Welt 28.01.2026
21:32 Uhr

18 Freunde sollt ihr sein – wie Deutschlands Kaderbreite zum Trumpf bei der Handball-EM wird


Deutschland bezwingt mit einer starken Leistung Frankreich und zieht ins Halbfinale der Handball-EM ein. Dabei zahlt sich für Bundestrainer Alfred Gislason auch die Breite im Kader aus. Sie lässt Wechsel ohne Substanzverlust zu.

18 Freunde sollt ihr sein – wie Deutschlands Kaderbreite zum Trumpf bei der Handball-EM wird

Es war ein ziemlich riskanter Poker, den Alfred Gislason in der Jyske Bank Boxen von Herning spielte: Weltklassetorwart Andreas Wolff nur auf der Bank, die beiden etatmäßigen Außen Lukas Mertens und Lukas Zerbe nicht einmal im Kader. Nicht wenige wähnten (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/handball/article69786410fe9fcdf90e7cab1a/handball-em-2026-ueberragender-wolff-auf-der-bank-harte-kritik-am-bundestrainer.html) darin ein Zeichen an den Gegner, aber auch an die eigene Mannschaft – getreu dem Motto: Gegen die Überflieger aus Dänemark haben wir ohnehin kaum eine Chance, lieber Kräfte schonen für die wirklich wegweisende Partie. Keine 44 Stunden nach dem 26:31 (12:13) gegen den Gastgeber der Handball-Europameisterschaft durfte sich der Bundestrainer in seinen Personalrochaden bestätigt fühlen. Den zweiten Matchball (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/handball/article697a25c355dd99352277adec/handball-em-einzug-ins-halbfinale-deutschland-entzaubert-titelverteidiger-frankreich.html) nutzte die deutsche Auswahl, bezwang am Mittwochabend Titelverteidiger Frankreich mit 38:34 (19:15) und hat nun die Teilnahme am Halbfinale der kontinentalen Titelkämpfe sicher. Das war zuvor das Ziel des Deutschen Handballbundes. Entsprechend zufrieden gab sich der wichtigste Angestellte hinterher: „Ich bin sehr froh und erleichtert, dass wir das geschafft haben“, sagte Gislason nach der Partie. „Eine Riesenleistung der Mannschaft. Die Mannschaft ist in diesen Wochen sehr gewachsen. Die Breite ist ohne Frage deutlich größer als sie vor einem Jahr war. Jeder hat seinen Platz gefunden und bringt seine Leistung. Alle haben heute ein gutes Spiel gemacht.“ Ein Erfolg, der neben besagtem Zocken in der Tat auch in der vom Bundestrainer angesprochenen Kaderbreite der deutschen Mannschaft zu dokumentieren ist. 18 Spieler sind am 13. Januar nach Dänemark aufgebrochen, und auch wenn nur jeweils 16 pro Partie eingesetzt werden dürfen, kamen bislang alle Profis zu ihren Spielminuten. Bei Begegnungen im Zwei-Tages-Rhythmus ist dies mehr als wichtig, was sich auch am medizinischen Bulletin aus dem Tross der Deutschen ablesen lässt: Bis auf ein paar kleinere Blessuren ist das Team um Kapitän Johannes Golla verletzungsfrei durch das Turnier gekommen. „Wichtige Alternativen“ Mehr noch: Einige der EM-Debütanten konnten die große internationale Bühne nutzen und sind inzwischen veritable Alternativen auf hohem Niveau geworden: Tom Kiesler, der am Mittwoch mit einer Magen-Darm-Grippe passen musste, etablierte sich ansonsten in den sechs vorherigen Partien der Titelkämpfe als zweiter Abwehrchef neben dem gesetzten Golla. Auch ein anderer EM-Neuling setzte immer wieder wichtige Akzente, wenn er auf die Platte kam: Miro Schluroff beeindruckte die Gegner mit seiner Wurfkraft aus dem Rückraum. Mit 134,28 km/h führt er die Rangliste der härtesten Würfe (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/handball/article6970b3b1707d4aa20757bbf7/deutscher-hoffnungstraeger-der-mann-mit-den-134-km-h-im-arm-niemand-wirft-bei-der-handball-em-haerter-als-miro-schluroff.html) bei den kontinentalen Titelkämpfen an und ist zudem ein wichtiger Joker für die beiden Positionen im linken und rechten Rückraum geworden. „Mit den beiden haben wir wichtige Alternativen“, meinte Gislason über das Duo vom VfL Gummersbach. Und Schluroff kündigte nach dem Coup über Frankreich gar euphorisch an: „Möglich ist alles. Jetzt sind wir im Halbfinale, und wir wollen Europameister werden. Ich glaube, mehr muss man nicht sagen.