Der Ehemann wollte seine Frau informiert wissen. „Du kannst Dir den Stadtplan im Baedeker-Reiseführer ja mal angucken“, empfahl der 30-jährige Günther D. seiner Gattin Margarete am 8. März 1942 per Feldpost aus Warschau. Er hatte mit einigen Strichen seinen gegenwärtigen Einsatzort aufs Papier geworfen und erläuterte die Skizze: „Du siehst, wir wohnen mitten in der Judenstadt. Unsere Straße ist nur eine Art Schleuse.“ Eigens markiert hatte er einen besonderen Ort: „Wenn die Juden von einem Teil des Gettos in den anderen wollen, müssen sie über eine Holzbrücke gehen.“ Mehr als acht Jahrzehnte später steht an genau dieser Stelle im Zentrum von Warschau ein modernes Mahnmal, geschaffen von dem Künstler Tomas Lec. Mit vier hohen Masten und dazwischen gespannten Leuchtschnüren erinnert es an eben diese Brücke, die zu den weltweit bekanntesten Motiven aus dem Getto in Polens seinerzeit von der Wehrmacht besetzten Hauptstadt (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article244855714/Holocaust-Das-Getto-leistet-in-heldenhafter-Weise-erbitterten-bewaffneten-Widerstand.html) gehört. Errichtet Ende Januar 1942, verband die Konstruktion für rund sieben Monate den nördlichen, „großen“ Teil des „jüdischen Wohnbezirks“ mit dem „kleinen“ Teil im Süden – denn dazwischen verlief die Chlodna-Straße, eine wichtige Ost-West-Verbindung, durch die mehrere Trambahn-Linien fuhren. Nirgendwo stach die Abschottung zwischen mitten in einer Stadt eingepferchten Menschen und ihren „normalen“ Nachbarn so sehr ins Auge wie hier – deshalb knipsten viele Warschau-Besucher jener wenigen Monate Fotos gerade von dieser „Sehenswürdigkeit“. Eine Kamera hatte Günther D. nicht. Also zeichnete er seiner Frau in der Heimat in Berlin-Steglitz den Ort auf, an dem er im Frühjahr 1942 einen gleichförmigen Dienst versah: „Ein bis drei Uhr mittags vor der Tür auf der belebten Gettodurchgangsstraße stehen, vier Stunden Ruhe, die ich mit Lernen und Lesen verbringe, dann sieben bis neun Uhr Wache stehen, dann wieder ein bis drei Uhr nachts und sieben bis neun Uhr vormittags.“ Acht Stunden täglich bewachte er die Durchfahrt, die einige wenige Male pro Tag in Ost-West-Richtung gesperrt wurde, um für kurze Zeit Transporte vom nördlichen in den südlichen Gettoteil und umgekehrt zu ermöglichen, die nicht über die Brücke erfolgen konnten. Über das, was der gelernte Lehrer und Dolmetscher während seiner Zeit direkt am Getto wahrnahm, berichtete er ausführlich nach Hause. Er sah einen großen Teil der „Wohnstadt Warschau“ mit „Stacheldraht“ und „Mauern aus Ziegeln von der Außenwelt abgeschnitten“. Tatsächlich waren bis zu einer halben Million Menschen auf gerade drei Quadratkilometern zusammengedrängt – eine mindestens zehnfache Überfüllung. Außerdem bekamen die hier zusammen gepressten jüdischen Männer, Frauen und Kinder im Durchschnitt Lebensmittel mit knapp 200 Kilokalorien Brennwert zugeteilt; zum Vergleich: Für katholische Polen in Warschau waren etwa 700 Kilokalorien täglich vorgesehen, für deutsche Besatzungssoldaten rund 2300. Die Folgen dieser vorsätzlichen Unterversorgung hatte Günther D. während seines Dienstes an der Chlodna-Straße ständig vor Augen: „Das Judenelend ist unbeschreiblich. Lauter verhungerte Gestalten.