Welt 22.12.2025
06:34 Uhr

„Als Mutter würde ich niemals in den Einsatz gehen“


Kann Deutschland es sich erlauben, die Frauen bei der Wehrpflicht außen vor zu lassen? Und ist die Bundeswehr überhaupt bereit für mehr Frauen? Eine junge Soldatin spricht über Kriegstüchtigkeit, falsch verstandenen Feminismus und warum ihr klar wurde, dass ihre Zeit im Dienst begrenzt sein wird.

„Als Mutter würde ich niemals in den Einsatz gehen“

Sollten ebenso Frauen einbezogen werden bei der Frage, wie Deutschland seine Wehrfähigkeit erhöht? Mit den drastischen Veränderungen in der Sicherheitspolitik (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/plus694115645d051a3e3193a9a6/historischer-bruch-das-ende-der-westlichen-welt.html) , insbesondere dem Abwenden der USA von Europa, gewinnt diese Frage an Dringlichkeit. Doch braucht es dazu zwingend eine Wehrpflicht – und sollte diese dann auch für Frauen gelten? Kathrin John (29) arbeitet als Softwareentwicklerin bei der Bundeswehr, ist Soldatin auf Zeit und engagiert sich für den Verband der Soldaten der Bundeswehr e.V. WELT: Kommt es vor, dass Menschen Sie auf Ihren Beruf ansprechen? Kathrin John: Nein, da ich ganz normal im Amt arbeite und davon mehr als 60 Prozent im Homeoffice. Das heißt, ich fahre zivil ins Büro und ziehe mich dort um. Im alltäglichen Leben sieht mich also niemand Außenstehendes in Uniform. WELT: Haben Sie als Soldatin schon mal schlechte Erfahrungen gemacht? John: Ja, beim Dating. Da hatte ich manchmal den Eindruck, dass mein Gegenüber nicht damit klarkommt, dass ich Soldatin bin. WELT: Der Generalinspektor der Bundeswehr Carsten Breuer (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article69083384df9fa029228f1490/wehrdienst-entscheidend-ist-dass-der-gesamte-jahrgang-gemustert-wird-fordert-der-generalinspekteur.html) sagte, dass man im Hinblick auf die Wehrpflicht, die laut Grundgesetz derzeit allein auf die männliche Bevölkerung zielt, Gleichberechtigung herstellen sollte. Dazu bräuchte es jedoch auch eine gesellschaftliche Diskussion. Nehmen Sie diese wahr? John: Auf jeden Fall. Ich stelle fest, dass die jüngeren Generationen weniger Schranken im Kopf haben, also nicht besorgt oder ängstlich reagieren, sondern interessiert und aufgeschlossen. Das gilt auch für Frauen. Und ich sehe, wie manche Gruppen ihr Fähnchen schwingen, die argumentieren, warum man doch hier bitte keine Gleichberechtigung möchte. Das ist Rosinenpickerei, mit der ich nichts anfangen kann. Ich bin dafür, dass sich jeder verpflichtet. Dabei sollte es aber jedem selbst überlasen sein, ob er oder sie den militärischen Dienst wählt. WELT: Frauen und Wehrdienst – warum passt das für viele nicht zusammen? John: Ich glaube, dass sich manche tatsächlich wegducken wollen und Mainstream-taugliche Argumente vorbringen, von denen sie hoffen, dass jemand aufspringt. Im Grunde glaube ich, geht es nicht um eine Ablehnung der Bundeswehr. Ich glaube eher, dass es etwas damit zu tun hat, dass Soldat sein auch ein körperlicher Beruf ist. Überall wird auf eine Frauen-Quote gepocht, Frauen als CEO ja, aber auf Bohrinseln und bei der Stadtreinigung? Da sagen viele: Nein, danke. WELT Experten sagen, dass es statt eines neuen Wehrdienstes, den man einführen will, eine echte strukturelle Personalreform bräuchte. John: Die Hauptfrage, die sich stellt, ist: Wie viele Leute braucht man tatsächlich und wie erreicht man diese Zahl? Da gehen die Meinungen auseinander, was zeigt, dass es auch inhaltlich keine Klarheit gibt. Dazu muss man wissen: Der durch die Politik definierte Aufwuchs orientiert sich im Groben an den durch die Nato vorgegeben Bedarfen. (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus255624068/Bundeswehr-So-sieht-der-beste-Weg-zur-neuen-Wehrpflicht-aus.html) WELT: Und die Nato plant nicht in Zahlen, sondern in sogenannten Fähigkeiten. Diese beschreiben, was geleistet werden muss aber nicht, wie es konkret umgesetzt wird. John: Richtig. Man kann also davon ausgehen: Die tatsächlich erforderlichen Zahlen weichen erheblich von dem ab, was derzeit politisch artikuliert wird. Das ist ein Grund, warum der Verband