Wenn in diesen Tagen über die vermeintliche Erbfeindschaft zwischen Judentum und Islam diskutiert wird, wird gern auf ein historisches Gegenbeispiel verwiesen: Das friedliche Zusammenleben von Muslimen, Juden und Christen im maurischen Spanien des Mittelalters, das ein Goldenes Zeitalter für Wissenschaft, Philosophie und Kunst hervorgebracht habe, bis die christliche Reconquista es zerstörte. Daran ist vieles richtig. Dennoch gibt es Episoden, die nicht in dieses paradiesische Bild passen wollen. So kam es am 30. Dezember 1066 in Granada zu einem Massaker, dem tausende Juden zum Opfer fielen, getötet von ihren muslimischen Nachbarn. Manche Historiker werten das Blutbad sogar als erstes Pogrom, das sich in Europa ereignet hat. Zuvor hatte es in Al-Andalus, wie die muslimisch beherrschten Teile der Iberischen Halbinsel (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article113258613/Eroberung-Spaniens-Der-erste-Sturmangriff-des-Islam-auf-Westeuropa.html) genannt wurden, große Veränderungen gegeben. Das Kalifat von Córdoba, das seit 929 die zahlreichen muslimischen Herrschaften in einem Reich zusammengefasst hatte, war in den Kämpfen zwischen der arabischen Dynastie der Umayyaden, Berber-Söldnern und Führern von Kriegssklaven 1031 zerbrochen. An seine Stelle waren rund 60 Taifa-Fürstentümer (arabisch Gruppe, Partei) getreten, die sich in permanenten Kleinkriegen erschöpften. Dabei fanden sie Unterstützung bei den christlichen Königreichen im Norden (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article232531889/Reconquista-Die-entscheidende-Niederlage-des-Islam.html) , die damit ihre Machtstellung auf der Halbinsel weiter ausbauten. Es kam sogar dazu, dass muslimische Herrscher regelrechte Schutzgelder an Christen zahlten oder christliche Ritter in Schlachten auf beiden Seiten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article232409581/Reconquista-Er-raechte-seine-Toechter-die-man-nackt-zurueckgelassen-hatte.html) zu finden waren. Zu den wichtigsten Taifa-Königreichen unter Berber-Führung gehörte Granada, das zum bedeutendsten Zentrum in Al-Andalus neben Sevilla aufstieg. In den Endkämpfen um das Kalifat war es dem berberischen Söldnerführer Zawi ibn Ziri gelungen, sich der Siedlung Madinat Ilbira zu bemächtigen. Bald verlegte er sein Hauptquartier ins nahe gelegene Granada, wo die Ziriden über eine bunt gemischte Bevölkerung aus Berbern, Arabern, Juden und einigen Christen herrschten. Die Ziriden „waren Berufskrieger, sprachen kaum Arabisch und waren sich ihres Status als Fremde sehr genau bewusst“, schreibt der Historiker Brian A. Catlos. (verlinkt auf https://www.amazon.de/stores/author/B001HPBI2G/about) Daher suchten sie Rückhalt in der großen jüdischen Gemeinde: „Diese Konstellation bildete den Hintergrund für eine der faszinierendsten Episoden der Taifa-Ära: den Aufstieg und Fall der jüdischen Banu Nagrilla.“ Oberhaupt des Clans war Ismail ibn Nagrilla. In Córdoba hatte er Arabisch, Latein und eine Berbersprache gelernt, Medizin, Theologie und Rechtswissenschaften studiert und war in die Palastelite aufgestiegen. Im Chaos des untergehenden Kalifats war er über Málaga nach Granada gekommen, wo ihm seine Sprach- und Koran-Kenntnisse den Posten eines königlichen Sekretärs verschafften. Weil es ihm gelang, eine Verschwörung gegen den Kronprinzen aufzudecken, wurde er zu einem der engsten Berater des Dynastiegründers Habbus ibn Maksan und konnte die Position auch unter dessen Nachfolger halten. Daneben stieg er zum Anführer der jüdischen Gemeinde auf. Ismail wurde zur Schlüsselfigur eines verzweigten Gelehrtennetzwerks, in dem die Grundlagen für den Wiederaufstieg des Hebräischen als Umgangs- und Literatursprache gelegt wurden. Er finanzierte aus seinem riesigen Vermögen, das ihm nicht zuletzt seine Rolle als Steuerverwalter des Reiches zufloss, jüdische Gemeinschaften um das Mittelmeer. Mit seinem Geld wurde das Öl für die Lampen in Jerusalem bezahlt. Nachdem es ihm als Politiker und Feldherr gelungen war, 1038 einen Angriff aus Almería abzuwehren, war seine Position als Wesir unerschütterlich. Als er 1058 starb, rühmten Muslime, Juden und Christen seine Weisheit, deren Weltgewandtheit Brian Catlos so beschreibt: „Er verbrachte viele Nächte bei Weingelagen und schrieb neben weltlichen und geistlichen Dichtungen in hebräischer Sprache auch Verse auf Arabisch, in denen er die erotische Schönheit der Sklavinnen und Sklavenknaben besang, die ihn bedienten.