“ Obwohl selbst Vater einer kleinen Tochter mit dem Kosenamen „Häschen“, schrieb er seiner Frau offensichtlich ungerührt am selben 8. März 1942 unter seinen Abschiedsgruß ein Postskriptum: „Hier legen die Juden eine Kinderleiche (Mädchen von 14 Jahren) einfach mit Papier zugedeckt auf den Bürgersteig.“ Zehn Monate später berichtete er, inzwischen fünfzig Kilometer weiter östlich in der Landstadt Mińsk Mazowiecki stationiert: „Mit den Juden war hier in M. allerlei los“. Tatsächlich war der hier eingerichtete kleine „jüdische Wohnbezirk“ am 10. Januar 1943 „aufgelöst“ worden – in den weiteren Worten des Lehrers: „Das Getto brannte. Es wurde umstellt und alles mit Kind und Maus zusammen geschossen.“ Dabei ermordeten die Täter bis zu 500 wehrlose Menschen. Günther D. war keine Ausnahme. Was er im besetzten Polen und weiter östlich sah, hatten unzählige andere deutsche Soldaten ähnlich ebenso vor Augen. Bis zu fünf Millionen Mann gleichzeitig umfasste das Ostheer der Wehrmacht, die alle immer wieder mal für längere oder kürzere Zeit von der Front ins Hinterland verlegt wurden oder wie der Lehrer aus Berlin-Steglitz im „rückwärtigen Heeresgebiet“ eingesetzt waren. Also dort, wo SS- und Polizeiverbände mit Unterstützung durch die Wehrmacht Massenmorde begingen (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/holocaust/) . Mindestens ein Viertel der 30 bis 40 Milliarden deutschen Feldpostsendungen im Zweiten Weltkrieg schrieben Soldaten des Ostheeres in die Heimat. Sicher Dutzende Millionen dieser manchmal fast täglichen Korrespondenzen sind auch im 21. Jahrhundert noch erhalten. Systematisch ausgewertet werden konnte diese Fülle bisher nicht; auf technische Innovationen wie die Künstliche Intelligenz sollte man angesichts oft kaum zu entziffernder Handschriften und häufig nur angedeuteter Zusammenhänge nicht hoffen. Erstmals 1982 hatten sich zwei Historiker mit Antisemitismus in Feldpostbriefen befasst: In ihrem Buch „Das andere Gesicht des Krieges“ publizierten Ortwin Buchbender und Reinhold Sterz elf kurze Ausschnitte als Beispiele. 1991 wurden dann 16 Briefe eines Bremer Kaufmanns veröffentlicht, der offen über Exekutionen von Juden berichtete. Der Wiener Forscher Walter Manoschek legte 1995 im Rahmen der umstrittenen ersten Wehrmachtsausstellung eine 80 Seiten dünne Broschüre mit etwa hundert ausnahmslos heftigen antisemitischen Zitaten aus Feldpostbriefen unter dem Titel „Es gibt nur eines für das Judentum: Vernichtung“ vor, darunter zehn aus dem Buch von Buchbender und Sterz. 1998, also 53 Jahre nach Kriegsende, folgten die ersten beiden systematischen Studien: Klaus Latzel untersuchte 2609 Feldpostbriefe von 22 Wehrmachtssoldaten, fand darin aber kaum Beispiele für Antisemitismus. Ähnlich Martin Humburg, der 739 Briefe von 25 Soldaten der Ostfront auswertete; er kam zum Schluss, dass „das Thema ,Juden‘ in den Briefen der Soldaten insgesamt nur ein geringes, nach dem Sommer 1941 praktisch gar kein Gewicht“ mehr gehabt habe. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam der Berliner Historiker Thomas Jander, der für seine Masterarbeit 11.285 Feldpostbriefe von 38 Schreibern untersuchte. Er fand 86 Briefe, die das Thema „Juden“ berührten, also 0,66 Prozent; meist stammten sie aus dem Sommer oder Herbst 1941. Mit der so geprägten Erwartung ging der in Moskau geborene Wahl-Berliner Dmitri Silbermann an das Thema Antisemitismus in privater Korrespondenz aus dem Zweiten Weltkrieg heran. „Wer wird schon offen über unfassbare Verbrechen schreiben, dachte ich“, heißt es in der Einleitung zu seinem kürzlich erschienenen Buch „Antisemitismus im Briefumschlag“ über die „Judenfrage“ in privater Korrespondenz der NS-Zeit (Metropol-Verlag Berlin. 