Nach dem spektakulären Sparkassen-Einbruch mit Millionenbeute in Gelsenkirchen hat die Polizei inzwischen 230 Beamte für die Ermittlungen abgestellt. Der Anspruch sei: „Das Ding klären wir auf“, wie Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/cdu/) bei einer Sondersitzung des Innenausschusses erklärte. Es gebe eine „riesige Bereitschaft“ unter den Beamten, sich an der Ermittlungsgruppe zu dem Fall zu beteiligen. Die Ermittlungen seien allerdings mühsam. Im Tresorraum und dem danebenliegenden Archivraum hätten Schätzungen zufolge unter anderem 500.000 Gegenstände auf dem Boden gelegen. „Das sieht aus wie eine Müllkippe“, sagte Reul. Alles müsse nun akribisch untersucht werden. „Auf jedem dieser Gegenstände könnten relevante Spuren sein.“ In dem betroffenen Tresorraum befinden sich nach derzeitigem Stand „noch mehrere hunderttausend Gegenstände“, teilten auch die Ermittler am Dienstag mit. Kriminaltechniker aus ganz Nordrhein-Westfalen seien damit beschäftigt, diese auf Spuren zu untersuchen, zu katalogisieren, fotografisch zu sichern und dann sicher aufzubewahren. Diese Arbeit werden voraussichtlich noch mehrere Monate in Anspruch nehmen, heißt es. Laut Polizei wurden fast alle der 3256 Schließfächer in dem Tresorraum gewaltsam geöffnet, der Inhalt wurde wahllos auf dem Boden entleert. Man gehe bislang von vier Tätern aus. „Die Wahrscheinlichkeit, dass einer alleine war, ist sehr gering. Also wir gehen schon von vier Tätern sicher aus. Und damit ist es eine Versammlung von Menschen, die diese Straftaten geplant und vorbereitet haben“, sagte Innenminister Reul bei WELT TV weiter. „Ob dahinter ein großes kriminelles Machtwerk steht, bleibt abzuwarten.“ Allerdings müsse man die Ermittlungen abwarten, Kriminalistik sei kein Zauberwerk (verlinkt auf https://www.welt.de/wissenschaft/article249580812/Kriminalistik-KI-kann-verschiedene-Fingerabdruecke-zuordnen-doch-es-gibt-einen-Haken.html) . Eine zentrale Frage der Ermittler ist, wie die Täter Ende Dezember in den Tresorraum der Sparkassen-Filiale in Gelsenkirchen-Buer kommen konnten, ohne einen Einbruchalarm auszulösen. Sie hätten dabei mehrere Sicherheitssysteme überwunden (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article172256154/Weimarer-Republik-Die-beruehmtesten-Bankraeuber-der-deutschen-Geschichte.html) – unter anderem ein Rolltor und mehrere Türen, die eigentlich speziell gesichert oder nur von innen zu öffnen sind. Schließlich bohrten sie sich zielgerichtet mit einem 40 Zentimeter großen Loch direkt in den Tresorraum. Der Aufbruch der Bankschließfächer habe bereits am 27. Dezember um 10.45 Uhr begonnen, teilten die Ermittler weiter mit. Zwar habe es während der Tat zweimal einen Brandalarm aus der Bank gegeben – aber der Einbruchalarm, der direkt bei der Polizei aufgelaufen wäre, blieb stumm. „Das kann ganz viele Gründe haben“, sagte Reul. Geprüft werde unter anderem, ob die Alarmanlage ausgeschaltet oder kaputt war – oder ob es den Tätern gelungen sein könnte, sie zu überlisten. „Da stellen sich eine Reihe von Fragen. Aber ich bin sicher, irgendwann werden wir die beantworten.“ Das war nicht Klein-Fritzchen Reul (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/herbert-reul/) verteidigte auch bei WELT TV die Feuerwehrleute: „Wenn ein Brandalarm ausgelöst wird, guckt man. Und wenn es keiner ist, dann geht man wieder weg. Ich kann das verstehen.“ Statistisch handele es sich bei Brandalarmen in NRW in 50 Prozent der Fälle um Fehlalarme. Deshalb sei das für die Feuerwehr „eine normale Sache“ gewesen, die sich erledigt habe, als kein Feuer entdeckt wurde. Außerdem hätte man für den Zutritt zu allen Räumen der Sparkasse auch einen Durchsuchungsbeschluss gebraucht, ohne dass ein konkreter Hinweis auf einen Brand vorliegt. Auch die Frage, ob die Täter Hilfe durch einen Insider hatten, müsse man klären, gab Reul zu: „Man denkt, man ist in einem Kinofilm, was Professionalität und Kaltschnäutzigkeit angeht“, sagte der Minister. „Dass das nicht Klein-Fritzchen war, der sich was ausgedacht hat, ist relativ wahrscheinlich.