Gegen Gerüchte hilft nur Aufklärung. Das dachte sich wohl auch Ludwig Erhard (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ludwig-erhard/) , der erste Bundeswirtschaftsminister der jungen westdeutschen Demokratie. Also beantwortete er am 14. Januar 1951 der WELT-Redaktion einige Fragen, die schriftlich vorgelegt worden waren. Ihm ging es darum, das öffentliche Zerreden seiner Politik zu verhindern. Und was wurde nicht alles spekuliert im Winter 1950/51. Angeblich stünde die Einführung von Lebensmittel- oder Textilkarten unmittelbar bevor. Das wäre, keine drei Jahre nach der großen Währungsreform im Juni 1948 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article177860318/Waehrungsreform-Im-Kurs-100-zu-6-50-begann-die-DM-ihren-Siegeszug.html) und der Abschaffung aller staatlichen Verteilungssysteme für Waren und Dienstleistungen, eine Bankrotterklärung für das Konzept der sozialen Marktwirtschaft gewesen, das Erhard verkörperte. Daher dementierte der Minister im WELT-Interview unmissverständlich: „Es wird nicht im Entferntesten daran gedacht, eine Lebensmittel- oder Textilkarte oder irgendeinen anderen Bezugsschein auszugeben.“ Alle derartigen Gerüchte seien „völlig aus der Luft gegriffen“. Wer derartiges verbreite, gehöre „an den Pranger gestellt“. Und dann wurde Erhard unmissverständlich: „Sie sind die wahren Feinde des deutschen Volkes.“ Worum ging es? Im Winter 1950/51 hatte sich die Anfangseuphorie über die neue Wirtschaftspolitik erschöpft. Die Einführung der D-Mark und die zugleich wirksam gewordene Freigabe aller Preise hatte für einen Stimmungsumschwung geführt, der sich aber seitdem durch Negativmeldungen aufgebraucht hatte. Die A rbeitslosigkeit in Westdeutschland (verlinkt auf https://library.fes.de/images/digbib/0032502.gif) hatte sich gegenüber dem Winter 1949/50 von etwas über einer Million auf etwa 1.714.000 Arbeitssuchende erhöht. Schlug das Konzept einer lediglich durch soziale Sicherungen auf niedrigem Niveau eingehegten Marktwirtschaft also doch nicht so durch wie erhofft? Kritik an seinem Modell hatte Erhard seit den Vorbereitungen im Frühjahr 1948 aushalten müssen. Mehr oder minder stark sozialistische Vorstellungen über staatlich gelenkte Märkte oder gar eine „gerechte“ Verteilung der verfügbaren Waren durch Bürokratie vertraten einerseits die SPD (die aus der DDR ferngesteuerte KPD sowieso, aber sie war intellektuell irrelevant und politisch ausschließlich ein Ärgernis), andererseits der linke Flügel der CDU (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article196661991/Bundestagswahl-1949-Als-Adenauer-den-Linkskurs-der-CDU-korrigierte.html) . Allein der wirtschaftsliberale Teil der FDP wandte sich dagegen, während weitere politische Gruppierungen im ersten Bundestag die Wirtschaftspolitik nicht weiter interessierte. Sonderlich viel Hausmacht hatte Erhard, der zwar auf CDU-Ticket ins Kabinett gekommen war, aber gar nicht zur Partei gehörte (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/article834316/Ludwig-Erhard-Der-Kanzler-der-nie-Mitglied-seiner-Partei-war.html) , also nicht. Allein der Erfolg sowie die daraus folgende Unterstützung des Pragmatikers und Machttaktikers Konrad Adenauer stützten ihn. Gerade diese Verbindung war aber im Winter 1950/51 einer erheblichen Belastung ausgesetzt. Denn der Bundeskanzler trieb die Bildung der „ Montanunion (verlinkt auf https://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschland-gruenderjahre/weg-nach-westen/anfaenge-der-europaeischen-integration.html) “ (technisch: Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, offizielle Abkürzung EGKS) voran. Sie sollte allen Mitgliedstaaten zollfreien Zugang zu Kohle und Stahl aus den beteiligten Ländern garantieren – gewissermaßen eine Art Binnenmarkt für die Schwerindustrie. Das war an sich im Sinne Erhards, jedoch wollte Adenauer das neue Instrument nutzen, um der gerade erst gegründeten Bundesrepublik einen Zuwachs an staatlicher Souveränität zu verschaffen und gleichzeitig die Einbindung in westliche Bündnisse voranzutreiben. So eine Instrumentalisierung wirtschaftspolitischer Maßnahmen zu strategischen Zwecken widerstrebte dem Wirtschaftsminister. Noch aber war die Konjunktur