Welt 20.07.2026
14:26 Uhr

Der Mord an diesem König zerstörte die beste Chance auf Frieden im Nahen Osten


Ein palästinensischer Attentäter tötete am 20. Juli 1951 in Jerusalem Abdullah I. Mit ihm starb die Hoffnung, den mörderischen Konflikt zwischen Arabern und Juden gewaltfrei zu lösen. Ein Hitler-Bewunderer spielte eine Hauptrolle.

Der Mord an diesem König zerstörte die beste Chance auf Frieden im Nahen Osten

Der Täter erreichte sein Ziel – und das gleich im doppelten Sinne. Am 20. Juli 1951 schoss der 21-jährige Palästinenser Mustafa Shukri Ashshu auf Abdullah I. (verlinkt auf https://www.eslam.de/begriffe/a/aa/abdullah_ibn_husain_koenig.htm) , den König von (Trans-)Jordanien, und tötete den Herrscher durch mehrere Schüsse in die Brust. Dass er selbst umgehend im Kugelhagel der Leibwächter starb: unwichtig. Denn mit dem Tod des 69 Jahre alten Chefs der Haschemiten-Dynastie hatte der Attentäter zugleich die beste Chance auf einen (einigermaßen) haltbaren Frieden im Nahen Osten ausgelöscht. Genau das war wohl der Auftrag an den Schneider aus der Jerusalemer Altstadt gewesen, der über Verbindungsleute in Kontakt zum ehemaligen Großmufti der Heiligen Stadt (verlinkt auf https://www.trafoberlin.de/pdf-dateien/2010_05_11/Wolfgang%20G%20Schwanitz%20Amin%20al-Husaini.pdf) stand, Amin al-Husseini. Dieser muslimische Geistliche (allerdings ohne nennenswerte religiöse Ausbildung) hatte nicht nur nach Kräften den arabisch-nationalistischen Antisemitismus in der erst osmanischen Provinz, dann dem britischen Mandatsgebiet Palästina gefördert. Zudem lebte der Mufti auch 1941 bis 1945 in Berlin, traf Hitler einmal persönlich (verlinkt auf https://encyclopedia.ushmm.org/content/de/film/hajj-amin-al-husayni-meets-hitler) und Himmler gleich mehrfach (verlinkt auf https://www.jstor.org/stable/44510573) . Nach Kriegsende hatte Abdullah I. einen neuen Mufti von Jerusalem ernannt, was Amin al-Husseinis Hass auf den jordanischen König noch verstärkte. Allgemein bekannt waren Abdullahs Bemühungen, einen Interessensausgleich zwischen arabischen Palästinensern und den teilweise ebenfalls vor Ort geborenen Juden sowie den meist europäischen Zuwanderern, fast immer Überlebenden des Holocausts, herbeizuführen. Anders als die nationalistischen Regierungen in Kairo und Damaskus setzte der (trans-)jordanische König darauf, den Konflikt mit dem 1948 gegründeten Staat Israel zu entschärfen. (Trans-)Jordanien umfasste den Teil der südlichen Levante und ihres Hinterlandes bis an die irakische Grenze, der nicht zum britischen Mandatsgebiet Palästina gehörte. So sprach er ab 1947 wiederholt mit Golda Meir, der Chefverhandlerin der Jewish Agency für alle Fragen der Zusammenarbeit mit Arabern. Nach dem ersten Nahostkrieg folgten 1949/50 mehrfache Treffen mit Reuven Shiloah. Dieser in Jerusalem geborene Jude galt als Geheimdienst-Experte des israelischen Premier David Ben-Gurion und wurde erster Direktor des Mossad. Abdullah investierte viel Kraft, die aus der arabischen Oberschicht stammenden Beamten seines Königreiches von der Idee zu überzeugen, einen Ausgleich mit dem jüdischen Staat zu suchen. Doch dagegen wehrten sich sowohl die vielfach nationalistisch-antisemitisch eingestellten Funktionsträger als auch die Öffentlichkeit in (Trans-)Jordanien. Offenbar war für den 21. Juli 1951 in Jerusalem ein weiteres Gespräch mit Shiloah verabredet. Ob der Attentäter oder seine Hinterleute davon wussten, ist unklar; vermutlich nutzten sie einfach die sich bietende Gelegenheit für den Mordanschlag. Zu dem jungen Israeli Moshe Sasson hatte Abdullah I. kurz zuvor einmal gesagt: „Ich möchte Frieden mit Israel, weil es im Interesse meines Volkes ist.“ Dieser nur mündlich und in verschiedenen Varianten überlieferten Anekdote zufolge begründete der König sein Ziel: „Ich bin überzeugt, dass es, wenn wir keinen Frieden mit euch schließen, immer wieder Kriege geben wird, und wir werden all diese Kriege verlieren. Daher ist es das höchste Interesse der arabischen Nation, Frieden mit euch zu schließen.“ In ihrem Bericht über den Mord vor der al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg nannte die britische Wochenschau „Pathé News“ Abdullah deshalb „den einen Mann, der dem Nahen Osten Frieden hätte bringen können“. Auch der ehemalige britische Premier Winston Churchill, der selbst 1921/22 Kolonialminister war und den Herrscher aus dieser Zeit persönlich gekannt hatte, zeigte sich erschüttert: „Ich bedauere zutiefst den Mord an diesem weisen und treuen arabischen Herrscher, der die Sache Großbritanniens nie im Stich gelassen und Israel die Hand zur Versöhnung gereicht hat.