Hamburg hat ein starkes Fundament bei der Medizintechnik und der Gesundheitsversorgung: Kliniken und Forschungsinstitute, Pflegeeinrichtungen und zahlreiche Unternehmen der Gesundheitswirtschaft bilden gemeinsam mit Arztpraxen und Therapieeinrichtungen ein System mit rund 187.000 Beschäftigten und mehr als 15 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung im Jahr. „Die Gesundheitswirtschaft ist nicht nur ein Versorgungsbereich, sondern ein Wachstumstreiber, Beschäftigungsmotor und Kernelement unserer kritischen Infrastruktur sowie elementarer Standortfaktor einer lebenswerten Metropole“, sagte Handelskammer-Präses Norbert Aust am Freitag. Die Handelskammer will das Bild der Gesundheitswirtschaft in der Hansestadt mit ihrem neu erstellten Positionspapier besser fokussieren, auch deshalb, um die Branche und die medizinische Versorgung gegen strukturelle Risiken zu stärken. Vom Hamburger Senat fordert die Kammer eine „Gesundheitspolitik aus einem Guss“ über die einzelnen Ressorts hinweg. Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), der früher als Laborarzt tätig war, nannte die Gesundheitswirtschaft im zurückliegenden Wahlkampf zur Hamburgischen Bürgerschaft als eines der Schlüsselthemen für die nun laufende Legislaturperiode. SPD und Grüne bildeten nach der Wahl im Frühjahr erneut eine Koalition als Basis für den Senat. Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Malte Heyne sagte, in der Gesundheitswirtschaft wirke der zunehmende Mangel an Fachkräften besonders gravierend – sei es bei den Pflegeberufen mit Blick auf die alternde Gesellschaft, sei es beim medizinischen Personal in den Kliniken. Für Hamburg sei das auch deshalb schwierig, weil die Hansestadt „eine Gesundheitsversorgung für die gesamte Metropolregion“ vorhalte, sagte Heyne: „Rund 30 Prozent unserer Patientinnen und Patienten kommen bereits heute aus dem Umland. Eine leistungsfähige und gut koordinierte Gesundheitsversorgung über Landesgrenzen hinweg ist deshalb unerlässlich. Auch deswegen brauchen wir einen norddeutschen Schulterschluss für starke wirtschaftliche Rahmenbedingungen, damit unsere Stadt dieses wichtige Angebot auch künftig für die ganze Region finanzieren und sichern kann.“ Joachim Gemmel, Vorstandsvorsitzender des Klinikbetreibers Asklepios, nannte Beispiele aus der Praxis. Mitte der Nullerjahre hatte Asklepios den Landesbetrieb Kliniken in Hamburg übernommen. Neben dem Universitätsklinikum Eppendorf ist Asklepios heutzutage mit sieben Kliniken einer der größten Arbeitgeber überhaupt in der Hansestadt. „In unserem Klinikum in Altona arbeiten rund 1700 Menschen“, sagte Gemmel mit Bezug auf die Bürokratie: „Rund 100 Ärzte und 300 Pflegekräfte sind dort das ganze Jahr über ausschließlich mit der Dokumentation der medizinischen Arbeit beschäftigt.“ Asklepios bilde einen großen Teil seines Nachwuchses selbst aus und beschäftige derzeit in Hamburg insgesamt 1700 Auszubildende. Das reiche aber bei Weitem nicht aus, um den absehbaren Mangel an Fachkräften zu decken. Anerkannte Fachkräfte aus anderen Ländern – vor allem auch von außerhalb der EU – müssten deutlich schneller in das deutsche Gesundheitssystem integriert werden – derzeit dauere das im Durchschnitt zwölf Monate, ein Modellprojekt in Hamburg habe aber gezeigt, dass es auch in zwölf Wochen möglich sei. Der Mangel an Fachkräften falle zusammen mit den wachsenden Anforderungen einer alternden Gesellschaft an das Gesundheits- und Pflegesystem. Ermutigend sei für ihn, sagte Gemmel, dass sich allein in diesem Jahr in Hamburg rund 5000 junge Menschen für die Ausbildung in Pflegeberufen bei Asklepios beworben hätten. Allerdings werde die Ausbildung dadurch erschwert, dass der Bund mittlerweile akademische Abschlüsse von den Ausbildern verlange. Das müsse wieder gelockert werden, indem auch weiterhin erfahrene, examinierte Kräfte mit langer Berufserfahrung, etwa Krankenschwestern, ausbilden dürfen. „Da kommt ein doppelter Tsunami auf uns zu“, sagte Gemmel mit Blick auf die steigende Zahl pflegebedürftiger Menschen bei einem abnehmenden Angebot an Fachpersonal. Mehr Transparenz und Effizienz im Gesundheitssystem, mehr Digitalisierung und Automatisierung sind aus Sicht der Handelskammer und auch von Asklepios geeignete Mittel, um gegen die drohende Überlastung des Gesundheitssystems anzusteuern. Gemmel nannte zudem auch finanziell Fehlanreize in der laufenden Gesundheitsreform, die korrigiert werden müssten. Bundesweit wird die Aufstellung und Finanzierung der Krankenhäuser neu geregelt, die Zahl der Häuser verkleinert und die Spezialisierung gefördert. Dabei gebe es bislang allerdings noch gravierende Fehlsteuerungen wie den „Fixkostendegressionsabschlag“. Dieser Mechanismus soll verhindern, dass Krankenhäuser ihre Einnahmen durch steigende Patienten- und Fallzahlen ohne Limit erhöhen. In der Alltagspraxis führe die Regelung aber vereinfacht gesagt dazu, sagte Gemmel, „dass wir Leistungen für die Patienten erbringen, für die wir dann nicht bezahlt werden“. Unter anderem dies müsse der Bund bei der weiteren Ausgestaltung der Gesundheitsreform korrigieren. Allein Asklepios müsse wegen dieser Regelung jährlich zehn Millionen Euro an Vergütungen an die Krankenkassen zurückzahlen. Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland.