Welt 02.02.2026
18:17 Uhr

Auf dem Weg zum Jüdischen Museum


Das Altonaer Museum erläutert in seiner neuen Dauerausstellung „Wegmarken jüdischer Geschichte. Ein Projektraum für Hamburg“ anhand von Objekten, Texten und Fotos die 400-jährige jüdische Geschichte der Stadt.

Auf dem Weg zum Jüdischen Museum

In einem Bollerwagen brachte eine wissenschaftliche Mitarbeiterin des Altonaer Museums 1943 einen sandsteinernen Löwen ins Haus, den sie vor dem kriegszerstörten jüdischen Friedhof an der Königsstraße aufgelesen hatte. Die große Barockskulptur von 1736, die so der Vernichtung entging, hatte auf dem Gräberfeld als Brunnenfigur gedient. 70 Jahre nach der Bergung gab das Museum den Steinlöwen zurück an die jüdische Gemeinde, die ihn heute im Besucherzentrum des Friedhofs ausstellt, während eine Reproduktion den Brunnen ziert. Von der Gründung des Jüdischen Friedhofs bis heute Das Altonaer Museum behielt einen weiteren Abguss, der vom 4. Februar an das Einstiegsexponat der neuen Dauerausstellung „Wegmarken jüdischer Geschichte – Ein Projektraum für Hamburg“ bildet. Anhand von Objekten, Texten und Fotos wird dort die 400-jährige jüdische Geschichte Hamburgs von 1611 (Gründung des jüdischen Friedhofs Altona) bis 2020 (Entschluss zum Wiederaufbau der Bornplatzsynagoge) in komprimierter Form erzählt. 14 „Wegmarken“ kennzeichnen besondere Ereignisse in der Stadtgeschichte: „Es sind Daten, die speziell für die jüdischen Gemeinden von Bedeutung waren“, erklärt Museumsdirektorin Anja Dauschek. Die Projektraum-Präsentation wurde von Anne Kunhardt, die am Museum über jüdisches Leben forscht, gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden, der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte sowie der Israelitischen Töchterschule erarbeitet. Ausgewählte Wegmarken sind etwa die Gründung der aschkenasischen Dreigemeinde Altona-Hamburg-Wandsbek 1671 oder der „Amulettenstreit“ 1751, in dessen Zuge der Oberrabbiner Jonathan Eibeschütz, der mystische Amulette in Umlauf gebracht hatte, von dem Privatgelehrten Jakob Emden der Ketzerei bezichtigt und verdächtigt wurde, ein Anhänger des Pseudomessias Sabbatai Zwi zu sein. „Das war damals ein Medienhype und hat hohe Wellen geschlagen“, sagt Kunhardt. 1844 wurde der erste liberale Tempel eingeweiht Ein wichtiges historisches Ereignis war auch die Gründung des Neuen Israeltischen Tempelvereins 1817 in Hamburg, der eine der frühesten Reforminitiativen des deutschen Judentums war: Die Gottesdienste beinhalteten traditionell unbekannte Elemente wie deutschsprachige Kanzelreden, Orgelspiel und Chorgesang. 1844 wurde der erste liberale Tempel in der Poolstraße eingeweiht, von dem heute nur noch eine Ruine erhalten ist. In der Museumschronologie folgt die bürgerliche Gleichstellung der Juden 1842 (Altona) und 1849 (Hamburg). Ein Kapitel widmet sich den 1901 errichteten Auswanderhallen der HAPAG auf der Veddel. Die Zeit des nationalsozialistischen Terrors wird an zwei Wegmarken betrachtet: 1933 setzte die zunehmende Ausgrenzung und Entrechtung jüdischer Bürger ein, 1941 begannen die systematischen Deportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager. Einer Schätzung zufolge wurden 10.000 Hamburger Juden während der Schoa ermordet. Die Überlebenden gründeten in der Hansestadt 1945 eine neue gemäßigt-orthodoxe Gemeinde, die heute knapp 2300 Mitglieder zählt. Mit der Aussicht auf den 2020 von der Bürgerschaft beschlossenen Wiederaufbau der in der Reichspogromnacht 1938 beschädigten, im Folgejahr zwangsweise abgerissenen großen Synagoge Bornplatz im