Welt 05.01.2026
08:21 Uhr

„Das ist nur widerlich“ – Massive Kritik gegen Bürgermeister, Berlin ruft „Großschadenslage“ aus


Nach dem massiven Stromausfall im Berliner Südwesten wächst der Druck auf den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner: Kritiker werfen ihm mangelnde Präsenz und unzureichende Krisenkommunikation vor. Wegner verteidigt sein Handeln – doch der Frust über die Behörden nimmt spürbar zu.

„Das ist nur widerlich“ – Massive Kritik gegen Bürgermeister, Berlin ruft „Großschadenslage“ aus

Tausende Menschen im Berliner Südwesten müssen am Montag ohne Heizung und Strom in die erste komplette Woche des neuen Jahres starten – bei Schnee und eisigen Außentemperaturen. Noch tagelang könnten viele Haushalte ohne Strom sein. Nach dem mutmaßlichen Anschlag auf das Berliner Stromnetz bleiben zudem mehrere Schulen geschlossen. Eltern können auf Notbetreuung in anderen Schulen zurückgreifen. Wie es weitergeht: Darauf hat der Senat noch keine Antwort. Auch Kitas sind betroffen. Wer nicht bei Familie oder Freunden in anderen Teilen Berlins unterkommen konnte, für den bedeutet der Start in die erste komplette Woche des neuen Jahres: Bei Schnee ohne Strom, Heizung und warmes Essen zurechtkommen. Polizei und Rettungskräfte helfen, wo sie können. Auch die Bundeswehr soll unterstützen, Berlin rief dazu eine sogenannte „Großschadenslage“ aus. Die Schäden am Stromnetz sind nach Angaben des Betreibers Stromnetz Berlin schwerwiegend und die Reparatur kompliziert: Erst am Donnerstagnachmittag könnten voraussichtlich alle Stromkunden wieder versorgt werden. „Was ist los in dieser Stadt, Herr Bürgermeister?“ Am Wochenende machte sich Wut auf den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD) breit. Zwei Menschen mit Pflegegrad 4 und 5 mussten offenbar die Nacht in einer Turnhalle verbringen. Auf X ist ein Video zu sehen, das einen aufgebrachten Mann zeigt, der Wegner beim Ortstermin beschuldigt, sich nicht genügend für eine ausreichende Notversorgung einzusetzen. „Sie haben ein Haus. Das hier sind alte Menschen. Das ist nur widerlich“, sagte der Mann. „Das ist doch unfassbar. Was ist los in dieser Stadt, Herr Bürgermeister?“ Die Menschen wären pflegebedürftig und müssten in einer Notunterkunft schlafen, wirft der Mann Spranger und Wegner vor. „Wieso schläft ein Mann eine Nacht in dieser Halle, der hat einen hohen Pflegegrad (...) Ich habe so einen Hals, wie man hier mit alten Menschen umgeht.“ Er könne verstehen, dass die Menschen wütend seien und dass sie Fragen hätten, sagt CDU-Politiker Wegner in die Kameras.: „Wer möchte das schon gern, bei diesen Temperaturen ohne Wärme, ohne Strom zu sein?“ Zur Kritik an seiner fehlenden Präsenz am Samstag äußerte sich Wegner am Sonntag erstmals persönlich vor der Presse. Er wies Vorwürfe zurück, er habe sich am Samstag – dem Tag des Kabelbrandes und des Stromausfalls – nicht ausreichend öffentlich gezeigt. In der „Berliner Morgenpost“ (verlinkt auf https://www.morgenpost.de/berlin/article410846115/empoerte-buerger-kalte-hallen-wegner-wegen-stromausfall-unter-druck.html) war Wegner vorgeworfen worden, sich der Verantwortung zu entziehen und „durch Abwesenheit zu glänzen“. Dem hielt der CDU-Politiker nun entgegen: „Ich habe mich gestern weder gelangweilt, noch die Füße hochgelegt.“ Stattdessen habe er den gesamten Tag über in engem Austausch mit der Innensenatorin, dem Stromnetzbetreiber, dem Kanzleramt sowie dem Bundesinnenministerium gestanden. Krisenstab tagte bereits am Samstagabend Wegner zufolge gab es am Samstagabend eine größere Schalte des Krisenstabs. Vom heimischen Büro aus habe er sich aktiv in die Koordination eingebracht. Für ihn sei früh klar gewesen, dass es nicht nur um technische Details gehe, sondern auch um die Dauer des Stromausfalls: „Warum dauert das bis Donnerstag? Warum?“, habe er sich über den gesamten Tag hinweg gefragt. Mit Blick auf die eigene Rolle betonte der Regierungschef: Seine Priorität sei es, gemeinsam mit allen Beteiligten die Stromversorgung so schnell wie möglich wiederherzustellen. „Über alles andere reden wir danach“, sagte Wegner. Klar sei: In Krisenzeiten wird nicht nur fachliche Führung, sondern auch öffentlich sichtbare Verantwortung eingefordert. Auch in den sozialen Netzwerken machte sich Kritik breit. Wegner sei am Tag des Anschlags nicht aus dem Urlaub zurückgekehrt, sondern erst 30 Stunden später. Er habe seine Postings auf X aus dem Urlaub abgesondert. Der Anschlag auf Kabel an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal zum Kraftwerk Lichterfelde sorgt seit dem frühen Samstagmorgen für den Stromausfall, von dem zunächst 45.000 Haushalte und mehr als 2200 Unternehmen betroffen waren. Inzwischen konnten 14.000 Haushalte und 500 Gewerbekunden wieder angeschlossen werden, wie Stromnetz Berlin am Abend mitteilte. Betroffen sind die Stadtteile Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde. Giffey fordert Hilfe vom Bund Die Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) forderte bei den Ermittlungen Unterstützung des Bundes. Im „Inforadio“ des RBB sagte sie am Montag, es müsse „unbedingt ermittelt“ werden, ob es sich „nur um linke Aktivisten“ handele, oder ob mehr dahinterstecke: „Es geht nicht nur um einen Angriff auf unsere Infrastruktur, sondern auch darum, dass unsere freie Gesellschaft angegriffen wurde.“ In dem Bekennerschreiben seien „Sichten auf unser Land drin, die sind hochgradig gefährlich“, sagte Giffey weiter. Linksextremistischer Anschlag Seit Sonntag steht für Politik und Behörden fest, dass es sich um einen politisch motivierten Anschlag handelt und Linksextremisten dahinterstehen. Ein bei den Behörden eingegangenes Bekennerschreiben mutmaßlicher Linksextremisten ist laut Spranger authentisch. Das lange Schreiben der mutmaßlichen Täter „Vulkangruppe“ trägt die Überschrift „Den Herrschenden den Saft abdrehen“. „In der Gier nach Energie wird die Erde ausgelaugt, ausgesaugt, verbrannt, geschunden, niedergebrannt, vergewaltigt, zerstört“, hieß es dort. Das Gaskraftwerk in Lichterfelde sei „erfolgreich sabotiert“ worden. „Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft“, so die Gruppe in dem Schreiben.