Die Mörder kamen mit der Straßenbahn zum Tatort. Mit „auffällig unauffällig“ unter weiten Mänteln oder in ausgebeulten Sporttaschen verborgenen Waffen, so der Terrorismus-Experte Wolfgang Kraushaar (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/wolfgang-kraushaar/) treffend, fuhren am 21. Dezember 1975 sechs Linksextremisten zu ihrem Ziel, der Tagung der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/opec/) (Opec) in Wien. „Wir müssen ziemlich merkwürdig ausgesehen haben“, erinnerte sich Hans-Joachim Klein, einer der Täter, in einem ausführlichen Text: „Die anderen Fahrgäste haben uns angeschaut und wahrscheinlich gedacht, ,Was sind denn das für Freaks‘.“ Als die sechs jungen Leute auf das Portal des Gebäudes am Dr.-Karl-Lueger-Ring 10 zugingen, hielt ihnen ein uniformierter Polizist höflich die Tür auf und sagte: „Grüß Gott.“ Kurz darauf begann das Sterben. Ein halbes Jahrhundert später veröffentlicht die Literaturzeitschrift „ Lettre International (verlinkt auf https://www.lettre.de/) “ in ihrer Ausgabe 151 (133 S., 15 Euro) ein Dossier über Klein, dessen Kern die 2009 nach einem Tonmitschnitt aufgeschriebene und autorisierte Selbstdarstellung ist. Der Text, begleitet von historischen Einordnungen durch Kraushaar, gewährt Einblick in das Denken eines Gewalttäters. Ausdrücklich hatte Klein (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article247349782/Hans-Joachim-Klein-Ein-so-netter-Bursche-Schade-dass-er-jetzt-weg-ist.html) die Bedingung gestellt, der Text dürfe nicht „in irgendeiner Springer-Zeitung“ publiziert werden. Gerade deshalb ordnet WELTGeschichte das Dokument kritisch ein. Das sechsköpfige Kommando, angeführt von dem 26-jährigen Venezolaner llich Ramirez Sanchez (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ilich-ramirez-sanchez/) (Kampfname „Carlos“), bestand aus zwei Palästinensern, zwei Deutschen, einem Libanesen und eben „Carlos“. Die Terroristen nahmen insgesamt 62 Geiseln, darunter elf vorwiegend arabische Erdölminister. Schon direkt nach dem Eindringen in das Gebäude begingen die Täter drei Morde: „Carlos“ erschoss einen Libyer, der nach seiner Waffe gegriffen hatte; die einzige Frau im Kommando Gabriele Kröcher-Tiedemann (Kampfname „Nada“) tötete einen österreichischen Kriminalbeamten und einen arabischen Leibwächter. Die 34 Jahre später gegebene Schilderung von Hans-Joachim Klein zeigt, welch Menschenverachtung ihm eigen war. „Nada sieht den in den Aufzug rennen. Läuft hinterher und schießt dem von hinten ins Genick. Deutsche Kultur“, sagte er zum Polizistenmord. Zum Tod des Leibwächters heißt es: „In dem Moment kommt Nada auf den zu. Das war ja ein Typ wie eine Eiche, eine irakische Eiche, ein Koloss, und setzte ihm die Pistole auf die Brust. Die klitzekleine Nada geht mit dem raus und dann knallt es. Da muss es einen Schuss gegeben haben, der von unten ins Kinn gegangen und dann oben aus der Schädeldecke wieder ausgetreten ist. Als ich dann in den Vorraum gegangen bin, sah ich vor den Aufzügen den Typ da liegen, der röchelte noch, dem lief Blut aus dem Mund. Überall waren Hirnreste in die Gegend gespritzt.“ Ähnlich ist der Stil des abstoßenden, als Selbstdarstellung eines Terroristen gleichwohl hochinteressanten Textes. Wobei es nur zum kleineren Teil um die Geiselnahme in Wien geht. Denn Klein wurde bei einem rasch abgebrochenen Befreiungsversuch österreichischer Polizisten durch ein Projektil in den Bauch verletzt; er traf dabei einen der Beamten so schwer, dass er 1984 an den Folgen starb. Auch die Schilderung dieses Schusswechsels zeigt, wie Klein wirklich dachte: „Der feuerte also blind um sich herum, bis einer von seinen Querschlägern mich dann erwischt hat. Als ich dann sah, wie er schnell auf die andere Seite hüpfen wollte, hab’ ich mir gesagt, mein lieber Freund, da machst du einen großen Fehler. Und in dem Moment, indem er los ist, hatte er bereits eine Kugel im Arsch. Aber offiziell habe ich dem Richter in meinem Prozess später gesagt, ich habe in die Decke geschossen, worauf der nur gelacht hat.“ Anderthalb Stunden später wurde Klein in ein Krankenhaus gebracht und notoperiert; das hatte „Carlos“ mit der Drohung, sonst Geiseln zu ermorden, erzwungen. Am folgenden Tag brachten Sanitäter den an sich nicht transportfähigen Klein zum Flughafen. Von hier aus wurde er mit den anderen fünf Tätern und 33 Geiseln nach Algier ausgeflogen; anschließend tauchte er unter. Erst 1998 konnte die französische Polizei ihn festnehmen; 23 Jahre lang hatte er mit Unterstützung der linken Frankfurter Szene um Daniel Cohn-Bendit in der Illegalität gelebt und sogar eine Familie gegründet. 