Grindelviertel endet der Gang durch die Geschichte der Juden in Hamburg. Machbarkeitsstudie für Jüdisches Museum geplant Die Ausstellung im Altonaer Museum ist entstanden, um die derzeitige sanierungsbedingte Schließung des Museums für Hamburgische Geschichte auszugleichen, in dem sich eine Abteilung mit dem jüdischen Leben in Hamburg befasste. Im Zuge der Neugestaltung soll die jüdische Geschichte in den Rundgang eingebunden werden. Ferner wird die Möglichkeit eines eigenen Jüdischen Museums für Hamburg diskutiert: „Dass die zweitgrößte deutsche Stadt kein Jüdisches Museum hat, halte ich für einen auf Sicht nicht guten Zustand“, erklärte der Kultursenator Carsten Brosda (SPD). Der Projektraum im Altonaer Museum biete nun „einen Ort, an dem die Stadtgesellschaft den Diskurs über ein zukünftiges Jüdisches Museum weiterführen kann“, so der Senator. Eine Machbarkeitsstudie ist geplant. Das Ziel, ein Museum einzurichten, verfolgte bereits die 1898 gegründete Gesellschaft für jüdische Volkskunde, die insgesamt rund 400 ausstellenswerte Objekte zusammentrug. 1913 wurde die Kollektion im Völkerkundemuseum, jetzt Museum am Rothenbaum (MARKK), untergebracht. Heute ist der größte Teil der Sammlung verschollen, nur elf Objekte konnten bisher anhand erhaltener Karteikarten identifiziert werden. Allerdings bewahren die Hamburger Museen auch Objekte, die zum NS-Raubgut zählen: Im Sommer zeigt das MARRK eine Ausstellung zur Sammlung der Gesellschaft für jüdische Volkskunde und stellt auch die aktuelle Provenienzforschung zum Raubgut in den eigenen Beständen vor (ab 28. August). Gegenstände aus den Haushalten ermordeter Juden „Wenn ich über Museen nachdenke, muss ich auch über Objekte nachdenken – die so gut wie immer problematische Geschichten haben“, erklärt Dauschek. So zeigt der Projektraum Stücke aus dem „Schellenberg-Bestand“: Ab 1938 wurden in Hamburg 20 Tonnen Silber aus jüdischem Besitz beschlagnahmt. Der Kustode Carl Schellenberg wählte die wertvollsten Stücke für die Museumssammlungen aus. Nach 1945 betraute die Stadt denselben Wissenschaftler mit der Rückgabe des Silbers an die Eigentümer. Die Objekte, für die sich kein Besitzer fand, blieben in den Museen. Zu sehen ist auch eine Obstschale aus Kristall, die den im Lager Jungfernhof bei Riga ermordeten jüdischen Eheleuten Minka und Julius Behrend gehörte. Vor der Verschleppung nach Osteuropa soll das Paar die Schale angeblich seinen nichtjüdischen Nachbarn geschenkt haben. „Ähnliche Geschichten gibt es zu vielen Gegenständen aus den Haushalten ermordeter Juden“, sagt Dauschek. Persönlichkeiten von Salomon Heine bis Ida Ehre „Wir sehen die Auswahl der Objekte als Angebot: Was könnte in einem Museum gezeigt werden? Und wie kann es gezeigt werden?“ so Kunhardt. Wie im Projektraum wäre dort auch die Einzigartigkeit des Hamburgischen Judentums hervorzuheben: Das Nebeneinander von Sepharden und Aschkenasen sowie von Orthodoxen und Liberalen. Auch Personen, die explizit für Hamburg wichtig waren, wären vorzustellen – an den Wegmarken treten der Bankier und Mäzen Salomon Heine auf, der Reeder Albert Ballin, die Autorin Peggy Parnass, der Bankier Moritz M. Warburg oder die Intendantin Ida Ehre. Das Altonaer Museum wird den Projektraum vom 5. November an durch eine Sonderschau ergänzen, die Fragen zur jüdischen Identität vertiefen soll. Vom 11. September an widmet sich ein weiteres Museum der jüdischen Geschichte: Das Bucerius Kunst Forum zeigt eine Ausstellung über jüdische Kunstsammler der Moderne. Altonaer Museum: „Wegmarken jüdischer Geschichte“, ab 4. Februar 2026