Welt 14.01.2026
14:32 Uhr

Der 50-Jahre-Theatermacher


Corny Littmann feierte im Schmidt Theater mit Freunden und Weggefährten sein 50. Bühnenjubiläum. Der von Anke Harnack und Helge Fuhst moderierte Abend wurde zu einer spannenden Zeitreise, prall gefüllt mit Anekdoten und musikalischen Beiträgen, auch vom Jubilar.

Der 50-Jahre-Theatermacher

Die einführenden Worte des Abends sprach der Kabarettist Wolfgang Trepper, der im Eiltempo durch die größten Erfolge des Jubilars führte, und eigentlich war da schon jedem im Saal klar, dass dieser Abend nicht, wie zunächst angekündigt, nach zwei Stunden zu Ende gehen würde. Corny Littmann, der einst aus Münster nach Hamburg kam, feierte im Schmidt Theater mit Freunden und Weggefährten sein 50. Bühnenjubiläum – mit Anekdoten, Geschichten und Erinnerungen. In einer Zeitreise, von historisch-anschaulichem Bildmaterial untermalt, ließen die Moderatoren Anke Harnack und Helge Fuhst gemeinsam mit dem 73-Jährigen im alarmroten Sakko in einer Sitzgruppe auf der Bühne seine Karriere als Schauspieler, Regisseur und Aktivist Revue passieren. Von der Fabrik in Altona bis zu eigenen Bühnen Der erste Auftritt des heutigen Intendanten aller Schmidt-Theater an der Reeperbahn ging am 13. Januar 1976 in der Fabrik in Altona als Darsteller über die Bühne, mit der Theatergruppe Brühwarm, einer wahrhaft revolutionären Truppe des schwulen, grünen, leicht anarchistischen Theaters. Herrlich politisch unkorrekt und zugleich fortschrittlich kämpften Littmann und seine Mitstreiter gegen gesellschaftliche Ächtung und Kriminalisierung der queeren Szene. Die Emanzipation fand auch, aber nicht nur im Theatersaale statt. Brühwarm startete 1976 eine Zusammenarbeit mit Rio Reiser und Ton Steine Scherben, die zunächst in der Veröffentlichung zweier Schallplatten mündete: „Mannstoll“ von 1977 und „Entartet“ von 1979. Littmann verursachte als politischer Aktivist und im Wahlkampf 1980, als Spitzenkandidat der Grün-Alternativen Liste (GAL), die zweite Hamburger „Spiegelaffäre“: Er zerschlug die Spiegel der Herrentoilette am Alsteranleger, durch die Schwule von der Polizei beobachtet wurden, mit einem Hammer. Da er nicht gewählt wurde (die GAL blieb unter drei Prozent), gründete sich bald darauf die Familie Schmidt mit Gunter Schmidt und Ernie Reinhardt als Lilo Wanders, die mit einer Reihe erfolgreicher Programme bundesweit auf Tour ging. Schmidt und Littmann sorgten beim Hamburger Matthiae Mahl 1982 für einen kleinen Skandal, einem recht strengen Regeln folgendem Festmahl – von dem Hamburg seit dem Jahr 1356 nicht lassen mag – weil Schmidt als Littmanns Verlobte Frau Schmidt im Kleid teilnahm. Familie Schmidt und die „Schmidt Mitternachtsshow“ Ein altes Foto zeigt dem aktuellen Publikum, wie herrlich schräg das Paar damals auftrat (der Elbaal mit Geschwür, den Corny in einer Smartieschachtel bei sich trug, ist allerdings nicht zu sehen). Schmidt ließ es sich nicht nehmen, zum großen Vergnügen des Publikums noch einmal in die Rolle von damals zu schlüpfen – im Abendkleid mit Lockenpony, bevor er sich neben Littmann auf dem Sofa niederließ. Anfang 1988 schließlich kam das Programm „Sag bitte und ich sing“ mit Ernie Reinhardt, Georgette Dee und Terry Truck heraus und wurde am 8. August 1988 auch zur Eröffnung des Schmidt Theaters auf der Reeperbahn gespielt. Der Jubilar sang in alter Frische, begleitet von Schmidt am Klavier, den herrlichen Song „Die Trine aus Detmold-Lippe“. Schon ein Jahr später sorgten die Schmidts im NDR mit der legendären Sendung „Schmidts Mitternachtsshow“ für Furore, die von anderen ARD-Landesanstalten übernommen wurde und die es auf mehr als 40 Folgen in vier Jahren brachte. Littmann berichtete, von Dokumentarfotos gestützt, von den Querelen um ein Plakat der Deutschen Aidshilfe, das zwei Männer beim Oralverkehr zeigt und vom WDR aus der Sendung geschnitten wurde, bis es auf einem T-Shirt, von Corny unentfernbar am Leib getragen, wieder auftauchte. Das Schmidts Tivoli als Bühne für Erfolgsstücke Bereits drei Jahre nach dem Schmidt Theater eröffnete gleich nebenan das Schmidts Tivoli mit dem Programm „Marlene Jaschke ist Carmen“. Jaschke-Darstellerin Jutta Wübbe saß in der ersten Reihe und erzählte in einem kurzen Interview mit Fuhst, warum es so viel Spaß gemacht hat, mit Littmann auf der Bühne zu stehen, denn ihre Rollen „ergänzten einander“. Auch andere Weggefährten und Freunde kamen zu Wort, gaben Zwischenrufe aus dem Parkett ab oder überreichten auf der Bühne Geschenke – etwa eine Torte in mit Sternemblem und dem Versprechen, dass Corny Littmanns Stern bald neben dem von Udo Lindenberg das Pflaster auf dem Walk of Fame der Reeperbahn zieren wird. Der historische, von zahlreichen Anekdoten aufgemöbelte Abriss näherte sich schließlich den Erfolgsstücken aus jüngeren Jahren, von der Revue „Fifity Fifty“ (1994) über die „Pension Schmidt“ (1999), die „Heiße Ecke“ (2003) und die „Villa Sonnenschein“ als erste Eigenproduktion im neuen Schmidt Theater (2005) bis zu den „Königs vom Kiez“ (2013) und der jüngsten Erfolgsproduktion „Der 50-Dollar-Diktator“ in Littmanns Regie, wobei sich der Abend auf wundersame Weise auf vier Stunden verlängerte, schließlich war man nicht an Sendezeit gebunden. Der Jubilar – nun im goldenen Glitzersakko, sang begleitet von Martin Lingnau „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, bevor Regisseurin und Schauspielerin Carolin Spieß zum Abschluss des Abends mit Unterstützung des Ensembles „Theater, Theater“ anstimmte. Weggefährten und Freunde aus fünf Jahrzehnten Unter den Gästen waren Freunde und Weggefährten aus allen fünf Jahrzehnten, allen voran der Schmidt-Mitbegründer und langjährige Geschäftsführer der Schmidt Theater, Hamburgs Handeslkammer-Präses Professor Norbert Aust. Auch der heutige Präsident des FC St. Pauli, Oke Göttlich, feierte mit. Aus der Politik waren Anja Hajduk, Krista Sager, Christa Goetsch und Helga Schuchardt dabei. Thomas Collien machte für das benachbarte St. Pauli Theater seine Aufwartung. Und natürlich gab es eine Reihe prominenter Künstlerinnen und Künstler, die heute noch in den Theatern auftreten, wie Mary Roos, Nils Loenecker und Rolf Zuckowski. Die beeindruckende Reise durch Corny Littmanns Bühnenjahre war also zugleich eine Reise durch ein halbes Jahrhundert Hamburger Stadtgeschichte, durch Politik, Fußball, Kunst und Kultur.