“ Man könne allerdings heute noch nicht sagen, dass es einen ganz konkreten Verdacht auf jemanden in der Sparkasse oder einen Handwerker oder „sonst irgendjemand“ gebe, so Reul bei WEL TV. Unterdessen wurde bekannt, dass die Täter nach Angaben der Ermittler offensichtlich durch eine manipulierte Fluchttür in das Gebäude gelangt sind. Die Tür könne von außen aus eigentlich nicht geöffnet werden, teilte die Polizei mit. Durch die Manipulation sei den Tätern aber „ein ungehinderter Zugang vom Parkhaus in das Sparkassengebäude möglich“ gewesen. Wie viel Beute die Täter in aufgebrochenen Bankschließfächern machten, sei weiterhin reine Spekulation, betonte Reul. „Nicht mal die Sparkasse weiß, was da drin ist, weil jeder Einzelne in sein Fach das reintut, was er reintun möchte.“ Über die Sparkasse ist der Inhalt jedes Schließfachs bis zu einem Wert von 10.300 Euro versichert. Allerdings haben zahlreiche Schließfachbesitzer über ihre Anwälte schon angegeben, dass sie teils deutlich höhere Werte in ihrem Fach gelagert hätten. Sparkasse droht Klagewelle Die Geschädigten werden durch mehrere Anwälte vertreten. Einige von ihnen wollen die Sparkasse juristisch für den Schaden belangen. Der Bank drohe „eine Klagewelle ungeahnten Ausmaßes“, sagte Rechtsanwalt Daniel Kuhlmann. Er sehe Anzeichen einer Pflichtverletzung der Bank. Anscheinend habe es keinen Erschütterungsmelder in dem Tresorraum gegeben, und die Einbrecher hätten sich möglicherweise ungestört 48 Stunden in der Bank aufgehalten. Der Gelsenkirchener Sparkassenchef Michael Klotz hatte zuletzt Kritik an der Sicherheitstechnik zurückgewiesen. „Die Filiale mit dem Schließfachraum war nach dem anerkannten Stand der Technik gesichert“, hatte Klotz betont. Die Maßnahmen seien laufend verbessert worden. Allerdings hatte auch der Anwalt Burkhard Benecken (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/plus695f55a9482dcf8831fcd4af/tresor-coup-von-gelsenkirchen-deshalb-gehe-ich-auch-davon-aus-dass-der-gesamtschaden-bei-300-millionen-euro-aufwaerts-liegt.html) , der nach eigener Angabe bereits mehr als 100 Geschädigte vertritt, im Interview mit WELT gesagt, dass es Hinweise darauf gebe, dass die Alarmanlage schon vor dem Einbruch Probleme hatte. Reul sagte dazu im Innenausschuss, um alle Fragen der Haftung müsse sich die Sparkasse kümmern. „Wenn irgendwer einen Fehler gemacht hat, muss er haften. Das ist immer so im Leben.“ Die Ermittlungen wegen schweren Bandendiebstahls könnten sich noch längere Zeit hinziehen, betonte der Minister. Vor den Ermittlern liege nun eine „akribische Suche nach Spuren und Beweismitteln“. Schon jetzt seien acht Terabyte an Daten zusammengekommen – darunter 10.000 Stunden Videomaterial der Überwachungskameras. „Wie viel davon wirklich brauchbar ist, weiß man nicht.“ Man müsse den Ermittlern jetzt die nötige Zeit geben. „Die eine Spur, die man ganz am Schluss findet, ist manchmal die, die einem hilft.“ Auch Polizeipräsident Tim Frommeyer erklärte: „Wir haben es hier mit einem der größten Kriminalfälle in der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen zu tun.“ Allen seinen Mitarbeitern sei bewusst, wie groß die finanziellen Schäden der Betroffenen seien und wie tief der Frust sitze. „Alle Kolleginnen und Kollegen und auch ich tun alles, um die Täter zu überführen und das Tatgeschehen im Detail aufzuklären“, erklärte Frommeyer. Er bitte aber um Verständnis, dass viele Dinge ihre Zeit brauchten.