Ilka Groenewold ist vieles: häufig gebuchte Moderatorin großer Events, Buchautorin, TV-Journalistin, neuerdings auch Studentin – und seit zwei Jahren Schlagersängerin. Nach einigen Singles ist in der vergangenen Woche ihr erstes Album „Unikat“ in einem Genre auf einen Markt, der sich zwischen Tradition und Moderne bewegt und in dem nur sehr wenige Sängerinnen und Sänger dauerhaft auch finanziellen Erfolg haben. Die Wahl-Hamburgerin setzt deswegen auf Eigeninitiative statt auf große Managementstrukturen. Streaming-Einnahmen sind nämlich überschaubar, TV-Auftritte hart umkämpft, doch Groenewold verfolgt ihren Traum mit Beharrlichkeit. Für sie ist Schlager keine nostalgische Nische, sondern eine Herzensangelegenheit, die sie mit Professionalität und Leidenschaft betreibt. Rückschläge und Absagen gehören für sie dazu. Im Gespräch erklärt die 40-Jährige, was sie nach zwei Jahren in dem Business gelernt hat – ein Blick hinter die Kulissen der angeblich heilen Schlagerwelt. WELT AM SONNTAG: Zum Start unseres Gesprächs gleich ein Geständnis: Das ist mein erstes Interview zum Thema Schlager. Groenewold: (lacht) Dann nennen wir es doch Pop-Schlager – das klingt ein bisschen moderner. WamS: Ist Pop-Schlager ein eigenes Genre? Groenewold : Ja, unbedingt. Schlager ist sehr vielfältig. Es gibt den Ballermann-Schlager, dann den klassischen Schlager – „Er hat ein knallrotes Gummiboot“, „Tränen lügen nicht“ – solche Evergreens lange vergangener Jahrzehnte. Wer meine Musik hört, merkt schnell: Das klingt anders, viel moderner. WamS: Sie sind eine Seiteneinsteigerin in diesem Genre, verdienen Ihr Geld auch heute noch mit zahlreichen Moderationen und Journalismus. Vor zwei Jahren haben Sie dann angefangen, Pop-Schlager aufzunehmen. Warum? Groenewold: Da kam einiges zusammen. In der Corona-Zeit hatte ich zwar gut zu tun, aber doch auch die Zeit zum Nachdenken, was ich mit damals Mitte 30 noch so anschieben könnte. Ich singe und tanze gern, mag Schlager – und los ging es im November 2023 mit meiner ersten Single „Unikat“, nach der jetzt auch mein erstes komplettes Album benannt wurde. WamS: Das gerade erschienen ist. Lohnen sich physische Alben denn in Streaming-Zeiten überhaupt noch? Groenewold: „Lohnen“ – das kommt darauf an, was damit gemeint ist. Finanziell ist das Musikgeschäft insgesamt sehr schwierig geworden, das betrifft nicht nur relative Neulinge wie mich. Früher haben Künstler ein neues Album mit zwölf oder mehr neuen Songs veröffentlicht, einer davon wurde als Single ausgekoppelt. Heute erscheinen zunächst sozusagen die Singles, dann wird das Album eine Sammlung davon mit vielleicht noch ein, zwei neuen Liedern. Mir war es aber wichtig, die Arbeit der vergangenen Jahre zu bündeln – als CD und auch als Schallplatte auf Vinyl, das ich sehr liebe. WamS: Man geht aber – obwohl bei Ihnen ein Plattenlabel dahintersteht – selbst ins finanzielle Risiko? Groenewold: Ja, klar. Nur noch sehr wenige Künstlerinnen und Künstler haben Plattenverträge wie früher, die über Jahre hinweg ein Einkommen und weitere Unterstützung sichern. Und auch die Hoffnung, über Streamingdienste viel Geld zu bekommen, verpufft schnell. WamS: Einige Ihrer Lieder, etwa „Dreh Dich um“, „Unikat“ oder „Elektrisiert“ landeten in den Charts, jedenfalls in jenen, die sich mit ihrem Genre befassen. Da hat man früher doch gedacht: Jetzt hat sie es geschafft. Groenewold: Das ist ja auch eine tolle Bestätigung, wenn der eigene Name, die eigene Musik dort inmitten der Branchengrößen erscheint und sich teilweise über Wochen hält. Und ich bin ja vor zwei Jahren auch nicht mit der Idee angetreten, mit Schlager das große Geld zu machen. Die Realität sieht nämlich so aus: Wenn ich auf die Abrechnung aller Streaming-Anbieter zusammen schaue, kommt dabei im Jahr nicht einmal eine vierstellige Euro-Summe zusammen. WamS: Wer Ihnen in den sozialen Medien folgt, kann erkennen, dass viel Basisarbeit für den Erfolg nötig ist. Sie rufen immer wieder dazu auf, bei Votings der Schlager-Radiosender teilzunehmen, damit sich ihre Lieder in den dortigen Hitparaden gut platzieren. Groenewold: Es gibt einige Branchengrößen unter den Sendern wie Radio Paloma oder Radio Schlagerparadies, aber auch öffentlich-rechtliche Sender, die für den Erfolg maßgeblich sind. Ich hätte übrigens nie gedacht, dass man dort so schnell in die Rotation kommen kann. Dennoch, um den Erfolg zu stützen, ist viel Arbeit notwendig. WamS: Das Fernsehen blieb Ihnen hingegen verschlossen? Dabei laufen doch ständig irgendwelche Zarella- und Silbereisen-Musikshows. Groenewold: Da greifen Sie aber gleich ganz nach oben ins Regal. Daneben gibt es auch kleinere Sender und Sendungen, bei denen ich zu Gast war, das macht viel Spaß. Aber zu den genannten Shows: Das sind ja mittlerweile die letzten großen Musiksendungen im deutschen Fernsehen. Deswegen wollen dort auch viele Musiker auftreten, die eigentlich wenig mit dem Schlagerbusiness zu tun haben wie zum Beispiel Johannes Oerding. Die Sendezeit ist begrenzt, deswegen ist es schwer, hineinzukommen. Da gibt es harte Deals. Wenn ein Manager mehrere Stars hat, sagt er: „Ihr bekommt diese Künstlerin nur, wenn ihr auch die andere hier nehmt.