“ Nicht alle Zeitgenossen wollten in den Chor der Bewunderer einfallen. Unabhängig von Neidern am Ziriden-Hof sahen strenggläubige Muslime in diesem freigeistigen Stil eine Ursache für die schwierigen Zeiten, in denen die Taifa-Reiche um ihre Existenz kämpften. Sie verwiesen auf den Koran und die auf ihm gründenden Rechte, nach denen Juden und Christen dhimmis waren, Schutzbefohlene, mit denen bei ihrer Unterwerfung ein Vertrag geschlossen wurde. Danach wurde ihnen die freie Religionsausübung zugestanden. Im Gegenzug hatten sie den Muslimen die Prärogative in politischen und gesellschaftlichen Fragen zuzugestehen. Der Autorität Ismails konnte derartige Kritik wenig anhaben. Aber sein Sohn Yusuf war von anderem Kaliber. Zwar konnte auch er die Position des Wesirs erlangen. Aber ihm fehlte die Klugheit und das Charisma des Vaters, was die Zahl der Anwürfe in die Höhe schnellen ließ. So berichtete ein muslimischer Chronist: „Dieser gut aussehende, intelligente Mensch, der eine Politik der Einflussgewinnung, Selbstbereicherung und Vetternwirtschaft betrieb ... ließ den Fürsten Badis insgeheim durch Frauen und Pagen – der Verfluchte köderte sie durch Gunstbeweise – in seinem Palast aushorchen, sodass er über dessen Privatleben ... genau unterrichtet war, und seinerseits die Juden auf dem Laufenden hielt ... Der Jude wurde den Muslimen zur Plage.“ So fielen die Oden des aus Granada vertriebenen Dichters Abu Ishaq auf fruchtbaren Boden: „Lasst die Verbrechen, die sie an uns tun, nicht zu. Sie waren es, die den Vertrag mit uns gebrochen.“ Das zielte auf Yusufs Machtposition und seinen außerordentlichen Reichtum, den er keineswegs verbarg. Als er in den Machtkämpfen am Hof zunehmend in die Defensive geriet – man warf ihm vor, einen Giftanschlag auf Badis‘ Sohn unternommen zu haben – , verfiel der Wesir auf einen verwegenen Plan. Er bot dem Herrscher von Almería, al-Mutasim, an, ihm die Stadttore zu öffnen. Anschließend würde er als dessen Klientelkönig Granada regieren. Yusufs mangelhafte politische Kompetenz wurde auch dadurch deutlich, dass er das Unternehmen seinen Anhängern eröffnete, bevor die Verbündeten zum Sturm auf die Stadt ansetzten. In letzter Minute machte der Fürst von Almería jedoch einen Rückzieher und zog ab. Die Konsequenzen beschreibt der Chronist: „Daraufhin stürmten die Berber-Garden mit einem Pöbelhaufen die Residenz des Juden. Der Verfolgte hielt sich im Kohlenkeller versteckt, hatte sein Gesicht geschwärzt und sein Äußeres zu entstellen versucht. Jedoch die Häscher ließen sich nicht täuschen: Sie schlugen ihn tot und kreuzigten ihn am Stadttor. Eine ganze Anzahl Juden fand am selben Tag den Tod, während sein Haus geplündert wurde.“ Nach manchen Quellen sollen 1500, nach anderen sogar 4000 Juden ihr Leben verloren haben. War es ein Pogrom? Moderne Historiker sind sich einig, dass der versuchte Verrat Auslöser für eine „Spontanreaktion“ gegen einen „arroganten jüdischen Wesir“ war, wie der britische Islam-Spezialist Bernard Lewis (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_Lewis) schreibt. Ähnlich urteilt Catlos: Die Juden „wurden nicht wegen ihrer Religion, sondern wegen ihres Verrats getötet.“ Und er verweist auf ein ähnlich motiviertes Massaker, das die Bewohner von Córdoba an Berbern verübten. Auch habe sich die jüdische Gemeinde in Granada bald wieder erholt. Daher bedeute das Massaker auch keinen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Muslimen und Juden auf der Iberischen Halbinsel. Dennoch sprechen Wissenschaftler wie Walter Laqueur (verlinkt auf https://www.welt.de/debatte/kommentare/article181761158/Tod-mit-97-Jahren-Walter-Laqueur-ein-kluger-Kopf-der-uns-fehlen-wird.html) oder Georg Bossong (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Bossong) von einem regelrechten Pogrom, weil dem muslimischen Mob Tausende unschuldiger Juden zum Opfer fielen, nicht allein wegen Yusufs Putschplänen, die das Ziel hatten, „für die Juden ein Reich“ zu gewinnen, heißt es in einer muslimischen Chronik. Auch der Neid auf seinen außerordentlichen Reichtum, den er selbstherrlich zur Schau trug, wurde religiös aufgeladen. Bossong verweist auf das Hassgedicht des Abu Ishaq: „Der alte Yusuf lebt in einem Haus aus Marmor und trägt kostbare Gewänder, während die Muslime trockene Brotkrusten kauen und in Lumpen gehen.“ Das erinnert an die Pogrome, die jüdische Gemeinden im Mittelalter (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article155713189/Bluthostien-provozierten-im-Mittelalter-Orgien-der-Gewalt.html) in den christlichen Mehrheitsgesellschaften Europas erleiden mussten. Sie waren zwar vorrangig religiös motiviert. Aber dahinter spielte auch der Neid auf wirtschaftliche Erfolge eine große Rolle. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.