Es sind zwar keine echten Eisberge, sondern aufgetürmte Fluss‑Eisschollen, die sich an der Geesthachter Elbwehr zu meterhohen Eiswänden zusammengeschoben haben – ihre Wirkung verfehlen sie dennoch nicht: Die Elbe und ihre Ufer wirken in diesen Tagen wie eine arktische Eislandschaft. Doch so beeindruckend sich dieser Winter auch präsentiert, so erbarmungslos legt er die Schwächen einer Großstadt wie Hamburg offen. Während Schnee und Frost für Postkartenmotive sorgen, kämpft man hier mit glatten Straßen, überlasteten Räumdiensten und einem Nahverkehr, der mehr als nur stockt. Rettungskräfte registrieren mehr Einsätze, Kliniken mehr Sturzverletzungen – und selbst dort, wo Hamburg sonst zuverlässig funktioniert, gerät die Infrastruktur an ihre Grenzen. Dabei ist ein Winterende längst nicht in Sicht. Im Gegenteil: In der kommenden Woche sollen Eis und Schnee zurückkehren. WELT AM SONNTAG blickt auf zentrale Bereiche der Stadt. Energie Nach Angaben der Hamburger Energiewerke gab es während der jüngsten Kältephase keine Einschränkungen in der Fernwärme. Das lag auch daran, dass zeitweise eigene Eisbrecher beauftragt wurden, um die Kohlelieferungen vom Hafen zum Heizkraftwerk Tiefstack sicherzustellen. Wegen der Strömung waren die Fahrtrouten teils binnen Stunden erneut mit Eisschollen bedeckt – auch noch Tage nach dem Ende der kältesten Phase. Für die kommenden Winterwochen geben sich die Energiewerke gelassen. Man habe sich auf die gesamte Heizperiode vorbereitet. „Auch bei anhaltend kaltem Winterwetter ist die Wärmeversorgung in Hamburg gewährleistet“, sagte Unternehmenssprecher David Kappenberg. Das Unternehmen versorgt rechnerisch mehr als 538.000 Wohneinheiten. Die Fernwärme wird überwiegend an den Standorten Tiefstack und Wedel erzeugt, bei hoher Nachfrage kommen zusätzliche Heizwerke hinzu. Auch an anderer Stelle war das Fernwärmenetz in den vergangenen Wochen gefordert. Über den Standort Borsigstraße liefert auch die Stadtreinigung Wärme ins Netz. Dort kam es im Januar zu mehreren Störungen, unter anderem durch explodierende Lachgasflaschen, die unsachgemäß im Müll entsorgt worden waren, sowie durch Druckschwankungen. In diesem Jahr gab es bislang zwei Ausfälle infolge solcher Explosionen sowie einen weiteren aus technischen Gründen. Pro Linienausfall reduzierte sich die Wärmeeinspeisung um rund 60 Megawatt. Das entspricht – je nach Außentemperatur und Verbrauch – der Heizleistung für grob 15.000 bis 20.000 durchschnittliche Hamburger Haushalte. Die Problematik ist seit Längerem bekannt; bereits im vergangenen Jahr hatte die Stadtreinigung eine Kampagne zur korrekten Entsorgung der Kartuschen gestartet. Verkehr Der Hamburger Senat räumt nach dem Wintereinbruch Anfang Januar erhebliche Störungen im S‑Bahn‑Netz ein. In der Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD werden für den Zeitraum vom 2. bis 5. Januar 2026 insgesamt 529 Teilausfälle und 930 Gesamtausfälle genannt. Besonders betroffen war der 4. Januar mit 310 Gesamtausfällen. Auch der HVV spricht von massiven Problemen im Schienenverkehr. Pressesprecher Rainer Vohl nennt Schneeverwehungen sowie vereiste Weichen und Stromschienen als Hauptursachen; Strecken seien teils kurz nach Räumung erneut nicht passierbar gewesen. Trotz Vorbereitung mit Wetteranalysen und nächtlichen Leerzügen seien technische Grenzen erreicht worden. Von den 2755 Weichen in Hamburg seien 1961 beheizt, auch diese hätten bei starkem Schneefall nicht immer zuverlässig funktioniert. Die S‑Bahn sei dennoch durchgehend gefahren. Beim Busverkehr habe es je nach Straßenlage regional sehr unterschiedliche Einschränkungen gegeben. Meteorologie Wetterexperten stufen den Wintereinbruch Anfang Januar als außergewöhnlich ein. In Teilen Norddeutschlands lagen die Schneehöhen so hoch wie seit der Schneekatastrophe 1978/79 nicht mehr. „Seit damals gab es nur rund fünf vergleichbare Lagen“, sagt Meteorologe Frank Böttcher. Möglich wurde die Schneemenge, weil mehrere Tiefdruckgebiete innerhalb kurzer Zeit nahezu dieselbe Zugbahn nahmen. Normalerweise bringt ein solches Tief zehn bis fünfzehn Zentimeter Schnee, der anschließend rasch wieder taut. Diesmal folgten jedoch zwei oder sogar drei Schübe