Welt 18.12.2025
15:30 Uhr

„Da haben Bundespolitiker in mein Telefon reingebrüllt“, sagt Luisa Neubauer


In einem Podcast spricht Klima-Aktivistin Neubauer über den Druck, der auf ihr gelastet habe, nachdem sich „Fridays for Future“ dem Nahost-Konflikt zugewandt hatte. Sie verteidigt Greta Thunbergs Haltung, übt aber auch vorsichtig Kritik an der schwedischen Aktivistin.

„Da haben Bundespolitiker in mein Telefon reingebrüllt“, sagt Luisa Neubauer

Luisa Neubauer blickt zurück. Im Podcast „Meine schwerste Entscheidung“ sprach die Klima-Aktivistin über die Entwicklung der Bewegung „Fridays for Future“, die ihren Fokus seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 auf den Nahost-Konflikt verschoben hatte. „Die Phase war auf jeden Fall in meinem Aktivismus die schrecklichste“, gestand sie im Format der Funke-Mediengruppe. „Das sage ich als Person, die sich nur durch die indirekten Folgen navigieren musste.“ Von israelfeindlichen Äußerungen auf dem internationalen Account von „Fridays for Future“ hatte Neubauer Ende 2023 Abstand genommen. „Wir distanzieren uns von den antisemitischen Posts auf internationalen Kanälen nachdrücklich“, hatte sie damals der Nachrichtenagentur dpa zu Protokoll gegeben. „Unsere volle Solidarität gilt den Jüdinnen und Juden weltweit, und wir verurteilen scharf den Terror der Hamas.“ Das habe vielen nicht ausgereicht, wie sie nun erzählte. „Alter Schwede, da wurde die Welt von uns gefordert“, klagte sie. Manche hätten sich etwa für eine Lossagung des deutschen Ablegers ausgesprochen. „Da haben Bundespolitiker in mein Telefon reingebrüllt. Da ging jeden Tag auf Social Media die Welt unter.“ Der Druck sei enorm gewesen. „Es war ein Horror. Ich habe das erste und einzige Mal in meinem Leben eine Panikattacke gehabt“, erinnerte sich die Aktivistin. Dabei sei es ihr eigentlich nur um Klimagerechtigkeit gegangen. Zunehmend habe sie Angst bekommen, die Bewegung könne verlieren, was sie sich aufgebaut hatte. Ihr selbst sei es nicht möglich gewesen, den „völlig konträr laufenden Erwartungen gerecht zu werden und das zu sein, was alle in uns sehen wollten“. Zugleich nahm Neubauer die Schwerpunktverlagerung Richtung Gaza in Schutz. „Das ist ja das Glück einer pluralistischen Klimabewegung, dass es Gott sei Dank möglich ist, dass wir auf unterschiedliche Art und Weise, mit unterschiedlichen Perspektiven und teilweise mit unterschiedlichen Einordnungen uns für die Sache einsetzen“, erklärte sie mit Blick auf Greta Thunbergs Engagement. Die Vorstellung, dass sich Aktivisten nur zu einem Sachverhalt äußern dürften, sei ein Problem der Öffentlichkeit und nicht der Aktivisten. Sie frage sich, „warum man meint, einen Anspruch darauf zu haben, wozu sich eine Bewegung positioniert – und wozu nicht.“ Die hiesige Haltung zum Nahost-Konflikt skizzierte Neubauer, als sei Deutschland ein Geisterfahrer auf der Autobahn. In den meisten Staaten verlaufe die Debatte über den Gaza-Krieg diametral entgegengesetzt. Der Einsatz von „Fridays for Future“ für Palästina werde in vielen Ländern als „große Bereicherung für die Klimagerechtigkeitsfrage“ gelesen. Greta Thunberg habe damit „für sehr viele Menschen auf der gesamten Welt eine Vorbildfunktion in der Frage eingenommen“. Die deutsche Öffentlichkeit habe dagegen „viel zu lange viel zu wenig über die unglaublichen Verbrechen in Gaza“ gesprochen und Menschen, die sich dafür eingesetzt hätten, „ununterbrochen Steine in den Weg gelegt“. Thunberg wirft Israel einen „Genozid“ in Gaza vor. Sie nahm mehrmals an Demonstrationen teil, auf denen antiisraelische Parolen gerufen wurden. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, stellte einmal fest: Thunbergs Äußerungen zum Nahost-Konflikt seien „israelfeindlich und durch die verklausulierte Aberkennung des Existenzrechts Israels auch antisemitisch“. Neubauer zeigte sich hin- und hergerissen. International habe wenig Verständnis für die deutsche Debatte geherrscht, wie sie es flapsig wiedergab. „Und dann melden wir uns als deutsche Bewegung und sagen, sorry Leute, wir haben hier ein Diskursproblem, wir haben noch das historische Ding und wir haben die Staatsräson. Und ich kann auch nachvollziehen, dass da viele Leute international meinten: Heult leise.“ Leisetreterisch fügte die Aktivistin dann doch noch kritische Worte in Richtung Greta Thunberg an: „Ich hätte mir gewünscht, sie hätte sich nachdrücklicher zum 7. Oktober geäußert. Das ist nicht passiert.“