Statt der Kugel, die ich suchte, habe ich nur ein paar Bonbons erwischt. Meine Kräfte nehmen ab. Ich habe den Tod in mir“, notierte die 27-jährige Cellistin Lise Cristiani in einem Brief, als sie im September 1853 in Nowotscherkassk eintraf. Die berühmte Künstlerin aus Paris hatte zuvor als Truppenbetreuerin hinter der Front im Kaukasuskrieg für erschöpfte Soldaten des Zaren gespielt – und sie zu Tränen gerührt. Selbst war Cristiani nach einer langen Tournee durch Sibirien und die Ukraine mit den Kräften am Ende, infizierte sich in der südrussischen Kleinstadt mit der Cholera und starb, kurz nach ihrer Ankunft, am 14. Oktober. Jahrelange Recherche, intensive musikalische Proben Die französisch-schweizerische Cellisten Sol Gabetta widmet der historischen Vorgängerin nun aus Anlass von deren 200. Geburtstag ein ganzes Konzertprogramm, das am 10. Dezember in der Elbphilharmonie erklingen wird, wenige Tage nach der Uraufführung in Brüssel – als vorläufiges Ergebnis einer jahrelangen Recherche und intensiver musikalischer Erkundungen. Gabetta wird dabei das „romantische virtuose Violoncello des 19. Jahrhunderts“ auferstehen lassen, wie sie im Gespräch mit WELT AM SONNTAG verrät – mit Werken von Franz Schubert, Jacques Offenbach, Adrien-François Servais und anderen. Begleitet wird die Cellistin von der Cappella Gabetta. „Lise Cristiani hat mich fasziniert, sie war eine der ersten Frauen, die im 19. Jahrhundert überhaupt als Solistin in Konzerten aufgetreten sind. Und sie war die erste professionelle Cellistin mit einer öffentlichen Karriere“, erzählt Gabetta. Vor Cristianis Erfolgen war das Cellospiel eine Männerdomäne. Die junge Frau aus Paris war so bahn- wie tabubrechend. Schließlich galt das Cellospiel einer Frau Mitte des 19. Jahrhunderts schon wegen der Spielhaltung als unschicklich. Auch in dieser Hinsicht entpuppte sich die 1825 geborene Lise Chrétien, die ihren Nachnamen später italienisierte, als innovativ: Sie trat als eine der ersten mit einem Instrument auf, das mithilfe des heute üblichen Stachels auf dem Boden fixiert werden konnte und damit mehr Bewegungsfreiheit für die Solistin sowie das Tragen weiter Röcke ermöglichte. Sie wählte bewusst extravagante, weite Kleider. Ein eigenes Cello von Stradivari Cristiani kam als uneheliches Kind auf die Welt, sie erhielt den Familiennamen des Ehemannes ihrer Mutter, wobei unklar ist, ob er auch ihr Vater war. Früh wurde sie von ihren Großeltern gefördert, die sich nach dem frühen Tod der Eltern um sie kümmerten. Ihr Großvater war der Kunstmaler Nicola-Alexandre Barbier, der am französischen Hof arbeitete, ihre Großmutter die Schauspielerin Agathe-Marie Richard. Nach Musikunterricht bei Auguste Wolff wurde sie von Bernard Benazet (1781–1846) ausgebildet, er arbeitete als Solo-Violoncellist beim Théatre-Italien, trat mit dieser Institution an unterschiedlichen Häusern in Paris auf. Von 1844 an gab Cristiani eigene Konzerte, in Paris. Wegen ihres durchschlagenden Erfolgs im Februar 1845 konnte sie mit ihren Konzerteinnahmen ein Cello von Stradivari aus dem Jahr 1700 erwerben, das sie bis zu ihrem Tode spielte. Wegen des Krimkrieges konnte das Instrument lange nicht nach Frankreich zurückkehren, bis es schließlich der französische Botschafter aus Konstaninopel nach Paris zurückbrachte. Heute wird es unter dem Namen „Le Stauffer-Ex Cristiani“ im Museo del Violino in Antonio Stradivaris Heimatstadt Cremona ausgestellt. Nach ihren Erfolgen in Frankreich unternahm Cristiani im Folgejahr 1845 eine ausgedehnte Konzertreise, die sie unter anderem nach Wien, Regensburg sowie Baden-Baden führte und schließlich auch nach Leipzig. Mendelssohn-Bartholdy widmete Cristiani das „Lied ohne Worte“ Gabetta erinnert sich, dass ihr der Name Cristiani zum ersten Mal vor rund 30 Jahren begegnete, damals ohne weitere Folgen. Sie spielte im Alter von etwa 14 Jahren das „Lied ohne Worte“ und las, wem Felix Mendelssohn-Bartholdy das Stück gewidmet hatte: Lise Cristiani. Was Gabetta erst später erfuhr: Der Komponist war der Cellistin in Leipzig begegnet, hatte mit Freunden ihren dortigen Auftritt beim Abonnementskonzert im Gewandhaus unterstützt und ihr anschließend sein Cellostück gewidmet, zunächst unter dem Titel „Romance sans paroles“ in D-Dur für Violoncello und Klavier. Das Stück habe sie immer wieder mal gespielt, erinnert sich Gabetta, aber erst vor zehn Jahren habe sie sich gefragt, wer Cristiani eigentlich war. „Da ist das Thema erneut aufgetaucht und ich habe angefangen, nachzuforschen“, erzählt die Künstlerin. Das sei allerdings kein einfaches Projekt gewesen. Vieles liege immer noch im Dunkeln, merkt Gabetta an. Und in der Dimension – mit dem Ziel, das Repertoire zu rekonstruieren und möglicherweise zu spielen – habe das Unterfangen viel Geduld erfordert. Schließlich hat die Starcellistin einen vollen Terminkalender, plant aktuell schon ihre Auftritte für 2028. „Ich war gezwungen, das Projekt aufzuteilen“, erklärt die in Argentinien geborene Musikerin. „Ich musste umfangreiche Recherchen anstellen – ihr Leben glich einem Puzzle. Daher war für mich klar, dass diese Aufgabe nur im Team zu bewältigen ist.