Die Täter kamen morgens um 3.35 Uhr. Früh am 28. April 1970, einem Dienstag, drang eine unbekannte Zahl von Personen in das Gebäude des Kammergerichts ein, der höchsten juristischen Institution in West-Berlin. Im Arbeitszimmer von Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann im ersten Stock gossen sie aus Plastikbeuteln Benzin über den Schreibtisch und einen Sessel, dann legten sie Feuer. Das Zimmer brannte völlig aus, der Sachschaden betrug mehr als 100.000 Mark – fast acht durchschnittliche Jahresgehälter. Am Tatort ließen die Brandstifter ein Bekenntnis zurück, auf dem der Spontispruch „Macht kaputt, was Euch kaputtmacht“ stand sowie die Forderung „Befreit Bommi“. Damit war klar, welche Kreise für den Brandanschlag verantwortlich waren: „Bommi“ lautete der Szene-Spitzname von Michael Baumann (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article157201847/Michael-Baumann-ist-tot-Bommi-der-Proletarier-des-Terrors.html) , eines 22-jährigen Kleinkriminellen und Drogensüchtigen, der sich im Umfeld der linksradikalen „Kommune 1“ politisiert hatte und wegen zahlreicher Vergehen eine anderthalbjährige Haftstrafe absaß. Die Brandstiftung im Kammergericht gehört in eine Serie von Anschlägen der linksextremen Szene im Herbst 1969 und Frühjahr 1970 in der Bundesrepublik, die unmittelbar vor der Bildung der ersten echten Terrorgruppe nach 1945, der Baader-Meinhof-Bande ab Mai 1970, stattfand. Der jüngste Brandanschlag in Berlin (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article695b54a6fb77630dac277a4f/stromausfall-in-berlin-das-ist-doch-unfassbar-massive-kritik-gegen-buergermeister-hauptstadt-ruft-grossschadenslage-aus.html) , der am 3. Januar 2026 zehntausende Haushalte vom Strom abgeschnitten hat, erinnert an die Verbrechensserie von 1969/70 – und zeigt, wie Selbstradikalisierung im linksextremen Spektrum funktioniert. Aufgrund der unterschiedlichen ideologischen Grundlagen sind die Mechanismen im rechten Extremismus andere, ebenso die im Islamismus: Jede Form von vermeintlich politisch motivierter Gewalt hat ihre Charakteristika, wenngleich das Ergebnis identisch ist: Leid für unbeteiligte Menschen oft genug (und natürlich viel zu oft) bis hin zum Tod. Der linke Extremismus begann zweimal in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts als Massenbewegung: Im Verlauf des Jahres 1918, in den letzten Monaten des Ersten Weltkrieges, wuchs er aus der breiten Arbeiterbewegung, der es im November gelang, die bisherigen Monarchien (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article183563336/Revolution-1918-Binnen-weniger-Stunden-waren-die-Hohenzollern-Geschichte.html) zu stürzen. Während der größere Teil der Bewegung nun die entstehende Demokratie unterstützte, schloss sich die radikalere Minderheit der Spartakus-Gruppe an. Aus ihr entstand zum Jahreswechsel 1918/19 die KPD; im Januar 1919 traten Spartakus-Anhänger einen gewaltsamen Aufstand in Berlin los, um die eigene Niederlage bei den Wahlen zur Nationalversammlung zu verhindern. Um diese Aggression niederzuwerfen, musste sich die von der Mehrheits-SPD gebildete Demokratiebewegung der Kräfte des (antidemokratischen) Militärs bedienen: Die Weimarer Republik startete mit einer schweren Belastung. (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article206684549/Kapp-Putsch-Die-rechtsradikalen-Soeldner-feuerten-in-die-Menge.html) Der Mechanismus ist klar erkennbar – und er wiederholte 1969/70: Eine breite Bewegung scheiterte an der Wirklichkeit und spaltete sich auf in eine pragmatische Mehrheit und eine ideologisch festgefahrene Minderheit. Letztere radikalisierte sich immer stärker, wurde dabei kleiner, weil viele Sympathisanten diesen Weg nicht mitgehen wollten, bis schließlich ein harter Kern von Gewaltbereiten übrig blieb. Radikale Botschaften treffen wieder auf Resonanz Die KPD griff Anfang der 1920er-Jahre mehrfach zur Gewalt, trotz der Niederlage im Spartakus-Aufstand: 1920 im Ruhrgebiet, 1921 im damaligen Mitteldeutschland und 1923 in Hamburg. Alle Versuche, einen Bürgerkrieg zu provozieren, endeten erfolglos – allerdings mit erheblichen Verlusten auf beiden Seiten. Nach 1945 hatten die allermeisten Westdeutschen (in der DDR herrschte die SED mit Stasi und der Rückendeckung durch die sowjetische Besatzungsmacht) zunächst keinerlei Lust auf politische