200 S., 22 Euro). Mehr als 10.000 solche Briefe hat Silbermann teilweise auf Flohmärkten, teilweise bei Wohnungsauflösungen oder Internetauktionen erstanden. Auffallend oft stieß er in den Schreiben auf Hinweise wie: „Ausführlicher Bericht folgt mündlich“, also beim nächsten (herbeigesehnten) Fronturlaub, oder: „Darüber darf ich nicht schreiben.“ Dann fielen Silbermann die Briefe von Günter D. in die Hand. Auch hier fand sich im Zusammenhang mit antisemitischen Maßnahmen die Bemerkung: „Mündlich muss ich Dir natürlich viel mehr erzählen.“ Doch zugleich stieß Silbermann just in der Feldpost des Lehrers aus Berlin-Steglitz zum ersten Mal auf die (kurze) Schilderung eines Judenmordes aus der Perspektive einfacher Soldaten – eben den Hinweis auf die Getto-„Räumung“ in Mińsk Mazowiecki. Immerhin in gut 250 Briefen seiner Sammlung fand Silbermann antisemitische Stereotype und Reflexe auf die bekanntermaßen stark judenfeindliche Propaganda sowohl an der „Heimatfront“ des Dritten Reiches wie in der über fast ganz Kontinentaleuropa verstreuten Wehrmacht. Das sind immer noch „nur“ 2,5 Prozent – und doch fast viermal so viel wie in der Untersuchung von Thomas Jander. Qualitative Stichprobe Silbermanns Sammlung ist, obwohl zufällig entstanden, prinzipbedingt auch nicht repräsentativ für alle deutschen Feldpostbriefe. Als qualitative, wenngleich nicht quantitative Stichprobe jedoch ist sein Buch, gerade auch mit den Erläuterungen in Fußnoten zu den Briefauszügen, eine wichtige Ergänzung des bisherigen Wissens. Es unterstützt die Erkenntnis aus den wesentlichen Studien über die Kenntnisse über Judenverfolgung und Judenmord, die es bei der deutschen Normalbevölkerung im Zweiten Weltkrieg gab. Schon Peter Longerich („Davon haben wir nichts gewusst!“ Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945. Berlin 2006) und Bernward Dörner („Die Deutschen und der Holocaust. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte“. Berlin 2007) sowie Frank Bajohr und Dieter Pohl in ihrer eher knappen Darstellung („Der Holocaust als offenes Geheimnis“. München 2006) haben das Narrativ von der Unkenntnis widerlegt. Tatsächlich war zu jeder Zeit seit 1933 so viel zum jeweiligen Umfang der nationalsozialistischen Judenpolitik bekannt, dass die Antisemiten in der deutschen Bevölkerung sich darüber freuten – und jene Menschen, die nicht dem Rassenwahn verfallen waren (jede Angabe über Anteile wäre rein spekulativ), zumindest ahnten, dass sie mehr und vor allem Genaueres über das Schicksal der aus vermeintlich „rassischen“ Gründen Verfolgten gar nicht wissen wollten. So ging es auch dem Briefeschreiber Günther D., wie das Buch von Dmitri Silbermann zeigt. „Stell Dir vor, was wir zu erwarten haben, wenn wir diesen Krieg verlieren!“, teilte er am 21. Januar seiner Frau mit: „Vielleicht ist uns allen nur noch eine Frist gegeben.“ Bewusstsein für das himmelschreiende Unrecht, dessen Zeuge er wurde, war also vorhanden. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen neben dem Terrorismus und der SED-Diktatur der Nationalsozialismus.