“ Auch andere Spieler aus der zweiten Reihe des breit besetzten Kaders etablierten sich im hohen Norden als wichtige Alternativen im Ensemble des Bundestrainers. Nils Lichtlein vom deutschen Meister Füchse Berlin lenkte als Mittelmann oft klug das Spiel der Deutschen und war auch daher extrem wichtig, weil sich der Star auf der Position lange auf fortgesetzter Formsuche befand: Juri Knorr. Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, (verlinkt auf https://open.spotify.com/show/7CX3rSNRL11YEnW7IzkWIS?si=82f337b82c6b4e32&nd=1&dlsi=56417d9ce6fc406c) Apple Podcasts (verlinkt auf https://podcasts.apple.com/de/podcast/weltmeister/id1852960967) oder direkt per RSS-Feed. (verlinkt auf https://weltmeister.podigee.io/feed/mp3) Gegen Frankreich aber zeigte der Mittelmann mit zehn Toren endlich sein riesiges Potenzial und wurde hinterher folgerichtig zum „Man of the Match“ gewählt. „Phänomenal“, beschrieb Gislason Knorrs Leistung. „Das war das beste Länderspiel, das ich je von ihm gesehen habe.“ Dass Lichtlein zuvor Knorr nahtlos ohne Leistungseinbußen ersetzen konnte, ist ein weiterer Beleg für die Stärke als auch die Breite des deutschen EM-Kaders. Wechsel ohne wesentlichen Substanzverlust sind auch zwischen den beiden Kreisläufern Golla und Justus Fischer möglich. Der U21-Weltmeister von 2023 hat einen riesigen Sprung gemacht und ist sowohl in der Abwehr als auch im Angriff eine entlastende Alternative für Golla geworden. Mit 105 Kilogramm Körpergewicht ist er zwar nicht ganz in den Regionen des Kapitäns unterwegs, der es auf 112 Kilogramm bringt. Aber Fischer ist genauso ein Hüne – und damit bestens prädestiniert für eine Anführerrolle. Mit einem breiten Kader und einer ebenso breiten Brust geht es nun am Freitag (17.45 Uhr, ARD/Dyn und im WELT-Liveticker) (verlinkt auf https://sportdaten.welt.de/handball/ehf-em/ma11139771/deutschland_kroatien/liveticker/) in die achte Partie binnen 16 Tagen. Dort wartet dann der WM-Zweite von 2025: Kroatien. „Wir haben die sogenannte Todesgruppe überstanden, um jetzt gegen den Vizeweltmeister spielen zu dürfen“, sagte Torhüter Andreas Wolff. „Eine Mannschaft, die uns in den letzten Jahren immer wieder Probleme bereitet hat. Die Kroaten sind eine Mannschaft, die von den Emotionen lebt und insbesondere in Turnieren immer wieder über sich hinauswächst. Sie werden mit physischer Dominanz antreten.“ Dass man die beiden Testspiele unmittelbar vor dem EM-Start habe gewinnen können, sei bei der Neuauflage nicht mehr ausschlaggebend. Die beiden Partien endeten 32:29 und 33:27 für Wolff und Co. Trainer der Kroaten ist ein für die deutschen Handballer alter Bekannter: Dagur Sigurdsson. Der Isländer hat die Mannschaft trotz des internationalen Rücktritts von Kiels Domagoj Duvnjak nach der WM 2025 wieder dauerhaft in der Weltspitze etabliert. Mit 8:2 Zählern qualifizierten sich die Kroaten als Erster der Hauptrundengruppe II für das Halbfinale, das in Herning stattfindet. Und auch Deutschland hat gute Erinnerungen an den Coach. Unter Sigurdsson gewann die Mannschaft bei der Europameisterschaft vor zehn Jahren in Polen sensationell Gold. Die selbst ernannten „Bad Boys“ gingen damals in die Geschichte der Sportart ein. Zugleich ist der Triumph von 2016 der bis dato letzte Titelgewinn für die deutschen Handballer gewesen. Mit Keeper Andi Wolff, Kreisläufer Jannik Kohlbacher und Linksaußen Rune Dahmke sind noch drei Spieler des damaligen Triumphs bei der aktuellen Europameisterschaft im deutschen Kader.