Fatemeh D. war erst 18 Jahre alt, als ein unbekannter Mann sie am Hamburger U‑Bahnhof Wandsbek Markt hinterrücks mit ins Gleisbett riss. Die junge Frau, die nach dem persischen Wort für Honig von Familie und Freunden Asal genannt wurde, war an jenem Abend Ende Januar auf dem Weg zu ihrer Mutter, als der ihr unbekannte 25-Jährige aus dem Südsudan sie packte und mit ihr vor die einfahrende U-Bahn sprang. Am Dienstag wurde sie in Ohlsdorf beigesetzt. Am Mittwoch befasste sich die Bürgerschaft mit dem Fall. Zu Beginn der Sitzung erinnerte Präsidentin Carola Veit (SPD) an die junge Frau – und an das Versprechen von Sicherheit, das sie hier gesucht hatte. „Es ist schwer erträglich, dass die junge Fatemeh, genannt Asal, die hier Schutz suchte, nicht sicher war“, sagte Veit. Asal war 2023 mit ihrer Familie aus dem Iran geflohen, lebte erst mit ihr in Bad Bramstedt, später allein in Hamburg. Veit erwähnte auch den Täter: ein Mann, „der verhaltensauffällig war und als unberechenbar beschrieben wurde“ und der 2024 über ein internationales Hilfsprogramm für Geflüchtete aus einem Lager in Kenia nach Deutschland gekommen war. Dass diese Hilfe „offenbar nicht geglückt“ sei, gehöre zur Tragik dieses Falls. Zugleich mahnte sie einen Debattenstil an, der der Würde des Opfers gerecht werde – ein Appell, der im Verlauf der Sitzung mehrfach auf die Probe gestellt wurde. Die AfD hatte die Aktuelle Stunde unter dem Titel „schreckliche Gewaltspirale an Hamburger Bahnhöfen – die tödlichen Folgen verfehlter Migrationspolitik“ angemeldet. SPD und Grüne hatten ihrer Debattenanmeldung den Unter-Titel gegeben: „Wir trauern mit den Angehörigen und treten der politischen Instrumentalisierung durch AfD und CDU entgegen“. AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann eröffnete die Debatte und nutzte die ersten Minuten, um den Fall in eine breite sicherheitspolitische und migrationspolitische Erzählung einzuordnen. Er erinnerte an den Doppelmord am Jungfernstieg 2019, an das Zug-Attentat im Regionalverkehr nach Brokstedt, an Mannheim, an den Breitscheidplatz, an Solingen und weitere Fälle. Für ihn waren all diese Taten Ausdruck eines grundlegenden Staatsversagens, das – so Nockemann – die rot‑grüne Regierung in Hamburg und frühere Bundesregierungen zu verantworten hätten. Mehrfach griff er die Regierung frontal an: Die Realität lasse sich nicht länger „verstecken“, die Menschen in Hamburg hätten „die Nase voll von dieser Politik“ und die Bevölkerung im Land zahle „einen hohen Blutzoll für Ihre Politik der offenen Grenzen“. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) warf er vor, dieser habe „vier quälend lange Tage“ geschwiegen. Der Täter von Wandsbek sei „ein Geladener“, ein Mann, der aus humanitären Gründen aufgenommen worden sei – „mit katastrophalen Folgen“. Es sei, so Nockemann, die Aufgabe der Opposition, „die Finger in die Wunde zu legen“, nicht sich den Vorwurf der Instrumentalisierung gefallen zu lassen. Dennis Thering, Fraktions- und Parteichef der Hamburger CDU, beschrieb die Tage und Stunden vor der Tat detailliert: Der Täter sei zweimal aufgefallen, habe einen Polizisten tätlich angegriffen, sei aggressiv und gewalttätig gewesen. Dass dieser Mann – „zwei Tage nach einem tätlichen Angriff auf einen Beamten“ – frei in Hamburg unterwegs war, sei „unfassbar“. Thering sah eine direkte politische Verantwortung: Wäre das Resettlement‑Programm unter der Ampel nicht ausgeweitet worden, wäre dieser Mann „niemals nach Deutschland, niemals nach Hamburg“ gekommen. Er forderte automatische Aufenthaltsbeendigungen bei schweren Straftaten, mehr Videoüberwachung, Zugangskontrollen, Bahnsteigtüren, mehr Sicherheitspersonal. Dabei verlor er nicht den politischen Gegner aus dem Blick: Die SPD habe mit ihrer Titelformulierung die CDU diskreditieren wollen, anstatt politisch zu handeln. Die SPD reagierte auf diese Schärfe nicht weniger zugespitzt. Fraktionschef Dirk Kienscherf begann mit einer klaren Abgrenzung: Der Tod der jungen Frau werde von AfD und CDU benutzt, um Angst zu schüren. Er sprach von einer „Diskursverschiebung“ bei der CDU, die sich zunehmend der AfD-Rhetorik annähere. Wer so argumentiere, öffne Tür und Tor für rechte Narrative. Kienscherf erinnerte daran, dass Programme wie das Resettlement nicht nur von der SPD, sondern auch unter CDU‑geführten Regierungen eingeführt und weiterentwickelt worden seien. Für ihn war zentral: Migration und Kriminalität dürften nicht gegeneinander verrechnet werden. Die SPD halte an Humanität und Rechtsstaatlichkeit fest – und ja, man müsse Sicherheitsfragen stellen, aber eben nicht auf Basis von Empörung oder rassistischen Zuschreibungen. Innensenator Andy Grote (SPD) nahm sich anschließend viel Zeit, die Fakten darzustellen. Er erklärte ausführlich, warum der Täter in keinem behördlichen Risikoverfahren auffällig geworden war: keine Hinweise auf eine psychiatrische Erkrankung, keine belastbaren Prognoseindikatoren, nichts, was ein „Frühwarnsystem“ ausgelöst hätte. Dass es viele aggressive und auffällige Menschen in Hamburg gebe – darunter Geflüchtete und Nicht‑Geflüchtete –, gehöre zur Realität einer Großstadt. Grote schilderte zudem die Maßnahmen, die Hamburg in den vergangenen Jahren umgesetzt hat: Waffen- und Messerverbote, Ausbau der Videoüberwachung, zusätzliche Sicherheitskräfte bei Hochbahn und S‑Bahn. Die Zahlen zeigten rückläufige Gewaltdelikte im ÖPNV. Die CDU‑Darstellung, Hamburg habe nichts getan, sei schlicht falsch. An Thering gewandt sagte er schließlich: Die Behauptung, die Bundesregierung trage Verantwortung für den Tod des Mädchens, sei „die schlechteste und politisch schäbigste Art“, mit einer solchen Tat umzugehen. Und er wandte sich in ungewöhnlicher Schärfe an die AfD: „Die Anteilnahme müsste Ihnen eigentlich im Hals stecken bleiben“, sagte er. Wäre die AfD an der Macht, hätte Asals Familie „nie Schutz gefunden“ in Deutschland. Für die Grünen sprach Fraktionschefin Sina Imhof, die die Perspektive verschob: Sie sprach davon, dass die Tat deshalb so tief wirke, weil sie „unser Sicherheitsgefühl im Alltag“ treffe – Feierabend, Bahnsteig, Schulweg. Aber gerade jetzt müsse entschieden werden, welchen Weg man einschlage: den Weg der Angst oder den des Vertrauens. Imhof warnte vor einer Politikkultur, die den öffentlichen Raum in einen Ort pauschalen Misstrauens verwandle. Die CDU‑Forderung nach immer mehr Überwachung, Abschottung und Abschiebung sei nicht geeignet, eine freie Stadt zu schützen. „Unser Zusammenleben“, sagte sie, „beruht auf der unausgesprochenen Übereinkunft, dass wir uns als Mitbürger begegnen und nicht als potenzielle Feinde.“ Wer dieses „unsichtbare Band des Vertrauens“ zerschneide, gefährde Hamburg. Die Linke schließlich positionierte sich klar gegen die rechte Lesart des Falls. Hila Latifi nannte es „das Allerletzte“, dass ausgerechnet die AfD den Femizid an Asal instrumentalisieren wolle. Sie erinnerte daran, dass die junge Frau vor patriarchaler Gewalt aus dem Iran geflohen sei – und Gewalt gegen Frauen ein strukturelles Problem sei, nicht eines bestimmter Herkunftsgruppen. Die CDU normalisiere durch ihre Argumentation rassistische Muster, die langfristig nicht nur Geflüchtete, sondern auch Frauen generell gefährdeten. Die Linke sprach zudem über die Unterfinanzierung psychosozialer Angebote, über prekäre Unterbringungssituationen und über die Folgen mangelnder Prävention. Bei aller Schärfe blieb am Ende eines erkennbar: Der Fall der 18‑Jährigen hat Hamburg tief getroffen – und die Deutung darüber, welche politischen Konsequenzen daraus zu ziehen sind, spaltet das Parlament. Zwischen Forderungen nach Abschottung, Warnungen vor Angstpolitik und der Mahnung zum rechtsstaatlichen Maß stand ein Satz, den die grüne Fraktionschefin sagte und der die Stimmung vieler im Saal traf: Hamburg könne nur dann eine sichere Stadt bleiben, sagte Imhof „wenn wir nicht in die Falle tappen, aus Angst oder mit Angst Politik zu machen.“