Gewalt. In der ersten nach dem Krieg sozialisierten Generation, also der Geburtsjahrgänge 1939 bis 1948, trafen dagegen radikale Botschaften wieder auf Resonanz. In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre bildete sich um einige Kulminationszentren eine Bewegung einiger tausend meist Studenten, meist aus Fächern wie Pädagogik, Psychologie oder Sozialwissenschaften. Die wesentlichen waren das maximal antibürgerliche „Wohnprojekt“ mit dem verharmlosenden Namen „Kommune 1“, der Sozialistische Deutsche Studentenbund um Rudi Dutschke (verlinkt auf https://www.medienarchiv68.de/#/) und die Hamburger linke Zeitschrift „Konkret“, die lange Zeit klandestin von der SED unterstützt worden war und deren Chefredakteurin, später Kolumnistin, Ulrike Meinhof hieß. Diese Bewegung konnte zeitweise etwas mehr als zehntausend Anhänger gleichzeitig auf die Straße bringen; die Mehrheitsgesellschaft schaute teils verwundert, teils abgestoßen zu. Im Herbst 1968, nach einer Straßenschlacht gegen West-Berliner Polizisten mit mehr als hundert teilweise schwer verletzten Beamten, zerriss die Gewaltfrage die Studentenbewegung. Die allermeisten Anhänger distanzierten und entwickelten sich weiter zu den Hippies der frühen 1970er-Jahre – immer noch unangepasst, aber im Wesentlichen harmlos. Eine kleine Minderheit begann über Gewalt nachzudenken. Dazu gehörten neben „Bommi“ Baumann auch Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Baader, vaterlos aufgewachsener Kleinkrimineller mit großem Charisma, und seine Lebensgefährtin Ensslin, Stipendiatin der Hochbegabtenförderung der Studienstiftung des deutschen Volkes, fühlten sich berechtigt, zur Gewalt zu greifen. Im April 1968 legten sie (mit zwei Mittätern) Brände in Frankfurter Kaufhäusern (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article244296879/RAF-Hier-fand-die-Urszene-des-deutschen-Linksterrorismus-statt.html) . Sie wurden schnell gefasst und bekamen milde Strafen, obwohl sie vor Gericht keinen Zweifel ließen, weitermachen zu wollen. 1969 vorzeitig und auf Bewährung freigelassen, tauchten sie bald ab, lebten in Paris und Rom und träumten von einer „Stadtguerilla“-Gruppe in Deutschland. Mit den Brandanschlägen 1969/70 hatten Baader und Ensslin allerdings nichts zu tun. Deren Täter stammten höchstwahrscheinlich aus einem anderen selbst radikalisierten Kreis um Dieter Kunzelmann, zu dessen Umfeld auch „Bommi“ Baumann gehört hatte. Diese Gruppe legte am 9. November 1969 auch eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus (Kunzelmann war Antisemit und propalästinensisch), deren Zünder glücklicherweise versagte – sonst hätte es mutmaßlich dutzende Tote gegeben. Nicht vollkommen aufgeklärt ist der Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde von München (verlinkt auf https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/5320) am Abend des 13. Februar 1970. Sieben ältere Menschen, darunter zwei Überlebende von Konzentrationslagern, kamen ums Leben; 15 weitere wurden teilweise lebensbedrohlich verletzt. Nach Ansicht des wichtigsten Terrorismus-Experten in Deutschland, des Politikwissenschaftlers Wolfgang Kraushaar, sprechen alle Indizien für die Täterschaft der „Tupamaros München“, einer Tochtergruppe von Kunzelmanns „Tupamaros West-Berlin“. Einen durchschlagenden Beweis gibt es zwar nicht, aber Kraushaar war es auch gelungen, den misslungenen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus eindeutig der Gruppe um Kunzelmann zuzuordnen – er bekam ein Geständnis des ausführenden Täters. In West-Berlin gab es 1969/70 außer dem Anschlag auf das Kammergericht eine Reihe weiterer Angriffe, unter anderem auf das Arbeitsamt im Märkischen Viertel und auf das Amerika-Haus in Charlottenburg; eine Bankfiliale war mit Molotowcocktails in Brand gesetzt worden. Auch den Privatwagen des West-Berliner Gefängnisdirektors hatten Unbekannte abgefackelt. Übrigens: Viereinhalb Jahre nach dem Brandanschlag auf sein Büro wurde Drenkmann ermordet – von der Terrorgruppe 2. Juni, zu deren Gründern „Bommi“ Baumann zählte. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit bald 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern dazu zählt, Anfang 2025 erschienen, „ Der Stammheim-Prozess (verlinkt auf https://www.herder.de/wissen/shop/p8/90794-der-stammheim-prozess-gebundene-ausgabe/) “.