Welt 02.02.2026
15:28 Uhr

„Der beste Spion ist nicht der Mensch, der in dunklen Ecken abhängt, sondern jedermanns Freund“


Die mutmaßliche Spionin Ilona W. saß im Deutsch-Ukrainischen Wirtschaftsforum direkt hinter dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Wie hat sie das geschafft? Bei „Ronzheimer“ gibt ein Journalist Einblicke. Zeitgleich spielt sich in Österreich der „wohl größte Spionagefall“ des Landes ab. Lesen Sie mehr im neuen Podcast-Radar.

„Der beste Spion ist nicht der Mensch, der in dunklen Ecken abhängt, sondern jedermanns Freund“

Das Foto findet sich noch immer auf der Homepage der Bundesregierung (verlinkt auf https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/rede-kanzler-deutsch-ukrainisches-wirtschaftsforum-2399660) . Bundeskanzler Friedrich Merz und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sitzen anlässlich des Deutsch-Ukrainischen Wirtschaftsforums in der ersten Reihe im Haus der Deutschen Wirtschaft. Nur wenige Meter entfernt sitzt Ilona W., eine prorusssiche Netzwerkerin, gegen die nun die Bundesanwaltschaft wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit ermittelt. Auch zwei Kontaktleute der mutmaßlichen Spionin, die früher im Verteidigungsministerium tätig waren, stehen als Beschuldigte im Fokus. Verstimmt griff die Bundesregierung zu einem scharfen diplomatischen Mittel, indem das Auswärtige Amt den russischen Botschafter einbestellte. Laut Johann Wadephul (CDU) sei diesem klargemacht worden, „dass das ein feindseliger Akt ist und dass geheimdienstliche Tätigkeiten in unserem Land völlig inakzeptabel sind – insbesondere unter dem Deckmantel der Diplomatie.“ Russlands aggressives Handeln habe Konsequenzen, insistierte der Außenminister. Den Kontaktmann von Ilona W. an der russischen Botschaft erklärte er zur unerwünschten Person. Paul Ronzheimer tauchte in seinem Podcast mit dem Investigativjournalisten Florian Flade in den Fall ein. Bei „Was wichtig ist“ ging es unterdessen um den größten Spionagefall Österreichs, der seit Donnerstag in Wien verhandelt wird. „Ronzheimer“: „Den Wert einer Information bestimmt die Gegenseite“ Es habe „keine unmittelbare Gefahr“ für Merz und Selenskyj bestanden, relativierte Investigativjournalist Florian Flade bei „Ronzheimer“ (verlinkt auf https://open.spotify.com/episode/5tPqdH1UV2K5Iv8BS4rCuA) . Dennoch sei es „ein starkes Stück“, jemanden so nah an den ukrainischen Präsidenten zu bringen. Für den Investigativjournalisten handele es sich bei Ilona W. um einen „sehr, sehr klassischen Fall“. 1969 sei sie in Dnipropetrowsk auf dem Gebiet der heutigen Ukraine geboren worden. Sie habe eine Agentur für Politikberatung, sei Teil eines Vereins für Völkerverständigung mit Russland, pflege Kontakte in die hiesige Politik und Rüstungsindustrie. „Diese Frau war wohl recht umtriebig, eine richtige Netzwerkerin im politischen Berlin.“ Ilona W. habe schon länger im Fokus der hiesigen Sicherheitsbehörden gestanden. „Die Spionage-Abwehr des Verfassungsschutzes kannte sie schon seit mehreren Jahren“, führte Flade aus. „Man hat sich das angeguckt, weil das ein für die Behörden interessantes Milieu ist.“ Aus ihrer Sympathie für Russland habe sie keinen Hehl gemacht. Auf Veranstaltungen habe sie sich gegen Waffenlieferungen ausgesprochen, die das Leid der Ukrainer nur verlängerten. „Natürlich wird es erst dann strafrechtlich relevant, wenn es um Spionage geht, um Agententätigkeit. Und das soll bei Ilona W. erst in letzter Zeit gewesen sein“, schilderte er. „Am Ende hat das gereicht für einen Haftbefehl.