Welt 24.11.2025
07:48 Uhr

„David Bowie eröffnete mir ein Universum“


Eigentlich wollte der Bestseller-Autor Frank Schätzing nie etwas Autobiografisches veröffentlichen. Doch in seinem Buch über David Bowie schreibt er auch darüber, wie der Pop-Star sein Leben prägte – und ihn aus der Not seiner Jugendjahre befreite.

„David Bowie eröffnete mir ein Universum“

Zum Interview bittet Frank Schätzing in seine Büroräume, die im Souterrain eines Kölner Südstadt-Altbaus liegen. Er trägt ausgelatschte Converse-Chucks, Jeans und ein kariertes Hemd. Auf dem Tisch stehen zwei Flaschen St.-Leonhardsquelle – einmal still und einmal mit Kohlensäure. WELT: Herr Schätzing, vor 21 Jahren habe ich Sie schon einmal interviewt, Anlass war das Erscheinen Ihres Bestsellers „Der Schwarm“. Damals fragte ich, ob Sie sich vorstellen können, eines Tages Bücher zu schreiben, die von Ihnen selbst handeln. Frank Schätzing: Und was habe ich darauf geantwortet?  WELT: Sie sagten: „Solche Bücher habe ich in meinem Kopf, und da bleiben sie auch. Mein Leben muss ich nicht allen erzählen.“  Schätzing: Das hätte ich vermutlich noch vor zwei Jahren genauso gesagt.  WELT: Was ist passiert, dass Sie diese Meinung geändert haben? Ihr neues Buch „Spaceboy“ trägt den Untertitel „Über David Bowie. Über mich.“ Darin erzählen Sie ganz offen auch von Ihrem eigenen Leben. Schätzing: Irgendwann hatte ich meinem Verlag versprochen, ein Bowie-Büchlein für die Reihe „Kiwi Musikbibliothek“ beizusteuern. Aber als ich das so mal eben erledigen wollte, wurde mir klar, dass ich einen persönlichen Ansatz brauchte, es gab ja schon etliche Bowie-Biografien. Also fragte ich mich, wann ich Bowie erstmals gehört hatte. Und sofort war mir wieder präsent, wie mein Musiklehrer damals im Unterricht „Space Oddity“ auflegte. WELT: Wie alt waren Sie?  Schätzing: Zwölf. Der Song war lebensverändernd, Bowie eröffnete mir ein Universum, er machte mich mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten in mir bekannt. Während ich die Szene niederschrieb, bekam ich große Lust, mich auch in meine eigene Geschichte zu vertiefen. So entstand unversehens eine Doppelbiografie, was überhaupt nicht geplant war. WELT: Wie präsent war Ihnen Ihre eigene Vergangenheit zu Beginn des Schreibprozesses?  Schätzing: Mal so, mal so. Weit zurückliegende Begebenheiten, teils frühe Kindheit, waren ausgeleuchtet wie Fußballstadien. Dazwischen lagen große Dunkelgebiete. Die jüngere Vergangenheit erschien vertraut, manches aber auch seltsam verwaschen. Wichtiger als Details ist allerdings, was man damals empfunden hat, wie es sich anfühlte. Eine Autobiografie ist immer nur so gut, wie es gelingt, diese Gefühle wiederzubeleben. WELT: Und wie gut kannten Sie Bowies Biografie, als Sie mit der Arbeit anfingen?  Schätzing: Ich habe mich mein ganzes Leben immer mal mit ihm beschäftigt und wusste einiges. Mich begeisterte seine enorme Vielseitigkeit, seine Lust, Neues auszuloten unter Inkaufnahme des Risikos, Fans zu verprellen, grenzenlos zu experimentieren. Wer Bowie als Jugendlicher war, wusste ich nicht. Wie schlug sich sein frühes Leben in seiner späteren Kunst nieder? Wie wurde er zu dem Jahrhundertkünstler, der uns ungebrochen fasziniert? WELT: Wie sind Sie bei der Suche nach Antworten vorgegangen? Schätzing: Vor allem habe ich nach O-Tönen von ihm gesucht. Es ist phänomenal, was man im Netz alles ausgräbt, wenn man lange genug buddelt – sogar aus der Zeit, als er 16 oder 17 war. Da machte er beispielsweise von sich reden als Vorsitzender einer von ihm gegründeten Vereinigung langhaariger junger Männer. Sehr lustig! Aus solchen Schnipseln ergab sich ein Bild dieses Menschen, das komplexer war, als man es aus der Berichterstattung kannte. WELT: Sie haben viele Parallelen zu sich und Ihrem Leben entdeckt.  