2000 stand Hans-Joachim Klein endlich vor Gericht und wurde wegen Mittäterschaft an dreifachem Mord und Geiselnahme zu neun Jahren Haft verurteilt. Schon Ende 2003 kam er nach nicht einmal zwei Dritteln der Strafe auf Bewährung frei und kehrte nach Frankreich zurück, wo er 2022 im Alter von fast 75 Jahren starb. Zu dem milden Urteil hatte beigetragen, dass Hans-Joachim Klein aus dem Untergrund Reue bekundete und 1979 sogar ein Büchlein mit dem larmoyanten Titel „ Rückkehr in die Menschlichkeit (verlinkt auf https://www.book2look.com/book/9783688110827) “ veröffentlichte. Das jetzt publizierte Dokument beweist jedoch, dass all das nur vorgeschoben war. Zu den sechs Wochen der Schleyer-Entführung (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article233564236/Hanns-Martin-Schleyer-Fuer-die-RAF-ein-perfektes-Ziel.html) im September und Oktober 1977 beispielsweise sagte er: „Ja, das waren schlimme Zeiten.“ Allerdings nicht wegen der Morde an den vier Begleitern des Arbeitgeberpräsidenten, sondern weil er wusste, dass auch in Frankreich die „Polizei mobilisiert sein musste“. Das hatte Konsequenzen: „Ich bewegte mich daraufhin nicht mehr von der Stelle. Mein Freund kam einmal die Woche und versorgte mich mit Lebensmitteln.“ Diese Einschränkung seines illegalen Lebens meinte Klein mit „schlimme Zeiten“. In einem Essay, mit dem Wolfgang Kraushaar die Publikation des Ego-Dokuments zusätzlich zu einer ausführlichen Chronik begleitet, wirft der wohl wichtigste deutschsprachige Linksterrorismus-Experte eine weiterführende Frage zum Anschlag von Dezember 1975 auf: „Wer hat hinter der blutigen Geiselnahme in Wien gesteckt? Wer war der eigentliche Auftraggeber?“ Der Hinweis auf Wadi Haddad (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/plus246633474/Terrorismus-Wen-deutsche-Linke-unterstuetzen-wenn-sie-fuer-die-PFLP-eintreten.html) , den Kopf der Terrororganisation, zu der das von Carlos angeführte Kommando gehörte, genügt tatsächlich nicht. Gewöhnlich wird der libysche Machthaber Muammar al Gaddafi als Auftraggeber des Opec-Anschlags genannt. Doch, so Kraushaar, es gebe Gründe, dies zu bezweifeln: „Es sind Dokumente aufgetaucht, die auf einen weiteren Akteur hinweisen, der über eine noch sehr viel größere Macht verfügte als Libyen.“ Damit meint er hauptsächlich ein Papier, das der sowjetische Dissident Wladimir Bukowski während des kurzen Tauwetters der ersten Jelzin-Jahre 1992 im Archiv des KGB kopieren konnte – zusammen mit insgesamt 4500 weiteren Dokumenten auf rund 15.000 Seiten. Es handelt sich um einen als „streng geheim“ gestempelten Vermerk von KGB-Chef Juri Andropow an KPdSU-Chef Leonid Breschnew von April 1974. Darin ging es um die Zusammenarbeit des sowjetischen Geheimdienstes mit Haddad, Deckname „Nationalist“. In den hier skizzierten Plan passte der Wiener Anschlag tatsächlich perfekt. Auch „Carlos“ soll nach Ansicht verschiedener Kenner in enger Verbindung zum KGB gestanden haben. Dafür spricht, dass er sich auch nach Haddads Tod in Ost-Berlin 1978 problemlos im sowjetischen Block bewegen und von hier aus auch Terroranschläge wie den auf das französische Kulturzentrum Maison de France in West-Berlin (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article247079886/Terror-in-Berlin-1983-Frankreichs-Kulturzentrum-flog-in-die-Luft-unterstuetzt-von-der-Stasi.html) 1983 vorbereiten konnte. Aufklären könnten diese Verbindung wohl nur „Carlos“ selbst, der seit 1994 in französischer Haft sitzt, oder sein langjähriger Vertrauter Johannes Weinrich, der aus Sorge vor einer möglichen Abschiebung nach Frankreich auch nach mehr als 30 Jahren im Gefängnis Berlin-Tegel nicht entlassen werden will. Vielleicht bringt Wolfgang Kraushaars Mutmaßen über eine mögliche Beteiligung des KGB etwas in Bewegung. Bekanntermaßen wandte sich llich Ramirez Sanchez 2018 an den früheren KGB-Offizier Wladimir Putin mit der Bitte, ihm die russische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Eine Antwort ist nicht überliefert. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit bald 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern dazu zählt, Anfang 2025 erschienen, „ Der Stammheim-Prozess (verlinkt auf https://www.herder.de/wissen/shop/p8/90794-der-stammheim-prozess-gebundene-ausgabe/) “.