“ Andrej M. habe als ihr Führungsoffizier fungiert. Der mittlerweile zur Persona non grata erklärte stellvertretende Militärattaché sei als Diplomat an der russischen Botschaft akkreditiert gewesen. Dieser gehöre dem Militärnachrichtendienst GRU an, eine „große, mächtige Sicherheitsbehörde in Russland mit vielen tausend Mitarbeitern“, die etwa für die Nowitschok-Vergiftung des ehemaligen Agenten Sergei Skripal (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/plus183499764/Fall-Skripal-Der-Kalte-Krieg-hat-niemals-aufgehoert.html) in Salisbury verantwortlich gewesen sei. Ilona W. solle ihm Informationen beschafft haben, wobei keine Hinweise vorlägen, dass sie dafür Geld erhalten habe. „Deswegen gehen die Ermittler eher von einer Überzeugungstäterin aus.“ Aber wie findet die Kontaktaufnahme zu potenziellen Spionen statt? Zum Teil veranstaltet die russische Botschaft Empfänge, zum Teil sei aber auch der Militärattaché unter falschem Namen auf Veranstaltungen gegangen, schilderte Flade. In den letzten Jahren habe er mehrere Fälle sogenannter „Wegwerfagenten“ recherchiert, die der Geheimdienst anwerbe, um gegen kleine Geldbeträge für sie zu spionieren oder Straftaten zu begehen. Gezielt würden dabei auch Ukrainer mit Geld-Problemen angesprochen, um für „Verwirrung“ zu sorgen. Es gebe auch unter ihnen Menschen, die mit dem Kreml sympathisieren. Dass sich Ilona W. mit ihrer offenen Positionierung weniger wie eine top ausgebildete Spionin verhalten habe, wie Ronzheimer bemerkte, müsse ihr nicht zum Nachteil gereicht haben. Ein ehemaliger KGB-Mann habe einmal gesagt: „Der beste Spion ist nicht der Mensch, der in dunklen Ecken oder unter Brücken abhängt, sondern das ist jedermanns Freund.“ Extrovertierte Menschen böten sich dafür an. „Wenn man jemanden möchte, der Informationen bringt aus unterschiedlichsten Bereichen, der sich bewegen kann in gewissen Milieus“, skizzierte Flade, „dann ist es natürlich gut jemanden zu haben, der schnell in Kontakt kommt mit Menschen.“ Die aktuelle Folge RONZHEIMER gibt es hier zu hören: „Wie Putins Spione in Berlin operieren. Mit Florian Flade“ (verlinkt auf https://shows.acast.com/ronzheimer/episodes/wie-putins-spione-in-berlin-operieren-mit-florian-flade) Doch was hat die mutmaßliche Rekrutierung von Ilona W. dem russischen Geheimdienst de facto gebracht? „In der Spionageabwehr gibt es diesen schönen Spruch: ‚Den Wert einer Information bestimmt die Gegenseite‘“, sagte Flade. Moskau entscheide, was mit aufgeschnappten Hinweisen angestellt werde. Selbst Gerüchte über Affären oder Geld-Probleme könnten dabei helfen, weitere Quellen auszumachen. Die beiden Kontaktleute der mutmaßlichen Spionin etwa hätten „interessante Partnerinnen“, die noch immer im Verteidigungsministerium arbeiten und Zugang zu relevanten Rüstungsinformationen haben. „Da muss nicht immer ‚Top Secret‘ auf dem Papier stehen, damit es für die russische Seite relevant ist.“ „Was wichtig ist“: „Wir bewegen uns im Schattenreich der Geheimdienste“ Ein mutmaßlich noch schwerwiegenderer Fall spielt sich unterdessen in Österreich ab. Am Donnerstag begann der Prozess gegen den früheren Verfassungsschützer Egisto Ott, den dortige Medien nahezu übereinstimmend als „wohl größten Spionagefall der Zweiten Republik“ bezeichnen. Jahrelang soll der Nachrichtendienstmitarbeiter österreichische Staatsgeheimnisse an Russland weitergegeben haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Amtsmissbrauch, Verletzung des Amtsgeheimnisses, Bestechung, Bestechlichkeit