Schätzing: Sagen wir, über Jahrzehnte wuchs die Gewissheit eines tieferen Einverständnisses, zugleich schreckte ich davor zurück – schon aus Angst, anmaßend zu erscheinen und den Eindruck zu erwecken, mich mit ihm gleichsetzen zu wollen. Was mir im Traum nie einfiele und ich im Buch an keiner Stelle tue! Nur, was immer er sagte oder tat, resonierte in mir auf eine Weise, wie ich das bei keinem anderen Künstler je erlebt habe. Was tatsächliche Gemeinsamkeiten anging, Weltsicht, Haltung, Verständnis von Kunst und Kreativität, davon erfuhr ich erst voriges Jahr im Zuge der Recherche. Von all den Vorlieben, Abneigungen, Ängsten, Hoffnungen, die bei ihm wie mir eine Rolle spielten. WELT: Können Sie Beispiele nennen? Schätzing: Ich fühlte mich schon als Kind sehr stark zu unbekannten Welten hingezogen. Bowie auch. Wir teilten die Faszination fürs Bedrohliche, die Lust, Entertainment daraus zu machen. Uns einte die peinigende Schüchternheit in Jugendjahren. Das Gefühl der Entfremdung, nicht ins Umfeld zu passen, nicht mal in den eigenen Körper. Dass wir uns kreativ austoben wollten, nur wie, wenn man so schüchtern ist? Bowie überwand diese Diskrepanz, indem er sich schminkte und auf der Bühne in Alter Egos schlüpfte.  WELT: Sie sagten eingangs, der Song „Space Oddity“ habe Ihr Leben verändert. Wie ging diese Veränderung konkret vonstatten?  Schätzing: Das passierte natürlich nicht schlagartig. Ein Prozess geriet in Gang. Mit zwölf war ich in einer desolaten Situation, entmutigt davon, wie wenig am Gymnasium wert gelegt wurde auf die Entfaltung unserer musischen Begabungen. Ich konnte aber nichts anderes als zeichnen, Musik machen, mir Geschichten ausdenken. Eisenhartes, fantasiebefreites Pauken, um später viel Geld zu verdienen, dem fühlte ich mich nicht gewachsen. Alles, was man in der Grundschule an mir geschätzt und gefördert hatte, wurde jetzt als Makel ausgelegt. „Schätzing, hör auf zu träumen“, hieß es immer. Dazu kam, dass ich lange Zeit klein, schmächtig, kindlich war. Nicht gerade der geborene Anführer. WELT: Aber immerhin gab es an dieser Schule einen Lehrer, der seiner Klasse „Space Oddity“ vorspielte. Schätzing: Genau. Übrigens hatte er einen interessanten pädagogischen Ansatz: Anders als andere Lehrer fütterte er uns nicht zuerst mit Fakten und Daten über Komponisten und ihre Werke, bevor er uns ihre Musik vorspielte. Er legte kommentarlos Platten auf, wir sollten sagen, wie wir die Musik empfanden. Als ich dann „Space Oddity“ hörte, spürte ich intuitiv, dass hier nicht nur ein Musiker, sondern ein begnadeter Dramaturg am Werk war. Ein Popsong zwar, zugleich aber hochinnovativ. Ein Song, der Haken schlug, Erwartungen umging. „Space Oddity“ vereinte auf fünf Minuten Laufzeit mehr Überraschendes als das Lebenswerk manch anderer Musiker. Zugleich ein Film, in dem Bowie in mehreren Rollen agierte: als Erzähler, Bodenkontrolle, Astronaut. Das flashte mich. Wenn der damit Erfolg hat, dachte ich, kann auch aus mir was werden. „Space Oddity“ war der Götterfunke, der mich ermutigte, mich auf allen kreativen Feldern auszuprobieren. Gegen die Widrigkeiten des Schulsystems. WELT: In Ihrem Buch ist ein Jugendfoto von Ihnen abgedruckt, auf dem Sie ähnlich geschminkt sind wie Bowie auf dem Cover seines Albums „Aladdin Sane“ von 1973. Schätzing: Da war ich 16 und hatte meinen ersten großen Auftritt mit meiner damaligen Band. Jeder hätte gesagt, was du da machst, ist sozialer Suizid: Wenn du schon zu schüchtern bist, um als du selbst auf die Bühne zu gehen, machst du dich in einer solchen Aufmachung erst recht lächerlich. Doch bei Bowie schien das zu klappen. Also versuchte ich es auch, mit Stern statt Blitz im Gesicht. Und stellte fest: Jetzt bin ich endlich ich selbst. Endlich fühlte sich mein Geist in meinem Körper wohl. In den Jahren danach wurde Bowie mir dann immer vertrauter.  WELT: Erzählen Sie! Schätzing: Wie bei ihm war mein künstlerisches Interesse nie auf ein Feld, ein Thema beschränkt. Es ging darum, alle künstlerischen Ausdrucksformen zu einem einzigen Ausdruck zu verschmelzen. Ich fing früh an, Theater zu machen, Sketche aufzuführen, Comics zu zeichnen. Schon mit meiner ersten Band versuchten wir, künstlerische Abgrenzungen zu überwinden. Wir vertonten Kafka und Hemingway, das war irgendwas zwischen Pop und Kabarett. WELT: Sie erwähnen im Buch auch Ihre Ängste.  