweiten zu erfolgen hat“, sagt ein Sprecher des Amtes. Die lange Bearbeitungsdauer der Anträge sei maßgeblich von der hohen Anzahl offener Verfahren geprägt. Die Bearbeitung erfolgt nach der Reihenfolge, sodass zunächst ältere Anträge begutachtet werden. „Dem verständlichen Wunsch nach Zwischenständen“, betont der Sprecher, „kann die Einbürgerungsabteilung schon länger und auch absehbar leider nicht nachkommen.“ Die personellen Ressourcen würden bewusst eingesetzt, um die Bearbeitung der Verfahren sicherzustellen. Ein verlässliches Datum für ein Ende des Bearbeitungsprozesses sei bis zum tatsächlichen Ende nicht möglich. Dennoch, so heißt es weiter, hat das Amt für Migration strukturell, personell, organisatorisch und technisch auf die Herausforderungen reagiert. So habe Hamburg im Frühjahr 2024 als eines der ersten Bundesländer den digitalen Einbürgerungsantrag eingeführt und damit den Antragstellern den Weg eröffnet, die Einbürgerung von zu Hause aus zu beantragen. Ferner könne vor der Antragstellung mit einem Quick-Check überprüft werden, ob die Voraussetzungen für die Einbürgerung erfüllt werden. Keine Bevorzugung, nur schnelle Bearbeitung mit Empathie Bei David Walker kommen die Prozessoptimierungen nicht an. Und so ist es eher unwahrscheinlich, dass er bereits zur nächsten Einbürgerungsfeier am 30. März ins Rathaus eingeladen und von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) seine Einbürgerungsurkunde erhält. Regelmäßig richtet der Stadtstaat (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/article6968c0d96b40895ba7f6e70e/wohlfuehlblase-hamburg-wenn-schwarze-ideenflaute-auf-rote-selbstgewissheit-trifft.html) die Zeremonie im Großen Festsaal für Neubürger aus, im vergangenen Jahr waren es neun Veranstaltungen, seit 2006 insgesamt 77. „Nach all den Jahren in Deutschland mit den üblichen Abgaben bin ich enttäuscht“, sagt Walker. Natürlich habe der Staat das Recht, seine Verfahren so zu gestalten, wie er möchte. „Ich bin Europäer, wenn auch nicht mehr EU-Bürger. Ich habe mich für Deutschland entschieden, über 30 Jahre hier gearbeitet und gehofft, dass dies bei meinem Antrag zählt“, erklärt der Engländer. Er fordere keine Bevorzugung, lediglich eine schnelle, unkomplizierte Bearbeitung mit persönlichem Kontakt. Walker erklärt: „Bei einer Einbürgerung geht es um Menschen, nicht um Formulare. Man legt sein ganzes Leben offen – Lebenslauf, Ehe, Finanzen.“ Und ein Gespräch zwischen Antragsteller und Behördenmitarbeiter würde vieles beschleunigen. „Stattdessen kommuniziert man mit Formularen, Hotlines oder Bots. Das ist entwürdigend. Ein bisschen Empathie wäre angebracht.“ Aufgeben möchte David Walker trotzdem nicht, er werde den Prozess der Einbürgerung durchziehen: „Deutschland ist und bleibt mein Lebensmittelpunkt, hier werde ich alt, und hier werde ich sterben.“