der Soldaten der Bundeswehr e. V., für den ich spreche, etwa für die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht ist. Das heißt, jeder leistet für einen festgelegten Zeitraum einen Dienst, der der Gemeinschaft zugutekommt. Er muss jedoch nicht militärisch sein, sondern dient mitunter zivilen oder sozialen Zwecken. Wenn jeder etwas machen muss, denke ich, werden sich am Ende mehr Leute doch für den militärischen Weg entscheiden. Jeder sollte einen Beitrag leisten. WELT: Ein Argument der Gegner lautet, Dienst in der Truppe sei mit Mutterschaft nur schwer vereinbar. Wie sehen Sie das? John: Es gibt bei der Bundeswehr eine Vorschrift, sie lautet „Vereinbarkeit von Familie und Dienst“. Da ist alles genau aufgeschlüsselt, welche Möglichkeiten man hat. Man kann als Soldat oder Soldatin Familie leben. Niemand verlangt von einem, dass man mit Babybauch durch den Schlamm robbt. Es ist sogar definitiv verboten. Dass viele Frauen die Möglichkeiten, in der Bundeswehr Karriere zu machen, nicht nutzen, hat mitunter andere Gründe, denke ich. Die Mehrheit der Paare lebt ein eher klassisches Familienbild, bei dem der Fokus auf der Karriere des Mannes liegt. WELT: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? John: Nicht bei der Bundeswehr. WELT: Wieso das nicht? John: Ich habe da für mich persönlich eine vielleicht altmodische Ansicht. Als Mutter würde ich niemals in den Einsatz gehen. Die Familie steht an erster Stelle, der Rest kommt dahinter. Deshalb habe ich spätestens dann die Uniform auszuziehen, da ich die Werte, die ich mit dem Soldatinnensein verbinde, sonst für mich nicht mehr vertreten kann. Ich bin auch nur Soldat auf Zeit, also kein Berufssoldat und meine Dienstzeit endet 2029. Das ist aber meine persönliche Meinung. Ich kenne viele, die damit anders umgehen. Die Bundeswehr bietet viele Möglichkeiten, die man nutzen kann. WELT: Gibt es etwas, das Sie an der aktuellen Debatte stört? John: Dass es einzig um die Frage geht, wer im Falle X, von dem wir nicht wissen, wie er genau aussieht, in der ersten Reihe stehen soll. Vielmehr sollte uns klar werden: Es gibt eine neue Weltlage, die dazu führen kann, dass wir unser Land verteidigen müssen. Und da sollte sich jeder fragen, was kann mein Part sein? Ich halte es für legitim, wenn wir jüngere Menschen im Besonderen in die Pflicht nehmen. Es gibt so viele, die nach der Schule erst einmal „Work & Travel“ machen oder nur chillen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus68c852b9bc538c447095db37/Wehrdienst-Deutsche-Generation-Z-kann-sich-gar-nicht-mehr-mit-ihrem-Land-identifizieren.html) , vielleicht etwas jobben, weil sie nicht wissen, was sie machen wollen. Was spricht dagegen, ein Jahr Dienst für die Gesellschaft zu leisten? Wir sprechen über Menschen, die 18, 19, vielleicht 20 Jahre alt sind. Die meisten denken zu diesem Zeitpunkt nicht an Familiengründung. WELT: Ein weiteres Argument, das Gegner der Wehrpflicht für Frauen anführen, ist, dass sie vulnerabler seien. Etwa aufgrund von Vergewaltigungen, die auch systematisch als Kriegswaffe eingesetzt werden. John: Als Soldatin lerne ich, mich zu verteidigen. Ich bin also in einer besseren Position, wenn ich einer solchen Situation ausgesetzt sein sollte. Bei diesem Argument schwingt für mich mit, dass Frauen als potenzielle Opfer gelten und beschützt werden müssen. Wir sollten heute ein ganzes Stück weiter sein. (verlinkt auf https://www.welt.de/debatte/kommentare/article251948618/Wehrdienst-Debatte-Frauen-an-die-Front.html) Zumal Kriegsführung ja zunehmend technisch, ja virtuell ist. Da geht es um Aufklärung und Überwachung, Ortung, Schutz von Infrastruktur oder die Bedienung von ferngesteuerten Waffensystemen. Ich bin im Amt für Heeresentwicklung als Teamleiterin eines Softwareentwicklerteams tätig. Da ich dieselbe Ausbildung habe, wie andere in meiner Laufbahn, kann ich, wenn ich anderswo gebraucht werde, auch entsprechend anders eingesetzt werden. WELT: Was ist mit körperlichen Unterschieden, sind sie relevant? Bei Märschen wiegt eine Ausrichtung gern mal zwischen 30 und 40 Kilo. John: Natürlich gibt es Unterschiede, aber