“ Ich mache alles selbst, habe kein Management. Das ist schwieriger, aber wenn ich es schaffe, kann ich sagen: Ich habe es allein geschafft. WamS: Die großen Shows bleiben also ein Ziel? Groenewold: Wenn ich einmal einen richtig großen Hit lande, werden sich diese Türen öffnen. Dazu gehört natürlich ein gutes Lied, das gerade in die Zeit passen muss, dann braucht es etwas Glück. Ich freue mich schon jetzt darüber, dass Menschen mich auf meine Musik ansprechen, manchmal kommt das überraschend wie zuletzt an einer Theaterkasse. Für mich ist und bleibt das eine Herzensangelegenheit. WamS: Die Sie zwar mit großem Engagement betreiben, aber es gibt noch ein Berufsleben daneben, als TV-Journalistin und als Moderatorin großer Events. Passt das gut zusammen? Groenewold: Bisher sehr gut. Ich achte darauf, dass alles, was ich mache, sich positiv auf „meine Marke“ auswirkt. Deswegen trete ich als Schlagersängerin zwar auch gemeinsam mit anderen Musikern bei Konzerten auf, gerade im Sommer gibt es schöne Schlagerevents. Aber ich gehe nicht ins Festzelt bei Dorffesten oder zur Möbelhaus-Eröffnung. Dafür singe ich manchmal abends auf Veranstaltungen, für die ich tagsüber als Moderatorin gebucht werde, einige Kunden wünschen sich genau das. Und so sieht auch mein Idealbild aus: Ich verknüpfe, wenn es passt, die Sphären miteinander, die mir Spaß machen. Dafür gibt es mit Barbara Schöneberger oder Yared Dibaba gute Vorbilder. WamS: Nach welchen Kriterien suchen Sie ihre Lieder aus? Groenewold: Ich arbeite mit dem Produzenten Markus Norwin Rummel zusammen, der für Branchengrößen wie Ben Zucker, Kerstin Ott oder Semino Rossi tätig ist. Er ist meine Schnittstelle zu Songwritern. Ich bekomme Vorschläge, entscheide, was passt. Dann wird das gemeinsam ausgearbeitet – eine Arbeit, die mir viel Spaß macht. WamS: Und Ihre Videos drehen Sie dann vor allem in Hamburg, wie leicht an den Hintergründen zu erkennen ist. Groenewold: Alster und Elbe, der Stadtpark oder die Hafencity bieten sich da einfach an! Ich kann nicht einen Aufwand treiben wie Taylor Swift, aber die Videos sind wichtig für Social Media, die Aufrufe gehen schnell in die Zehntausende und sorgen für eine schnelle Verbreitung der Songs. Gerade am Anfang ist das sehr wichtig. Da ich selbst eine Musical-Ausbildung habe, fällt mir das Tanzen leicht – und für den Background kann ich schnell gute Tänzerinnen finden. WamS: Was ist nach zwei Jahren als Schlagersängerin ihr Ziel? Groenewold: Zunächst einmal bin ich jetzt sehr darauf gespannt, wie das Album ankommt. Vielleicht landet es ja unter manchem Weihnachtsbaum. Ansonsten wäre ich gern mal bei „Let’s Dance“ dabei oder beim „Fernsehgarten“ oder „Immer wieder sonntags“. Die Kontakte dorthin gibt es, vielleicht wird nächstes Jahr etwas daraus. WamS: Und wenn nicht? Groenewold: Was Absagen angeht, habe ich ein dickes Fell. Dann geht es trotzdem weiter, weil es mir Freude macht. Ich habe auch ein Studium der Musikwissenschaften hier in Hamburg begonnen, weil mich einfach alles, was mit Musik zu tun hat, fasziniert und ich gern mehr darüber wissen will. WamS: Eine vermutlich klassische Schlagerfrage zum Schluss: Gibt es eigentlich noch Autogrammkarten? Groenewold: Das ist unglaublich! In der Schlager-Bubble gibt es sogar noch Autogrammhefte wie in den 1980ern. Die Leute wollen drei Autogramme zum Tauschen. Manche schicken Poster aus „Meine Melodie“ und bitten um Signatur. Das kenne ich aus der Moderation nicht. Da will höchstens jemand ein Selfie für LinkedIn. Aber hier? Klassisch, mit Porto und Rückumschlag. Und das Verrückte: Die verkaufen das nicht bei Kleinanzeigen. Das ist echte Leidenschaft. ■ „Unikat“, Universal Music/Fiestarecords, CD 14,99 Euro, Vinyl 32,99 Euro, zum Beispiel über Amazon zu beziehen Ilka Groenewold wurde 1985 in Ostfriesland geboren, schon in ihren Schulzeiten stand sie gern auf der Bühne, wie einige Videos dokumentieren. Als Jugendliche kam sie zum TV-Sender Viva und trat auch als Tänzerin bei Konzerten von DJ Bobo auf. Groenewold absolvierte eine Musicalausbildung an der Hamburg School of Entertainment und legte an der Uni Hamburg den Bachelor in den Fächern Amerikanistik und Sportwissenschaften ab. Gebucht wird sie auch für Coachings und für TV-Schalten. Privat betreibt die 40-Jährige Triathlon, auch Marathons lief sie schon.