und Beteiligung an einem geheimen Nachrichtendienst zum Nachteil Österreichs vor. Er bestreitet die Vorwürfe. Sissy Rabl begrüßte dazu im Podcast „Was wichtig ist“ (verlinkt auf https://open.spotify.com/episode/6zBbIxfat51PIhfp8a49BC) den Journalisten Manfred Seeh, der den Fall für die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ vor dem Wiener Landesgericht verfolgt. Ob das Framing des „größten Falls“ gerechtfertigt oder womöglich übertrieben sei, fragte die Moderatorin eingangs. „Es ist untertrieben“, insistierte er. „Mir fällt kaum ein größerer Spionagefall ein. Da müsste ich jetzt mehr als 100 Jahre zurückgehen.“ 1913 hatte sich der ungarisch-österreichische Nachrichtenoffizier Alfred Redl (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article115315387/Alfred-Redl-Der-Jahrhundertspion-mit-Vorliebe-fuer-Sexorgien.html) vor Prozessbeginn das Leben genommen, nachdem ihm vorgeworfen worden war, Geheimnisse an Russland verraten zu haben. Egisto Ott habe einst seine Laufbahn als Streifenpolizist im Wien der 1980er-Jahre begonnen, referierte Seeh. Später sei er zunächst zur Kriminalpolizei nach Kärnten gewechselt, bevor er eine Stelle im Innenministerium übernahm. Seit Ende 2013 war er als Staatsschützer aktiv. „Ein Detail, das mich ein bisschen amüsiert, dass er so gar nicht der glamouröse Agent war, sondern Überstunden gemacht hat, indem er beim Innenministerium beim Bürgerservice-Telefon ausgeholfen hat“, berichtete der Autor. Seehs Charakterisierung des ehemaligen Verfassungsschützers ähnelte durchaus den Agenten-Schilderungen Flades. „Er wirkt auf mich – ich hoffe, er verzeiht mir das – mitunter etwas schrullig“, bemerkte der Journalist. Ott sei „outspoken“, jemand, der wartende Journalisten rüffele, sie in der korrekten Begrüßung unterweise oder mit dem Smartphone „Gegenfotos“ von Fotografen schieße. „Er ist schon – wenn ich das sagen darf – eine Figur.“ Beim österreichischen Verfassungsschutz sei er ein „Schreibtischtäter“ gewesen. „Das ist wenig Spionage, wenig James Bond“, gestand Seeh ein, wobei die Verfassungsschützer der Republik ebenfalls mit Nummern à la 007 versehen würden, bloß dass diese achtstellige seien. Ott werde vorgeworfen, zahlreiche Strafregister oder Kfz-Kennzeichen zu Personen abgefragt zu haben, die laut Anklage den russischen Inlandsgeheimdienst FSB interessieren. Mutmaßlich habe er so dem Dienst zugearbeitet. Auch soll er dabei geholfen haben, den Aufenthaltsort des abtrünnigen FSB-Offizier Dmitry Senin (verlinkt auf https://www.profil.at/investigativ/auf-putins-fahndungsliste-der-fall-dmitry-senin/403096147) ausfindig zu machen, der von Russland gejagt werde. Unklar sei, ob es möglich werde, den Verdacht vor Gericht zu erhärten. „Wir bewegen uns da im Schattenreich der Geheimdienste. Da jedes Mal einen hieb- und stichfesten Beweis zu erlangen, wird für die Staatsanwaltschaft gar nicht so einfach sein“, betonte Seeh. Vorerst seien zehn Verhandlungstage angesetzt, doch bezweifele er, dass es bei dieser Anzahl bleibe. Allein die Staatsanwaltschaft habe 89 Zeugen geladen. Und Ott selbst habe angekündigt, Stellung zu beziehen – und „weitere Schweinereien“ aufzudecken. ‚Podcast-Radar‘ von vergangener Woche: „Man muss ihnen nicht erlauben, dass sie ihre Milliarden nehmen und sagen: ‚Ich gehe nach Dubai‘“ (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article6973a355f5499fb954b63c4a/philipp-tuermer-zu-erbschaftsteuer-man-muss-ihnen-nicht-erlauben-dass-sie-ihre-milliarden-nehmen-und-sagen-ich-gehe-nach-dubai.html)