auch unterschiedliche Tätigkeiten und Einsatzbereiche. Nicht jeder Mann ist zwei Meter groß, breit und trägt sein Gepäck, als wäre es nichts und ist auch in allen anderen Bereichen universell einsetzbar. Jeder, unabhängig vom Geschlecht, sollte eine Grundfitness und Robustheit mitbringen. Je nach Tätigkeit wird darauf aufgebaut. Ich bin sozusagen ein Bürokrieger, stark an der Tastatur und treibe etwa zwölf Stunden Sport pro Woche, Teile davon im Dienst. Ich trainiere für einen Ironman. Aber dennoch weiß ich nicht, ob ich mit einem 40 Kilogramm schweren Gepäck gut klarkäme. Bei meiner Tätigkeit muss ich keine schwere Ausrüstung tragen. Das sieht bei anderen beispielsweise in der richtigen Truppe ganz anders aus. WELT: Eine Umfrage unter Soldatinnen ergab, dass nur 36 Prozent zwischen 16 bis 29 Jahren finden, dass die Bundeswehr ein attraktiver Arbeitgeber ist. Ist die Bundeswehr überhaupt bereit für ein Mehr an Frauen? John: Ich bin in meinem Bereich sehr zufrieden, aber ich bin auch nicht in der richtigen Truppe. Es gibt Möglichkeiten der Mitbestimmung, aber auch die muss man kennen und nutzen. Ich sehe schon, dass es bei der Bundeswehr immer noch in erster Linie die Männer sind, die Karriere machen. Die Möglichkeiten für Frauen sind aber da. Führen und Karriere machen, muss man wollen. Das ist eine Einstellungssache und nicht jeder ist als Führungsperson charakterlich geeignet. Das ist zunächst einmal unabhängig vom Geschlecht. WELT: Gibt es etwas, das Sie bei der Bundeswehr kritisieren? John: Dass man sich mit bürokratischen Dingen aufhält. Es wurde etwa sehr viel Aufwand betrieben, um Vorschriften durchzugendern (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus250858116/Soldatinnen-in-der-Bundeswehr-Anstrengend-als-Frau-gesondert-herausgestellt-zu-werden.html) oder die unzähligen jährlichen Belehrungen. Da wären andere Sachen dringender, finde ich. WELT: Was zum Beispiel? John: Das Sicherstellen der Kriegstüchtigkeit. Es geht darum, einen Verteidigungskrieg zu führen oder einen Angriff abwehren zu können (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus256249022/wehrbeauftragter-otte-geht-darum-unser-land-zu-schuetzen-bundeswehr-verteidigt-auch-jene-die-gegen-sie-sind.html) . Das erfordert eine personelle, materielle und eine infrastrukturelle Stärkung der Bundeswehr. Das betrifft Ausbildung, Ausrüstung, Unterbringungen etc. Da ist nicht entscheidend, ob ich jedes Jahr artig meine Datenschutzbelehrung und die anderen 20 Belehrungen gemacht habe. Oder ob eine Vorschrift jetzt genderkonform ist, sich aber umständlich liest. WELT: Unsere Gesellschaft altert. Überall tun sich Löcher an systemrelevanten Stellen auf, weil Personal für Rettungsdienstliche, pflegerische und Kinder betreuende Aufgaben fehlt. Was bedeutet das für die Bundeswehr von morgen? John: Dass sie hier eine viel stärkere Rolle einnehmen könnte. Und dass wir es uns angesichts dieser Perspektive gar nicht leisten können, die Frauen außen vorzulassen. Noch einmal: Es muss nicht unbedingt der Soldatenberuf sein. Es geht darum, dass wir als Gesellschaft insgesamt widerstandsfähiger werden. (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus256358500/modernisierung-des-wehrdiensts-so-sieht-pistorius-plan-aus-um-junge-menschen-zur-bundeswehr-zu-locken.html) Ich denke, das gelingt, wenn wir keine Gleichmacherei betreiben, sondern Vielfalt stärken. Ich sage das bewusst, weil ich erlebe, dass Gleichstellung teilweise mit Gleichmacherei verwechselt wird – und das schwächt am Ende genau das, was wir eigentlich stärken wollen. Eine wie ich, die sagt, dass sie Familie an erste Stelle rückt, Mutter sein will und Karriere machen irgendwo weiter hinten platziert, muss sich in manchen Kreisen dafür ja schon rechtfertigen. Gemeinsam stark werden wir nicht, indem wir Menschen in Rollen pressen, sondern Verantwortung für die Gesellschaft als gemeinsame Aufgabe begreifen. Eva Eusterhus (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/eva-eusterhus/) berichtet seit 2006 für WELT und WELT AM SONNTAG aus Hamburg (verlinkt auf https://www.welt.de/regionales/hamburg/) .