nicht wie erwartet und versprochen angesprungen. Die hohe Inflation direkt nach der Währungsreform (nach einem halben Jahr schon elf Prozent, was böse Erinnerungen an die noch nicht einmal 30 Jahre zurückliegende Inflation 1920 bis 1923 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article121842665/Weimarer-Republik-4-2-Billionen-Mark-das-ist-unser-Inflationstrauma.html) weckte) hatte in den westlichen Besatzungszonen sogar zu einem Generalstreik im November 1948 geführt, an dem sich ungefähr neun Millionen Menschen beteiligten. Es dürfte sich weitgehend um die 8,2 Millionen Bundesbürger gehandelt haben, die bei der ersten Bundestagswahl im August 1949 SPD oder KPD wählten sowie um die Anhänger verschiedener kleinerer Parteien und des linken Flügels von CDU und CSU. Die von Erhard betriebene Freigabe der Preise, verbunden mit der Aufforderung an Produzenten und den Handel, den Umsatz durch Senkungen der Preise anzukurbeln, hatte für weiteres böses Blut gesorgt. In manchem Schaufenster tauchte bittere Kritik auf – die vielleicht heftigste inszenierte Erhard nach dem Vorbild des Hitler-Plakats für die Reichspräsidentenwahl 1932 und setzte die Botschaft dazu: „Erhard befiehlt – wir folgen! Und senken die Preise.“ Dagegen setzte der Bundeswirtschaftsminister eine klare Zusage. Er denke „nicht einen Augenblick daran, die freie Konsumwahl aufzuheben und das deutsche Volk wieder in das Elend des ,Normalverbrauchers‘ zurückzustoßen“. Unter dem Begriff „Normalverbraucher“, das wusste seinerzeit jeder, war die von Behörden festgelegte Existenz zu verstehen, die seit 1939 meist hinten und vorn nicht gereicht hatte, maximal gerade so. Hinzu kam: Im Sommer 1950 hatte, infolge des Überfalls des kommunistischen Nordkoreas auf den westlich orientierten (allerdings auch nicht demokratischen) Süden, die US-amerikanische Schwer- und Maschinenbauindustrie wieder auf Rüstungsproduktion umgestellt. Das sorgte für neue Nachfrage nach westdeutschen Produkten. Zeitgleich wurde die DM gegenüber dem Dollar abgewertet, von 3,33 Mark für einen Dollar auf 4,20 Mark. Das war ein Booster für die westdeutsche Industrie, die im Wiederaufbau stand. Das meinte Erhard, als er antwortete: „Die günstige Entwicklung des deutschen Außenhandels“ bilde die Gewähr, dass sich Angebot und Nachfrage auf den möglichst wenig regulierten Märkten ausglichen. Die Bedingung, „eine gewissenhafte und geordnete Geld-, Währungs- und Finanzpolitik“ stand damals nicht zur Debatte. Kreditaufnahme für Sozialausgaben wären ihm nicht eingefallen. Der trotz des Desasters in der sowjetischen Besatzungszone (wo weiterhin Lebensmittelkarten zum Einlaufen notwendig waren, sogar bis 1958) Sozialismus-seligen SPD gab er mit auf den Weg: „Rationierung und Bezugsscheine sind in erster Linie die Folgewirkung einer verdeckten Inflation.“ Konrad Adenauer stand kurz davor, einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel in Anlehnung an das Ahlener Programm von 1947 (verlinkt auf https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=76a77614-6803-0750-c7a7-5d3ff7c46206&groupId=252038) einzuleiten, als im Frühjahr 1951 die Konjunktur anzuziehen begann: Die Arbeitslosigkeit begann zu sinken, die Bautätigkeit zog deutlich an, der Konsum wuchs, die Preise ließen nach, die Inflation sank von acht Prozent 1951 (jeweils im Vergleich zum Vorjahr) auf durchschnittlich zwei Prozent 1952 und pendelte sich dann nach einer kurzen Wendung ins Negative (minus 1,8 Prozent) bei für eine wachsende Wirtschaft sinnvollen 0,5 bis 3,1 Prozent ein. Die Arbeitslosigkeit sank bis auf faktische Vollbeschäftigung 1960, das reale Bruttoinlandsprodukt verdoppelte sich in derselben Zeit. Das Wirtschaftswunder hatte begonnen, genau wie von Erhard erwartet. Ab dem Frühjahr 1951 war der erfolgreiche Minister die Wahlkampf-Lokomotive der CDU schlechthin, obwohl weiterhin nicht Mitglied der Partei. Konrad Adenauer wusste nun, was er an Ludwig Erhard hatte. Doch leiden mochte er ihn immer noch nicht. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Während seines Studiums an der Freien Universität Berlin war er Mitarbeiter bei Henning Köhler, dem Verfasser einer der beiden bis heute wichtigsten Adenauer-Biografien.