“ Bei ihren Recherchen wird sie seit Jahren von ihrem Partner Balthazar Soulier unterstützt, einem Geigenbauer. Soulier führt ein Atelier in Paris und gilt als ausgewiesener Experte für historische Instrumente. Und auch Wissenschaftler veröffentlichen neue Erkenntnisse. Viele Noten von André-François Servais sind erhalten Wer Repertoire aus dem 19. Jahrhundert spielen will, hat jedoch ein Problem: Wo gibt es die Noten, möglichst passend arrangiert? „Damals gab es kein Internet – ein ‚Ich drucke dir das schnell aus‘ war schlicht nicht möglich“, betont Gabetta. „Die Musiker mussten an alles selbst denken. Wenn ich reise und feststelle, dass vor Ort lediglich ein Pianist zur Verfügung steht, brauche ich entsprechendes Notenmaterial. Habe ich dagegen das Glück, ein Quartett oder sogar ein Orchester vorzufinden, benötige ich passende Arrangements für diese Besetzung.“ Zum Glück sind viele Noten von André-François Servais erhalten. Der belgische Cellist und Komponist galt als „Paganini des Violoncellos“. „Er verkörpert gemeinsam mit Cristiani die beeindruckende Weiterentwicklung des Instruments im 19. Jahrhundert – die Virtuosität, das Tempo, Oktaven, Terzen, all das findet sich bereits bei Servais“, erläutert Sol Gabetta. „Die Servais-Gesellschaft hat mir freundlicherweise mehrere Werke zur Verfügung gestellt.“ Die wichtigste Persönlichkeit für Cristiani aber war als Komponist und Mentor Alexander Batta. Der Cellist hatte seinen Durchbruch in Paris mit einer Reihe von Konzerten, die er 1837 mit Franz Liszt gab. Der Opernfreund komponierte meist für sein Instrument und transkribierte musikalische Werke anderer für das Violoncello. Ausgedehnte Reisen, per Kutsche durch Europa Zu den spannendsten Funden zählt für Gabetta „La Romanesca“ von Servais, die von Cristiani gespielt wurde: „Es war ihre Zugabe und war so erfolgreich, dass sie sie mehrfach hintereinander spielte.“ Das grundsätzliche Problem sei nicht gewesen, die Stücke zu finden, erklärt Gabetta, „sondern ein kohärentes Repertoire zusammenzustellen und zu ergründen, wie die Musik in Tiefe und Stil wirkt – genau so, wie Cristiani ihr Publikum fesselte. Es geht um Belcanto und die Technik des melodischen Spiels. Am anspruchsvollsten aber war es, das ‚Ave Maria‘ von Franz Schubert so zu interpretieren, dass es die emotionale Wirkung entfaltet, ohne ins Kitschige abzurutschen.“ Nach den ersten Jahren der Suche drehte der Fernsehsender „Arte“ eine Dokumentation über Gabettas Recherche zu Lise Cristiani und begleitete sie auf ihrer Reise. „Vor zwei Jahren habe ich dann in Gstaad ein erstes Versuchskonzert gegeben. Auf den Erfahrungen daraus habe ich dann das Konzept sowie das Programm für die CD und die anschließende Tournee entwickelt. Jetzt bin ich sehr gespannt, ob das Konzept tatsächlich aufgehen wird.“ So wiederholt sich im Kleinen, was Gabetta an Cristiani besonders bewundert: ihren Mut. „Sie reiste als junge Frau allein mit dem Cello per Kutsche zunächst mehrfach durch Europa, spielte 1846 sogar einmal in Hamburg.“ Anschließend führten ihre Tourneen, die sie selbst organisierte, nach Dänemark und Schweden. Sie kehrte nach Deutschland zurück und reiste dann über Polen nach St. Petersburg, spielte dort und anschließend in Moskau. Nach 40 Konzerten in Sibirien zurück nach Moskau on dort unternahm sie ihre gewagteste Reise, begleitete den Gouverneur Sibiriens und konzertierte schließlich auf der Halbinsel Kamtschatka am Pazifischen Ozean, berichtet in ihren Briefen von 40 Konzerten Sibirien, vielfach an Orten „an die noch nie ein Künstler gelangt ist.“ Erst Ende 1850 kehrte sie zurück nach Moskau, brach 1852 zu Konzerten in die Ukraine, nach Litauen und in den Kaukasus auf – zu ihrer letzten Reise. Elbphilharmonie: Sol Gabetta „Auf den Spuren von Lise Cristiani“, 10. Dezember, 20 Uhr