Welt 06.03.2026
06:25 Uhr

„Bleibt das Regime, gibt es nur eine Atempause bis zum nächsten Krieg“, warnt Nouripour


Hat Donald Trump eine Strategie im Krieg gegen den Iran? Bei Maybrit Illner äußern Experten Zweifel. Militärisch sei Teheran geschwächt, politisch drohe jedoch ein neues Chaos im Nahen Osten.

„Bleibt das Regime, gibt es nur eine Atempause bis zum nächsten Krieg“, warnt Nouripour
Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter Johannes Simon

Auch am Donnerstagabend ist der Iran-Krieg das beherrschende Thema im Polittalk von Maybrit Illner. Es geht vorwiegend um die Frage, welche Strategie hinter den israelisch-amerikanischen Angriffen auf das iranische Regime steckt. „Angriff auf den Iran – hat Trump keinen Plan?“, will Maybrit Illner von ihren Gästen wissen. Diese sind: Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour (Bündnis 90/Die Grünen), Islamwissenschaftler Guido Steinberg, die Leiterin der Iran-Abteilung bei der Menschenrechtsorganisation „Hawar.help“, Mariam Claren, Sicherheitsexperte Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr und die Direktorin des Leibniz-Instituts für Friedens- und Konfliktforschung, Nicole Deitelhoff. +++ Alle Entwicklungen zum Krieg im Iran im Liveticker +++ (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article69a291a07c787f6a1cef1bc5/iran-krieg-franzoesischer-rueckholflug-muss-wegen-raketenbeschuss-umkehren-nato-erhoeht-einsatzbereitschaft-liveticker.html) „Der Krieg ist nah und näher sollte er vielleicht nicht kommen“ – mit diesen Worten begrüßt Illner ihre Zuschauer. Von Nahostexperten Guido Steinberg will sie wissen, ob der Iran überhaupt ein Interesse daran habe, dass sich EU und Nato angegriffen fühlten. „Die Iraner verderben es sich im Moment schon mit ganz vielen Staaten, mit denen sie eigentlich in den letzten Jahren keine großen Probleme mehr hatten“, erklärt Steinberg und zählt Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate auf. Dass die Iraner gerade diese Staaten angegriffen haben, halte er für einen Fehler. Er könne sich das nur damit erklären, dass die Iraner „sehr stark ideologiegetrieben“ seien. „Sie sind im Moment so blindwütig, dass sie alle Verbündeten und Freunde der USA und der Israelis bestrafen wollen“, so Steinberg. „Die Iraner schlagen um sich, ohne Sinn und Verstand“, sagt Nouripour Diese Meinung teilt auch Grünen-Politiker Omid Nouripour und sagt, dass es „im Iran ein Drehbuch für diesen Augenblick der Enthauptung gibt, wenn der Revolutionsführer weg ist“. Dieses Drehbuch habe „Endzeitcharakter“ und entsprechend ballere man um sich. Man sehe, dass die Iraner „jetzt wirklich um sich schlagen, ohne Sinn und Verstand, als gäbe es kein Morgen“, führt Nouripour weiter aus. Der Grünen-Politiker skizziert das Szenario, was passiert, wenn die USA und nicht die Türkei den Bündnisfall ausrufen: „Wenn jetzt die amerikanische Botschaft in Riad in die Luft gesprengt wird und es zig amerikanische Tote gibt, kann man nicht ausschließen, dass die Amerikaner in den Nato-Rat kommen und die Unterstützung aller Mitglieder anfordern.“ In diesem Fall würden die Deutschen sofort zustimmen, weil man in der jetzigen Situation nicht Nein zu den Amerikanern sagen könne, so Nouripour. Wenn man einmal Nein sage, verliere man die Amerikaner mindestens bei der Ukraine. Illner fragt die Konfliktforscherin Ulrike Deitelhoff nach den Zielen der militärischen Aktion. Man wisse bis heute nicht sicher, was die Ziele seien, antwortet Deitelhoff. Und weiter: „Jeden Tag kommt eine neue Nebelkerze geflogen aus Washington. Jeden Tag verändert sich das Narrativ.“ Deshalb sei unklar, welche Strategie tatsächlich verfolgt werde. „Also im Grunde genommen sehen wir eigentlich keinen Plan“, konstatiert Deitelhoff. Das einzige Ziel, das Europa sicher teile, sei, dass vom Iran keine Sicherheitsbedrohung für seine Nachbarn ausgehe und das Regime beendet werde. Nouripour entgegnet zynisch, dass die Amerikaner auch vor Trump nicht wirklich gewusst hätte, was im Nahen Osten am Tag nach einem Krieg zu tun gewesen sei und jetzt auch nicht so tun, als hätten sie einen Plan. Israel hingegen verfolge ein klares Ziel, sagt der Grünen-Politiker. Das Land sehe das iranische Regime als existenzielle Bedrohung, weil dieses die Zerstörung Israels propagiere. Deshalb wolle Israel verhindern, regelmäßig neue Angriffe abwehren zu müssen. Welche Strategie hingegen die USA verfolgten, sei auch ihm nicht klar: „Bei den Amerikanern muss man schauen, wo die Reise hingeht.“ Regime-Wechsel vorerst nicht in Sicht, prognostiziert Militärexperte Eine Frage zum Erfolg der bisherigen Operation richtet Illner an Frank Sauer, Experte für Sicherheitspolitik an der Universität der Bundeswehr. Von ihm will sie wissen, was Israel und die USA in den letzten Tagen erreicht haben. Sauer fasst zusammen: „Politisch ist das ein Debakel, und ich glaube, das politische Ziel des Regime-Change wird aller Voraussicht nach nicht erreicht werden können, zumindest nicht in absehbarer Zeit.“ Einen Teilerfolg sieht Sauer jedoch: „Operativ-militärisch ist den Amerikanern und den Israelis sehr wohl gelungen, die Offensivkapazitäten des Iran drastisch zu dezimieren.“ Diese Ansicht vertritt auch Nouripour: „Sie haben kaum eine Marine. Die haben fast nichts mehr, was draußen schwimmen kann“, sagt er bezogen auf die Wehrfähigkeit des Iran. Der Grünen-Politiker führt weiter aus: „Das Regime ist massiv militärisch geschwächt. Das kann man gar nicht anders sagen.“ Wie sich der Krieg entwickeln werde, will Illner vom Nahostexperten Steinberg wissen. „Es spricht sehr viel dafür, dass dieser Krieg nicht allzu lange dauert“, erwidert er. Seiner Ansicht nach dauern israelische Kriege generell nicht sehr lange. Auch US-Präsident Trump bevorzuge kurze Konflikte. Sein Fokus dürfte sich ins eigene Land verschieben: Im November finden Zwischenwahlen in den USA statt, wirtschaftliche Folgen wie die Inflation müssen begrenzt werden. Ein Sturz des Regimes sei daher unwahrscheinlich, argumentiert Steinberg. „Wir haben verfolgt, dass Donald Trump diesen Krieg begonnen hat, Herr Nouripour. Donald Trump wird diesen Krieg auch beenden, und es wird sehr willkürlich sein – und es wird ein noch größeres Desaster?“, will Illner zum Schluss der Sendung wissen. „Ich weiß nicht, was am Ende sein wird, aber alles, was dazu führt, dass dieses Regime bleibt, und sei es eine Militärdiktatur, ist ehrlich gesagt das Drehbuch für den nächsten Krieg“, erklärt Nouripour. „Das heißt, wenn das Regime bleibt, wird es keinen Frieden geben auf Dauer. Dann ist es quasi die Atempause bis zum nächsten Krieg.“