aufeinander, die alle denselben Raum trafen. „So entstehen dann plötzlich Schneehöhen von 30 oder 40 Zentimetern. Am Ende ist es Ausdruck der bestehenden Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert. Es wird zwar immer durch den Klimawandel unwahrscheinlicher, bleibt aber möglich“, sagt Böttcher. Dass viele Menschen die Intensität als überraschend empfanden, führt Böttcher auch auf eine veränderte Erwartungshaltung zurück. Die meisten hätten lange keine markanten Schneewinter mehr erlebt; viele Jüngere überhaupt nicht bewusst. Entsprechend gering sei das Bewusstsein dafür, dass solche Lagen in Mitteleuropa weiterhin auftreten können – selten, aber nicht ausgeschlossen. „Wir erwarten solche Winter nicht mehr, deshalb fühlen sie sich extremer an, als sie meteorologisch mitunter sind.“ Der weitere Verlauf des Winters sei offen. Die aktuelle Großwetterlage bleibe eine sogenannte Grenzwetterlage: sehr kalte Luftmassen über Nordosteuropa treffen wiederholt auf mildere Atlantikluft. Kleine Verschiebungen in den Zugbahnen der Tiefdruckgebiete könnten daher über Tauwetter oder neue Schneeschübe entscheiden. „Der Winter ist überhaupt nicht gegessen“, sagt Böttcher. Für die kommenden Tage seien gute Prognosen möglich, doch was der Februar bringe, lasse sich meteorologisch nicht verlässlich vorhersagen. Die Spannbreite reiche von anhaltender Milderung bis zu einer weiteren Schnee‑ und Kältephase. Straßenräumung Für die Stadtreinigung Hamburg waren die vergangenen Wochen eine lange Belastungsprobe. Der Wintereinbruch zu Jahresbeginn mit anhaltendem Schneefall und dem Sturmtief „Elli“ führte zu elf nahezu aufeinanderfolgenden Volleinsätzen im Winterdienst. Nacht für Nacht waren Einsatzkräfte unterwegs, um Straßen und Hauptverkehrsachsen zu sichern. Die Einsätze bedeuteten eine hohe körperliche und organisatorische Belastung, zugleich habe sich der Zusammenhalt in der Belegschaft gezeigt, heißt es. Positives Feedback aus der Bevölkerung habe zusätzlich motiviert. Die zuletzt sonnige und trockene Witterung brachte eine kurze Entlastung, auch wenn der Winterdienst weiter aktiv blieb. Für eine erneute Kältephase sieht sich das Unternehmen vorbereitet. Mehr als 1000 Beschäftigte der Stadtreinigung sind in den Winterdienst eingebunden, vom operativen Einsatz bis zur Einsatzplanung. Gearbeitet wird in rotierenden Schichtsystemen. Auch beim Streumittel sieht man sich gerüstet, die Salzhallen seien ausreichend gefüllt. Grenzen zeigten sich vor allem in vereisten Nebenstraßen, für deren Räumung die Stadtreinigung nicht zuständig ist. Dort konnte die Müllabfuhr teils nicht durchgeführt werden, auch wegen schlecht geräumter Zugänge zu Tonnen. Aus Sicherheitsgründen mussten Leerungen zeitweise ausgesetzt werden. Die ausgefallenen Abfuhren wurden zuletzt mit zusätzlichem Personal nachgeholt. Schäden Mit dem Abtauen der Schneedecke wurden in den vergangenen Tagen die Schäden des bisherigen Winters sichtbar: Auf Hamburgs Straßen öffneten sich an vielen Stellen Schlaglöcher. Besonders betroffen sind nach Angaben der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende ältere, bisher nicht sanierte Fahrbahnabschnitte sowie stark belastete Straßen mit hohem Verkehrs‑ und Lkw‑Anteil. Einen stadtweiten Überblick über das Ausmaß der Schäden gebe es derzeit noch nicht. Die Lage verändere sich dynamisch, eine belastbare Bewertung sei erst nach Ende der Wintersaison möglich. Erfahrungsgemäß fielen die Schäden in strengen Wintern deutlich höher aus als in milden. Akute Gefahrenstellen werden kurzfristig gesichert, meist durch provisorische Reparaturen mit Kaltasphalt oder durch Warnschilder. Dauerhafte Sanierungen sind hauptsächlich für die Zeit nach dem Winter vorgesehen, wenn die Witterung stabiler ist und das gesamte Schadensbild beurteilt werden kann. Kürzlich sanierte Straßen erwiesen sich dabei als deutlich widerstandsfähiger. Um Winterschäden auszugleichen, stellt die Verkehrsbehörde den Bezirken in dieser Saison zusätzlich bis zu acht Millionen Euro zur Verfügung. Wie hoch die Kosten am Ende ausfallen, lasse sich derzeit noch nicht sagen. Erfahrungsgemäß könnten sie in strengen Wintern zwei‑ bis dreimal so hoch sein wie in milden.