Welt 07.09.2026
05:23 Uhr

„AfD ist zu einer Partei der Hoffnung geworden“ – de Maizière überrascht mit Eingeständnis


Bei „Caren Miosga“ ging es um die politische Zeitenwende in Sachsen-Anhalt. Zwischen AfD-Hoffnung, CDU-Krise und der Warnung vor einer „Machtübernahme auf Samtpfoten“ wurde deutlich, wie schwer die etablierten Parteien den neuen politischen Realitäten begegnen.

„AfD ist zu einer Partei der Hoffnung geworden“ – de Maizière überrascht mit Eingeständnis

Am Sonntag hat Sachsen-Anhalt gewählt (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a9555d4ec27d32fb526a8ea/wahl-in-sachsen-anhalt-im-notfall-wird-es-halt-neuwahlen-geben-siegmund-bezeichnet-bsw-angebot-als-gewurschtel-liveticker.html) und ganz Deutschland blickte gespannt auf das Ergebnis. Über die Folgen der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt diskutierte Caren Miosga in ihrer Sendung mit dem langjährigen Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), dem AfD-Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla, dem ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article694fe59fba368aa0126a480b/nichts-funktioniert-mehr-zeit-chef-di-lorenzo-sieht-schwerste-krise-seit-kriegsende-setzt-aber-auf-zuversicht.html) , der Journalistin Vera Wolfskämpf vom RedaktionsNetzwerk Deutschland sowie dem Politikwissenschaftler Christian Stecker aus Halle. Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit großem Abstand gewonnen: laut vorläufigem Endergebnis mit 43,8 Prozent. Das war zum Zeitpunkt der Sendungs-Aufzeichnung bereits absehbar. Für Thomas de Maizière (CDU) ist das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt „ein tiefer Einschnitt“. Der mehrfach ehemalige Bundesminister stellt sich auf eine totale Veränderung des Gemeinschaftsföderalismus ein, bei der die demokratischen Auseinandersetzungen ungemütlicher werden. Thomas de Maizière geht bei Miosga fest von einer AfD-Regierungsbeteiligung aus, und sagt: „Ich sage das ungern: Die AfD ist zu einer Partei der Hoffnung geworden.“ Für „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo sei der Erfolg rechter Bewegungen kein Schicksal. Viele Ursachen dafür seien hausgemacht. Er warnt, dass, wenn diese Ursachen weiter ignoriert werden, Sachsen-Anhalt zum Modell für andere Bundesländer werden könne. Der Politologe Christian Stecker ist überrascht, dass die AfD so stark geworden ist, und prognostiziert: „Es zeichnet sich für das Bundesland Sachsen-Anhalt eine politische Zeitenwende ab“ und vielleicht auch „eine Zeitenwende für andere Bundesländer.“ „Wir werden allen anderen Parteien die Hand strecken“ In die Sendung wird der AfD-Bundesvorsitzende Tino Chrupalla zugeschaltet. Miosga will von ihm wissen, ob die AfD trotz verfehlter Alleinmehrheit die Regierung übernehmen will, und zitiert Ulrich Siegmund: „Alles oder nichts, nur allein regieren, satte Mehrheit, oder ich mache das nicht.“ „Ja, absolut. Es ist ein ganz klarer Wählerauftrag“, sagt Chrupalla. „Wir werden allen anderen Parteien die Hand strecken. (…) Die Brandmauer ist abgewählt worden.“ Er weist den Vorwurf der Wählertäuschung zurück und argumentiert, dass Siegmund weiterhin für einen klaren politischen Kurs stehe. Zugleich macht Chrupalla aus dem Wahlergebnis einen Appell an die anderen Parteien: Sie sollen sich einer AfD-geführten „bürgerlich-konservativen Mehrheit“ anschließen. „Auf wen wollen Sie denn jetzt gezielt zugehen, wem bieten Sie jetzt zuerst Gespräche an?“, fragt Miosga. Er kündigt Gespräche mit allen Parteien an und feiert den CDU-Absturz als Erfolg gegen Merz: „Die groß angekündigten Dinge, die Friedrich Merz ja auch hier versprochen hat und auch angekündigt hat, er wollte uns als AfD halbieren, am Ende haben wir das als Motivation gesehen und haben die CDU halbiert.“ Chrupalla kündigt eine politische „Welle“ der AfD Richtung Berlin an und mahnt: „Die CDU muss heute wissen, ob sie mit diesem Kanzler weitermachen will oder ob neue Personen in den Vordergrund treten.“ „Machtübernahme auf Samtpfoten“ Gibt es ein echtes, ein ehrliches Interesse am Zusammenarbeiten? Das fragt Miosga ihre Gäste in der Runde. Lorenzo bezweifelt, dass eine stabile Regierung ohne AfD überhaupt möglich ist, und hält eine CDU-Regierung mit Linken und BSW für „sehr unrealistisch“. De Maizière warnt vor einer „Machtübernahme auf Samtpfoten“. Er befürchtet eine AfD-Regierung, die sich schrittweise und taktisch etabliert, statt offen radikal aufzutreten. Die AfD spreche nun von Zusammenhalt, Kompromissen und schrittweisem Vorgehen und versuche damit, ihr bisheriges „Schmuddelbild“ und den Vorwurf des Rechtsextremismus abzuschütteln. „Es wird eher so sein, dass die Argumentation gegen die AfD noch schwieriger wird, weil sie das Feindbild, das sie bisher abgegeben haben, versuchen, abzustreiten.“ Das mache es für CDU und andere Parteien schwieriger, die AfD politisch zu bekämpfen. „Ulrich Sigmund hat sich einen Popstarstatus erarbeitet“ Die Landeskorrespondentin in Sachsen-Anhalt des RedaktionsNetzwerk Deutschland, Vera Wolfskämpf, warnt aber davor, zu glauben, die AfD werde einfach nur moderat regieren. Die AfD könnte sich zwar gemäßigt geben, aber zugleich schrittweise zentrale Punkte ihres radikalen Wahlprogramms umsetzen – mit spürbaren Folgen für die Zivilgesellschaft. Wolfskämpf erklärt den AfD-Erfolg vor allem mit der Wechselstimmung nach 24 Jahren CDU, die bei vielen einen starken Wunsch nach Veränderung erzeugt. Zugleich hat sich Siegmund als Identifikationsfigur etabliert. „Ulrich Sigmund ist als ein charismatischer Mann in diesem Wahlkampf aufgetreten und hat sich einen Popstarstatus erarbeitet“, der das Bauchgefühl – „den Unmut, die Unzufriedenheit“ der Wähler – getroffen habe. Zudem hat er den Wählern eine positive Zukunftsvorstellung vermittelt: „Mit uns seid ihr Teil einer Bewegung, wir werden Geschichte schreiben.“ De Maizière geht darauf ein und argumentiert, dass die AfD durch eine positive, fröhliche Ansprache ihre eigentlich radikalen Inhalte weniger bedrohlich erscheinen lässt. „Die AfD hat sich zur Hoffnungspartei entwickelt, und das fröhlich. Und jemand, der fröhlich ist, der jagt keine Angst ein“, während die anderen Parteien zu „griesgrämig“ und angstgetrieben auftreten. Zum Schluss der Sendung verkündete Miosga noch, dass Ulrich Siegmund mit Neuwahlen rechnet, sollte es ihm nicht gelingen, eine Regierung zu bilden. „So schnell kommt es nicht zu Neuwahlen“, antwortet de Maizière und fügt hinzu: „Das nutzt er als Drohung, natürlich, um die anderen noch mal richtig vorzuführen.“