Welt 23.01.2026
10:38 Uhr

„Dass wir freiwillig Macht an ‚komische supranationale Institution‘ abgeben, versteht Trump nicht“


Trump betrachtet den Staatenbund der Europäischen Union nicht als Stärke, sondern als Schwäche. So erklärt sich für Ex-Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt (SPD), warum der US-Präsident grundsätzlich mit Europa fremdelt.

„Dass wir freiwillig Macht an ‚komische supranationale Institution‘ abgeben, versteht Trump nicht“

Das schwierige Verhältnis zwischen Donald Trump und der Europäischen Union beruht nach Einschätzung von Wolfgang Schmidt (SDP) nicht auf einzelnen politischen Streitfragen, sondern auf einem grundsätzlichen Unterschied im Machtverständnis. Der US-Präsident halte die EU für ein „komisches, sozusagen globalistisches Gebilde in Brüssel“, erklärte der frühere Kanzleramtsminister unter Bundeskanzler Olaf Scholz. „Für Trump ist es nicht nachvollziehbar, warum man nicht ‚stolzer Deutscher, stolzer Franzose, stolzer Pole‘ sei. Dass wir freiwillig Macht an so eine komische, supranationale Institution abgeben, das ist etwas, was er nicht versteht im Sinne von: Warum tut ihr das?“, erklärte Schmidt Trumps Sichtweise. >>Alle Informationen zum Gipfel in Davos lesen Sie hier im Live-Ticker<< (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article696dc157cb02badbe0a0e94e/davos-vielleicht-haetten-wir-die-nato-auf-die-probe-stellen-sollen-trump-provoziert-mit-beitrag-zu-us-grenze-liveticker.html) Das ist aus Schmidts Sicht auch der Grund, warum Trumps Politik mit dem Machtbild der europäischen Institutionen nur schwer kompatibel ist. Denn Trump habe eine klare Vorliebe für starke Einzelakteure: „Er mag die ‚strong men‘. Er mag die, die auch Stärke demonstrieren“, sagte Schmidt. Dieses Denken präge Trumps Umgang mit Europa. Während er mit einzelnen Staaten problemlos klarkomme, stoße das europäische Gefüge bei ihm auf Unverständnis. Schmidt berichtete, dass er mehrere Gespräche und Telefonate mit Donald Trump miterlebt habe. Der US-Präsident habe dabei unberechenbar und stark auf eigene Interessen fokussiert gewirkt, zugleich aber aufmerksam zugehört und detaillierte Fragen gestellt – etwa zur Ukraine und zu möglichen Wegen, den Krieg zu beenden. Allerdings sei die Aufmerksamkeitsspanne Trumps dabei nicht so riesig groß gewesen: „Und das merkt man ja auch so ein bisschen. Er hüpft dann von einem Thema zum nächsten“, so Schmidt. Diese Mischung aus Machtinstinkt und fehlender Geduld für komplexe politische Strukturen präge aus Schmidts Sicht bis heute Trumps Umgang mit Europa. Aus Trumps Perspektive wirke Europa kompliziert, langsam und widersprüchlich. Entscheidungen müssten zwischen allen Mitgliedstaaten abgestimmt werden, bevor die EU-Kommission überhaupt verhandeln könne. „Und dann haben wir – in Anführungszeichen – das Problem, wir sind 27, wir müssen uns einigen“, sagte Schmidt. Genau diese institutionelle Logik widerspreche Trumps Vorstellung von direkter Macht und klarer Zuständigkeit. Markus Lanz hielt dem entgegen, Trump verstehe die Europäische Union möglicherweise sehr genau, denn er nutze ihre Strukturen gezielt aus. Schmidt widersprach dieser Deutung teilweise. Trump verstehe sehr wohl nationale Machtverhältnisse und wirtschaftliche Abhängigkeiten. Das Prinzip freiwilliger Machtteilung in einem supranationalen Gefüge sei für ihn jedoch kein strategisches Kalkül, sondern Ausdruck von Schwäche. Zugleich erklärte Schmidt, warum Europa Trump gegenüber oft vorsichtig agiert. Die Abhängigkeit von den USA sei real – insbesondere sicherheitspolitisch. „Wir sind abhängiger von Amerika als Amerika von uns“, sagte er. Die Vereinigten Staaten verfügten über einen deutlich größeren Binnenmarkt und könnten wirtschaftlich autarker handeln, während Deutschland und andere europäische Staaten stark exportabhängig seien. Hinzu komme die sicherheitspolitische Dimension. Gerade bei Aufklärung und Satellitenbildern sei Europa weiterhin auf die USA angewiesen, etwa im Ukraine-Krieg. „Man will also versuchen, dass Trump nicht irgendwann sagt: Dann macht es halt alleine“, sagte Schmidt. „Deswegen dieser Eiertanz, wie er von außen aussieht.“ Schmidt verwies zudem auf ein wachsendes Glaubwürdigkeitsproblem des Westens. In vielen Staaten außerhalb Europas und Nordamerikas würden alte Vorwürfe wieder lauter – etwa der doppelten Standards bei militärischen Interventionen. „Die Russen verurteilt ihr, aber Irak oder Libyen, das ist doch im Prinzip das Gleiche“, schilderte Schmidt die Argumentation.