“ Abdullah war 1882 in Mekka als zweiter Sohn einer Scherifen-Familie geboren worden und damit Teil der arabisch-islamischen Oberschicht. Privatlehrer unterrichteten ihn von klein auf, unter anderem in Geschichte und Dichtkunst, arabischer Kalligrafie und Korankunde. Als Zehnjähriger reiste er seinem Vater nach in die osmanische Metropole Konstantinopel, wo er seine Ausbildung abschloss. 1902 heiratete er seine Cousine; die beiden hatten zwei gemeinsame Kinder; später hatte er eine Zweitfrau, die drei weitere Kinder zur Welt brachte. 1908 übernahm sein Vater den Posten des Großscherifen von Mekka, regierte also faktisch die heiligste Stätte des Islam. Seit 1909 war Abdullah selbst Abgeordneter des osmanischen Parlaments, das weitgehend aus Familienhonoriatoren bestand. Da sein Vater in dauernden latenten Spannungen mit den inzwischen in Konstantinopel führenden nationalistischen Jungtürken stand, orientierte sich Abdullah stärker Richtung Großbritannien. Im Februar 1914 traf er den britischen Hochkommissar für Ägypten, Lord Kitchener, um britische Hilfe für den Fall eines gravierenden Konflikts seines Vaters mit der Regierung in Konstantinopel zu besprechen. Die Briten lehnten jedoch ab, weil sie in der gespannten Weltlage jeden weiteren Konflikt vermeiden wollten. Das änderte sich, als das Osmanische Reich im Herbst 1914 auf der Seite der Mittelmächte Deutschland und Österreich in den Krieg eintrat. Abdullah sah nun die Chance, seine Familie an der Spitze eines panarabischen Königreiches zu etablieren. Ab 1916 beteiligte er sich mit seinem Bruder Faisal an der Arabischen Revolte gegen die Osmanen; Abdullah belagerte türkische Garnisonen, unter anderem Medina, während Faisal in Syrien operierte und im September 1918 Damaskus eroberte. In Südarabien jedoch erlitten die Streitkräfte der Familie 1919 eine schwere Niederlage gegen die radikalislamischen Anhänger der konkurrierenden Familie Saud. Nach einem Zwischenspiel als König des Iraks 1920 wechselte er nach (Trans-)Jordanien. Ungefähr zur gleichen Zeit vertrieb Frankreich, vom Völkerbund als Mandatsmacht der nördlichen Levante eingesetzt, Faisal aus Syrien. Auf der Nahostkonferenz vom April 1921 erkannte Großbritannien Abdullah als Emir von (Trans-)Jordanien an; Faisal erhielt den mit dem Königstitel verbundenen irakischen Thron. Ihr Vater hingegen musste 1924 endgültig vor Ibn Saud kapitulieren, starb 1931 und wurde in Jerusalem bestattet. Abdullah traf sich mit dem zionistischen Politiker Chaim Weizmann (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article152048670/Die-Bedeutung-Syriens-im-Ersten-Weltkrieg.html) in London, um Unterstützung gegen seinen palästinensischen Gegner in Jerusalem, Amin al-Husseini, zu gewinnen. Amin warb gleichzeitig mit zunehmend antisemitischer Propaganda eine immer größere Anhängerschaft im Mandatsgebiet Palästina. Im Herbst 1941 ging der Mufti ins Exil nach Berlin. Alle Überlegungen der Wehrmacht und der SS, den Kriegsschauplatz vom östlichen Nordafrika auf die südliche Levante auszudehnen, zerschlugen sich durch den Sieg des britischen Generals Bernard Montgomery in El Alamein (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article240695873/Zweiter-Weltkrieg-in-Farbe-Die-Schlacht-um-El-Alamein.html) 1942. Nach dem Ende des Weltkrieges jedoch zeigte sich, dass der inzwischen offiziell abgesetzte Mufti immer noch viele Anhänger in Jerusalem hatte. Abdullah stieß mit seinen Plänen für eine friedliche Regelung des jüdisch-arabischen Konflikts um das Heilige Land auf zunehmenden Widerstand. Mehrere Attentatsversuche misslangen, bis Mustafa Shukri Ashshu am 20. Juli 1951 Erfolg hatte. Weil Abdullahs ältester Sohn Talal unter Schizophrenie litt und in einem Schweizer Sanatorium lebte, übernahm zunächst der jüngere Nayef die Regentschaft. Schon ein Jahr später, am 11. August 1952, folgte ihm Talals Sohn Hussein und herrschte bis 1999 über das nun offiziell nur noch Jordanien genannte Königreich. Im Sechs-Tage-Krieg (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article165202517/So-fuehrte-Israel-seinen-Blitzkrieg-in-der-Wueste.html) 1967 verlor Hussein alle Gebiete westlich des Jordans an Israel, einschließlich des Ostteils von Jerusalem. Aus dem Jom-Kippur-Krieg 1973 hielt sich der Haschemit heraus; schon zuvor hatte er die zunehmend terroristische PLO (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article128497712/Die-fruehe-PLO-kuemmerte-sich-wenig-um-Palaestina.html) 1970 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article215940994/Jordanien-1970-So-schwarz-war-der-Schwarze-September.html) aus Jordanien vertreiben lassen. 1994 schloss König Hussein einen Friedensvertrag mit Israel, den bereits 1951 sein Großvater angestrebt hatte. Doch in den Jahrzehnten dazwischen war viel geschehen, was einen wirklichen Friedensschluss schwerer machte.