Die Häutung fiel eindeutig aus: Nicht mehr marxistische Arbeiterpartei wollte die SPD fortan sein, sondern eine sozialdemokratische Volkspartei. Im neuen Programm der Sozialdemokraten (verlinkt auf https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Beschluesse/Grundsatzprogramme/godesberger_programm.pdf) , beraten und beschlossen auf einem dreitägigen Sonderparteitag in Bad Godesberg Mitte November 1959, kam das Wort „Marxismus“ nicht mehr vor. Zwar verleugnete die SPD ihren geistigen Ahnherrn Karl Marx (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article175963906/Marxismus-Marx-schmaehte-Kesselflicker-und-Bettler-als-Lumpenproletariat.html) auch nicht, aber sie wies ihm und seinen Theorien einen neuen Platz zu: im Museum der Parteigeschichte. Vorausgegangen waren dem Treffen drei zunehmend schwere Niederlagen bei den Bundestagswahlen 1949, 1953 und 1957. Trotzdem gab es in Bad Godesberg noch ein hartes Ringen zwischen (wenigen) marxistisch-sozialistischen Hardlinern und den Realisten, die Interessen der Arbeitnehmer über die ideologisch reine Lehre stellten. Von den 340 Delegierten stimmten am Ende des Treffens am 15. November 1959 nur 16 gegen das neue Programm. Ein klares Signal: Die SPD warf den Ballast der Vergangenheit über Bord. Der typische deutsche Sozialdemokrat war nicht mehr ein Klassenkämpfer wie noch ein halbes Jahrhundert zuvor. Bei den Delegierten in der Godesberger Stadthalle (verlinkt auf https://www.stadthalle-bad-godesberg.de/) handelte es sich auch nicht wie in der kurzlebigen Weimarer Republik um eine Mischung aus einfachen Mitgliedern mit proletarisch geprägtem Äußeren und gesitteten Partei- oder Staatsfunktionären. Vielmehr saßen hier durchweg Angehörige der gehobenen Mittelklasse oder zumindest Menschen, die zu dieser Schicht gehören wollten: Die meisten trugen Anzüge mit Schlips und Kragen oder sittsame Kleider. Das dokumentierte „die gesellschaftspolitische Wandlung, die sich seit den Tagen von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle in Deutschland vollzogen“ hatte, wie WELT-Korrespondent Hans-Werner Graf Finck von Finckenstein schrieb. Die Delegierten in Bad Godesberg hatten über die Zukunft der Partei zu befinden. Wie sollte die SPD bei kommenden Wahlkämpfen auftreten? Der seit 1952 amtierende Parteichef Erich Ollenhauer (verlinkt auf https://www.hdg.de/lemo/biografie/erich-ollenhauer.html) , zweimal von Bundeskanzler Konrad Adenauer deutlich besiegt, hatte intern längst auf eine dritte Spitzenkandidatur verzichtet. Er sah es als seine verbleibende Aufgabe, die SPD für breite Schichten des (Klein-)Bürgertums wählbar zu machen. Dazu hatte sein SPD-Vorstand einen Programmentwurf vorgelegt, der das ideologische Erbe mit den Herausforderungen der Zukunft versöhnen sollte. Seit ihrer ersten Beteiligung an der Reichsregierung im Oktober 1918 hatte sich die SPD nie entscheiden können, was sie eigentlich wollte: Weiter von einer umfassenden Revolution träumen oder doch lieber die Wirklichkeit in kleinen Schritten durch Reformen verbessern? Diese Unentschlossenheit zumindest auf Bundesebene (in mehreren Ländern dagegen regierte die SPD mit sachorientierten Politikern erfolgreich) hatten die Wähler wiederholt abgestraft. Wie also weiter? Vorab konnte Ollenhauer nur vermuten, dass die Anhänger eines weiter ideologieorientierten Programms lediglich eine kleine Minderheit stellen würden. Immerhin wusste er, dass es sich um rhetorisch begabte Gegner, genauer: Parteifreunde handelte. Sie könnten es mit Verheißungen aus dem angeblich möglichen sozialistischen Wolkenkuckucksheim den Unentschlossenen schwer machen, für eine Zäsur zu stimmen. Also schickte der Parteivorstand seinen profiliertesten Redner ins Rennen. „Geduckt wie ein Ringkämpfer, der sich seinem Gegner stellt, jeden Muskel des Gesichts gespannt und ganz geballte Energie“, beobachtete Finck, „war der stellvertretende Parteivorsitzende Herbert Wehner (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article116438460/Egon-Bahr-Ich-habe-ueber-Wehners-Ruchlosigkeit-geweint.html) schon am ersten Tag in der Generalaussprache auf das Rednerpodium gestiegen.“ Der 1906 geborene Wehner hatte seine politische Laufbahn während der ersten Demokratie auf deutschem Boden als Jugendlicher begonnen und sich in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre zunehmend radikalisiert. 1930/31 erstmals Landtagsabgeordneter für die von Stalin gesteuerte KPD, war er im Exil ab 1935 in die Führung der deutschen Bolschewiki aufgestiegen, hatte Funktionäre wie Wilhelm Pieck oder Walter Ulbricht kennengelernt. Unter zumindest fragwürdigen Umständen überstand er die stalinistischen Säuberungen, denen tausende deutsche Kommunisten (und hunderttausende aus anderen Ländern einschließlich der Sowjetunion) zum Opfer fielen. 1941 wurde er nach Stockholm versetzt, wo er ein Jahr später wegen kommunistischer Untergrundtätigkeit (offiziell wegen Spionage für die UdSSR) verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Hinter Gittern rang er sich dazu durch, den Kommunismus als Fehler zu erkennen, und distanzierte sich. Der Renegat wurde, wie so oft, zum besonders entschiedenen Verfechter seiner neuen Überzeugung. „Ich gehöre zu den Gebrannten, aber gerade, weil ich zu den Gebrannten gehöre“, bekannte Wehner auf dem Godesberger Parteitag, „wende ich mich gegen den Ausschließlichkeitsanspruch.“ Dann kam es knüppeldick für die rückwärtsgewandten Genossen: „Ich bin der Meinung, dass der Marxismus als eine Doktrin weder parteibindend noch im Sinne dessen, was wir als soziale Demokratie und als demokratischen Sozialismus wollen müssen, fördernd sein kann.“ WELT befand: „Es war seine Stunde.“ Nicht zuletzt zur besonders umstrittenen Frage der Wehrpflicht und des deutschen Wehrbeitrages zur Abschreckung der aggressiven Sowjetunion redete Herbert Wehner Klartext: „Eine Partei von unserer Größenordnung, unserer Tradition und unserem soziologischen Grundbestand kann doch nicht vor das Volk treten und sagen: ,Wir haben euch zwar in Bezug auf Rechtsordnung, Schulfragen, Wohnungsbau und soziale Angelegenheiten viel nützliche Vorschläge zu machen und euch vieles zu geben, wenn ihr uns wählt. Aber in einem Punkte – Fehlanzeige! Nämlich wenn es um die Landesverteidigung geht – da müsst ihr euch an andere halten.“ Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Schwerpunkten zählt neben den deutschen Diktaturen im 20. Jahrhundert die Demokratie in der Bundesrepublik – und damit die SPD mit ihrem Schwanken zwischen Politikfähigkeit und Ideologie.