Jubelnde Fans, Partystimmung beim Public Viewing, Sommerwetter: Auch 20 Jahre nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland sind die Erinnerungen an das Sommermärchen wach. Die Begeisterung der Fans sorgte für eine Welle der Euphorie im Land, auch wenn Deutschland den Titel nicht gewann. Nun will die Hauptstadt das Sommermärchen wiederholen – allerdings nicht mit Fußball: Die Berliner Landesregierung will sich als Austragungsort für die Olympischen Sommerspiele 2036 bewerben, zusammen mit Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Schleswig-Holstein. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) schwärmte vor einigen Wochen auf einer Pressekonferenz, dass Olympia gesellschaftliche Spannungen überwinden könne. Zudem verspreche er sich einen „Investitionsbooster“ für die gesamte Stadt und Ostdeutschland. Streit um Priorität von Expo oder Berlin Doch will das olympische Feuer in der Hauptstadt noch nicht so ganz brennen. Denn hinter den Kulissen der Landespolitik ist ein Machtkampf entfacht: So favorisiert die frühere Familienministerin und heutige Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) bislang eine Bewerbung der Hauptstadt für die Weltausstellung Expo 2035 und wird dabei im Hintergrund von der einflussreichen Industrie- und Handelskammer der Hauptstadt unterstützt. Beide versprechen sich deutlich mehr Investitionen in die Stadt durch die Expo als durch Olympia, zumal sie offenbar ohnehin nicht glauben, dass Berlin sich gegen die drei Mitbewerber München, Hamburg und Rhein-Ruhr durchsetzen kann. Zudem profitiere von Olympia der Breitensport eher nicht, so eines der Gegenargumente. Nach Vorstellung des Vereins Global Goals Berlin e.V. soll die Expo in Berlin zu einer Wertausstellung der Nachhaltigkeit werden. Die Idee: 50 konkrete Leuchtturmprojekte sollen innovative Ideen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Zivilgesellschaft in Berlin zeigen. Dabei rechnet die Initiative mit 30 Millionen Besuchern und 22 Milliarden Euro zusätzlichem Wirtschaftswachstum für Deutschland. Doch all das ist faktisch noch blanke Theorie. Kritiker erinnern an die eher mau besuchte Expo in Hannover und ein Milliardenloch am Ende. Von der Expo gehe im Vergleich zu Olympia nicht annähernd so eine internationale Strahlkraft aus. Deshalb steht Giffey in der Landesregierung mit ihrer Position eher isoliert da. „Sie steht da zu sehr auf der Bremse“, sagt ein Berliner Sozialdemokrat. Konkrete Wirtschaftszahlen zu Olympia gibt es allerdings noch nicht. Die Expo und Olympia hintereinander durchzuführen, lässt sich im ohnehin klammen Berliner Haushalt allerdings nicht absichern und wäre organisatorisch wohl kaum zu schaffen. Dazu würde die Infrastruktur, die geschaffen werden muss, wohl schwierig zusammenpassen, da dieselben Flächen genutzt werden würden. Auch wenn er das offiziell nicht sagt, fordert der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) darum hinter den Kulissen eine klare Prioritätensetzung von Berlin. Bis zum 4. Juni 2026 müssen die Bewerber ihre finalen Konzepte abgeben, am 26. September 2026 will der DOSB in Baden-Baden dann die offizielle deutsche Bewerberstadt küren. Dabei zählen Reisezeiten, Hotelkapazitäten und Unterbringungsmöglichkeiten für die Athleten eine Rolle, ebenso wie die nationale Akzeptanz. Neues Beratergremium mit Spitzensportlerin Genau hier will Berlins Regierender Bürgermeister Wegner nach WELT-Informationen am Dienstag ein weiteres Signal in Richtung DOSB setzen – und damit auch in Richtung der Olympia-Skeptiker wie Giffey. Laut interner Senats-Unterlagen soll ein Kuratorium geschaffen werden, in dem 24 prominente Vertreter der Stadtgesellschaft aus Politik, Wirtschaft, Soziales und Sport unter dem Vorsitz von Wegner und Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) vertreten sind. Wie WELT erfuhr, konnte Berlin die Star-Leichtathletin Malaika Mihambo für das Gremium gewinnen, 2019 und 2022 Weltmeisterin im Weitsprung, 2020 Olympiasiegerin und 2018 sowie 2024 Europameisterin. Das Gremium soll die Akzeptanz für Olympia in der Stadt erhöhen. Ein Volksentscheid, in dem sich die Bevölkerung für oder gegen die Spiele entscheidet, ist verfassungsrechtlich in der Stadt nicht möglich. Die erste Sitzung der Berater soll am 11. Dezember stattfinden, anschließend sollen die Mitglieder bis September 2026 alle zwei Wochen zusammenkommen. Sie sollen den Berliner Olympia-Beauftragten Kaweh Niroomand unterstützen. Der iranisch-deutsche Volleyball-Manager wurde im Juli 2025 vom Senat beauftragt. Sollte eine deutsche Bewerbung für 2036 scheitern, würde sich laut DOSB auch 2040 und 2044 anbieten. Lars Petersen ist Leiter National im Investigativ-Team von WELT, Business Insider Deutschland und Politico Deutschland und kümmert sich seit Jahren um Machtkämpfe und Affären hinter den Kulissen von Wirtschaft und Politik. Sie haben Hinweise für ihn? Dann melden Sie sich gerne beim Autor, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (WTJPZ7PN)