Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/boris-palmer/) ist nach eigenen Angaben in einem Zug mit mehreren Menschen in einen Streit geraten. Diese Auseinandersetzung sei exemplarisch in der Gesellschaft: „Immer wieder ist zu beobachten, dass sich Fahrgäste oder Passanten in Konfliktsituationen solidarisch zeigen – allerdings nicht mit Vollzugsbediensteten, sondern mit den Personen, mit denen diese gerade in Auseinandersetzung stehen“, schreibt Palmer in einem Post auf Facebook. Den Beitrag beginnt er mit einer Vorabbemerkung: „Kein der Beteiligten Personen hatte einen erkennbaren Migrationshintergrund. Es ist völlig falsch, dieses Phänomen einfach abzuschieben auf andere. Das sind schon wir selbst.“ Ausgangspunkt des Streits war laut Schilderungen von Palmer ein Jugendlicher, der sich trotz fehlender Berechtigung bewusst in die erste Klasse des Zuges im Stadtgebiet gesetzt hatte. Als Palmer ihn darauf hinwies, dass ein Deutschlandticket (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/deutschlandticket/) nicht für die erste Klasse gilt, habe der Jugendliche mit der Beleidigung „Halt die Fresse“ reagiert. Palmer gab sich dann laut seiner Schilderung per Dienstausweis als Leiter einer Ortspolizeibehörde zu erkennen und wies auf die rechtlichen Folgen hin. „Eine solche Beleidigung stellt eine Straftat dar. In diesem Fall ist es rechtlich zulässig, die Identität der betreffenden Person festzustellen, um eine Anzeige zu ermöglichen oder den Sachverhalt an die Polizei weiterzugeben“, schreibt Palmer. Mehrere Fahrgäste sollen sich eingemischt haben – allerdings nicht unterstützend, sondern kritisch gegenüber Palmers Vorgehen – auch aus Datenschutzgründen. Fast hätte sich die Situation geklärt. „Der junge Mann entschuldigte sich schließlich auf meinen Vorschlag hin, was ich annahm“, berichtet Palmer. Lehrerin hat Verständnis für Regelbrecher Doch dann soll ein anderer Fahrgast begonnen haben, die Situation zu filmen, andere warfen Palmer Grenzüberschreitungen vor. Eine weitere Mitreisende, die sich später als Lehrerin zu erkennen gab, stellte laut Palmer die Relevanz des Regelverstoßes grundsätzlich infrage und bewertete das Einschreiten als unangemessen. Sie habe den Hinweis ignoriert, dass es sich um eine Ordnungswidrigkeit gehandelt habe. Die Aussprache habe die Lehrerin schließlich mit den Worten „Sie sind ein armes Opfer“ beendet. „Ich wünschte ihr daraufhin einen schönen Tag und empfahl einen Blick in ihren Amtseid“, erklärte Palmer. Der Vorfall habe ihn nachdenklich gemacht. „Wenn Personen, die beruflich Verantwortung für die Vermittlung von Regeln, Werten und gesellschaftlichem Miteinander tragen, Regelverstöße bagatellisieren oder billigen, stellt sich die Frage, welches Verständnis von Ordnung, Verantwortung und Rechtsstaatlichkeit dadurch weitergegeben wird“, schreibt Palmer. Auch grundsätzlich seien die Folgen für den Alltag gravierend. „Wenn diejenigen, die auf die Einhaltung geltender Normen hinweisen und bestehende Regeln durchsetzen, am Ende selbst diejenigen sind, die sich rechtfertigen müssen, dann ist in unserem gesellschaftlichen Verständnis von Ordnung, Verantwortung und Respekt etwas grundlegend schiefgelaufen“, so Palmer. „Es traut sich ja bald niemand mehr Fehlverhalten anzusprechen und Normen einzufordern.“