Aller Anfang ist schwer. Das galt auch für die Einführung der Anschnallpflicht in der Bundesrepublik ab dem 1. Januar 1976. Während heute der Gurt im Auto für die meisten eine Selbstverständlichkeit ist, war damals der Widerwille groß. So meldete WELT am 31. Dezember 1975, dass nur 25 Prozent im innerstädtischen Verkehr den Gurt anlegen. Am 2. Januar 1976 veröffentlichte WELT einige Stimmen von Autofahrern in Hamburg, die man zu den Gründen befragt hatte, warum sie die Neuerung im Straßenverkehr ablehnten. Die häufigsten Argumente waren: Einengung der Bewegungsfreiheit, kein größeres Sicherheitsgefühl, technische Schwierigkeiten beim Anbringen der Gurte, Hilflosigkeit bei der Gurtwahl – und schlicht Vergesslichkeit. So sagte ein Speditionskaufmann aus Elmshorn, der mit Frau und Tochter einen Kurzausflug in die Hansestadt machte: „Meine Frau und ich halten Dreipunktgurte für gefährlich. Wir sind beide nicht sehr groß und haben Angst, im Gefahrenfall durch die Gurte stranguliert zu werden.“ Der Hamburger Uwe Hinrichs bemerkte: „Ich lege Gurte nur auf großen Strecken an. Im Stadtverkehr fühle ich mich beengt. Allerdings muss ich mich wohl an die Neuregelung gewöhnen.“ Gerd Noel aus Havinghorst: „Ich bin ein ausgesprochener Anschnallmuffel. Außerdem habe ich völlig vergessen, dass die Bestimmung seit heute schon in Kraft ist.“ Günther Levin aus Hamburg: „Mit Gurt fährt man nicht sicherer als ohne. Bei vielen Unfällen wurde der Gurt schon zur Todesfalle. Ich bin mit der Anschnallpflicht nicht einverstanden.“ Michael Bär aus Jesteburg: „Bei vielen Pkw-Typen macht es Schwierigkeiten, Gurte zu installieren und auch die richtige Wahl zu treffen. Generell jedoch bin ich mit der neuen Verordnung einverstanden.“ Aus heutiger Perspektive erscheinen manche der Argumente skurril. Denn der Sicherheitsgurt hat dazu beigetragen, dass die Zahl der Verkehrstoten kontinuierlich gesunken ist. 1973 starben allein in Westdeutschland 18.000 Menschen im Straßenverkehr (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article251151766/StVO-Vorlaeufer-Autofahrer-und-Radler-traktierten-einander-mit-Peitschen.html) . Mittlerweile sind es weniger als 3000 pro Jahr – in ganz Deutschland. Wobei nicht allein der Anschnallgurt zu dieser drastischen Reduzierung beigetragen hat. So wurde in dieser Zeit zum Beispiel auch die Helmpflicht für Motorradfahrer eingeführt. Ab 1974 mussten Autohersteller (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article256342688/Markennamen-Von-Audi-bis-Zentis-So-kurios-entstanden-Kultmarken.html) einen Sicherheitsgurt in Neuwagen einbauen. Zwei Jahre später kam die Anschnallpflicht für den Fahrer in der Bundesrepublik (die DDR zog 1980 nach). Um die anfangs vielen unwilligen Autofahrer zum Anschnallen – zunächst nur für den Fahrersitz verpflichtend – zu motivieren, wurde schließlich ein Bußgeld eingeführt: ab August 1984 zunächst 40 D-Mark. Heute sind es 30 Euro. Wer sich nicht anschnallt, hat bei einem Verkehrsunfall ein vielfach höheres Risiko, tödlich zu verunglücken. Heutzutage ist das Anschnallen aber auch kein Diskussionsthema mehr wie vor 50 Jahren. Laut einer Verkehrsbeobachtung der Bundesanstalt für Straßenwesen waren im Jahr 2024 in Deutschland 98,3 Prozent aller erwachsenen Autoinsassen angeschnallt. Dass zum Sicherheitsgurt beinahe jeder ganz automatisch greift, zeigt auch eine repräsentative Yougov-Umfrage im Auftrag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). 88 Prozent der Befragten fanden das Anschnallen im Auto sehr selbstverständlich und 7 Prozent eher selbstverständlich. Nur 1 Prozent sagte, sie fänden es überhaupt nicht selbstverständlich, einen Gurt zu benutzen. Bleibt noch die Frage nach dem richtigen Anschnallen. Laut ADAC verliert der Gurt seine Schutzwirkung, wenn er nicht ordentlich angelegt ist. Er sollte auf die Körpergröße angepasst sein, um Schulter und Becken bei einem Unfall festzuhalten. Dicke Winterjacken sollten Autoinsassen, vor allem Kinder, vor dem Anschnallen besser ausziehen. Verdrehte Gurte sind zu entwirren, Einrisse sollten nie selbst genäht oder repariert werden. Weitere Tipps des ADAC: Niemals zu zweit anschnallen und den Gurt nicht unter den Achseln hindurchführen. Übrigens gibt es einige wenige Ausnahmen von der Gurtpflicht. So müssen sich Paketzusteller nicht anschnallen, allerdings nur während der Auslieferung, also wenn sie alle paar Meter das Fahrzeug verlassen müssen. Wer rückwärts oder Schrittgeschwindigkeit auf einem Parkplatz fährt, darf ebenfalls auf den Gurt verzichten. Auch Fahrgäste in Nahverkehrsbussen müssen nicht angeschnallt sein. Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/martin-klemrath/) bei WELTGeschichte zählen Technikgeschichte, Zeitgeschichte, Kulturgeschichte und die Geschichte der USA.