Schätzing: Nicht Ängste, eher Dämonen, die mir lästig fielen. In meinem Kopf liefen ständig Filme ab: Abenteuer, Science-Fiction, Horror. Bowie kannte das auch. Der Trick ist, die Quälgeister zu Kunst zu verarbeiten. Stephen King verweist auf ein Bild von Francisco Goya: „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Wenn du die Ungeheuer, die dich piesacken, loswerden willst, lass sie raus! WELT: Im Buch beschreiben Sie diese quälenden Jugendjahre mit dem Einsatz von viel Selbstironie. Das gipfelt in einer Schilderung, wie Sie als 17-Jähriger mit einem angeklebten Bart versucht haben, in eine Kinovorstellung des Films „Emmanuelle“ zu kommen, der erst ab 18 freigegeben war. Schätzing: In diesem ganzen Teenager-Drama liegt ja viel Komik. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das damals sehr belastend war. Mit zunehmendem Abstand zur Tragödie tritt die Komödie in den Vordergrund. WELT: Es gibt einen großen Unterschied zwischen Ihnen und Bowie: Bevor Sie Ihren Weg als freischaffender Kreativer und Schriftsteller einschlagen konnten, haben Sie erst einmal in der Werbebranche gearbeitet.  Schätzing: Ja, ich habe was Anständiges gelernt. Eine Zeit lang versuchte ich sogar, BWL zu studieren – das ging allerdings gründlich schief. Aber dann habe ich eine Lehre als Verlagskaufmann gemacht und Kommunikation studiert. Beides Sprungbretter in künstlerische Berufe. Als ich schließlich meine eigene Werbeagentur hatte, konnte ich meine Kreativität auf allen Feldern ausleben. WELT: Ich komme noch einmal auf unser Interview von vor 21 Jahren zurück. Damals sprachen wir über das Klischee vom Werbemann, der davon träumt, ein Buch zu veröffentlichen. Schätzing: (Er lacht.) Man wundert sich ja über jeden Werber, der keinen Roman in der Schublade hat.  WELT: Jetzt könnten wir uns über den Topos des Schriftstellers unterhalten, der gern die Musik zu seinem Beruf gemacht hätte. Hadern Sie damit, dass Sie den Traum Ihrer Jugend nicht in die Realität umsetzen konnten?  Schätzing: Nein, Musik hat in meinem Leben stets eine große Rolle gespielt, ich habe immer Musik gemacht, nur eben nicht auf der großen Bühne. Es wäre doch unverschämt, wenn ich mich beklagen würde. Privilegiert, wie ich bin. Ich schreibe Bücher, mache Filme und Hörspiele. Und konnte dabei immerhin 2019 ein Album mit Songs rausbringen. WELT: Sie sind jetzt 68. Wäre es nicht eine Option, doch noch mal als Musik-Performer auf die Bühne zu gehen, ganz frei von dem Druck, damit Geld verdienen zu müssen?    Schätzing: Also, ich muss schon noch ein bisschen schreiben. Aber ja, mein Vater wird jetzt 95 und ist topfit. Sollte ich seine Gene geerbt haben, steht mehr Songs und einer Tour nichts im Wege. Wenn es die Zeit zulässt, vielleicht in den nächsten zwei oder drei Jahren, würde ich gern meine Band zusammentrommeln und sagen: So, jetzt gehen wir tingeln. WELT: Existieren eigentlich Aufnahmen von den Auftritten, die Sie als Jugendlicher mit Ihren Bands hatten? Schätzing: Die gibt es. (Nach kurzem Zögern holt Schätzing aus einer Schublade vier alte Musikkassetten hervor. Dann sucht er nach einem Kassettenrekorder – und findet ihn schließlich. Doch der war wohl seit Längerem nicht mehr in Betrieb und versagt seinen Dienst.) Tut mir leid, daraus wird jetzt wohl doch nichts. Frank Schätzing wurde 1957 in Köln geboren. Er studierte Kommunikationswissenschaft und war Geschäftsführer einer von ihm mitgegründeten Werbeagentur. Seit den 1990er-Jahren tritt er als Schriftsteller in Erscheinung. 2004 veröffentlichte er den Umweltthriller „Der Schwarm“, der millionenfach verkauft und in 27 Sprachen übersetzt wurde. Sein Buch „Spaceboy. Über David Bowie. Über mich“, ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (400 Seiten, 24 Euro).