Das Szenario:
Gefangen in Grimms Märchen. Die kleine Eliza hört auf dem alten Walkman der Mutter unentwegt »Der Wolf und die sieben jungen Geißlein« – und verarbeitet auf diese Weise ein schweres Trauma. Die Leiche des Stiefvaters wurde aus einem benachbarten Gewässer gezogen, die Mutter ist spurlos verschwunden. Der Einzige, der in die Fantasiewelt der Neunjährigen vordringen kann, ist Kommissar Berg (Hans-Jochen Wagner). Der ist eigentlich suspendiert, da noch immer die Ereignisse rund um den Tod des Bruders und des Vaters aufgearbeitet werden, von dem im letzten Schwarzwald-»Tatort« erzählt wurde. Doch Kollegin Tobler (Eva Löbau) will Berg unbedingt bei den Untersuchungen dabeihaben, da wohl nur er die Antwort auf die zentrale Frage bekommt: »Wer ist der Wolf für Eliza?«
Der Clou:
Daheim im Horror. Das Publikum wird hier ordentlich durchgeschüttelt, weil es das Geschehen immer wieder aus der mit Grimmschen Motiven aufgeladenen, verzerrten Perspektive der kleinen Zeugin sieht. Regisseur Rudi Gaul, der zuletzt den hochkomplexen Rechtsextremismus-Fall aus Stuttgart verantwortete, lässt den Fall (Buch: Ulrike Schölles) bis zum Schluss verstörende Wendungen nehmen. Doch im Gegensatz zum dick aufgetragenen Effektgewitter des Dresden-»Tatort« vom Neujahr, der ebenfalls vom Horror im Kopf eines Mädchens handelte, geht es hier leiser und trickreicher zur Ursache des Grauens. Die visuelle Raffinesse trägt leicht über ein paar kriminaltechnische Ungereimtheiten hinweg.
»Tatort«-Szene: Gemälde in Schneeweiß und Frostgrau
Foto: Benoît Linder / SWRDas Bild:
Schwestern im Geiste. Einmal nehmen die von der kleinen Heldin imaginierten »Geißlein«-Geschwister vor dem Haus Aufstellung – ein Gemälde in Schneeweiß und Frostgrau. Immer wieder tauchen die untoten Geschöpfe in der Handlung auf, gucken hinter Geländern hervor und stehen plötzlich vor Fenstern. Das weckt Erinnerungen an die unheimlichsten Kindergespenster im Kino von »Shining« bis »The Others«.
Der Auftritt:
Hanna Heckt als Eliza. Still, ernst und mit großen Augen, denen man alles glaubt, nimmt uns die aus dem deutschen Oscarkandidaten »In die Sonne schauen« bekannte Darstellerin mit in die unheimliche Welt der jungen Heldin.
Der Song:
»Girls Just Want to Have Fun« von Cyndi Lauper . Ganz kurz nur wird dieser Achtziger-Hit angespielt, und doch hallt er tief in die Handlung nach. Eliza erinnert sich, wie die verschollene Mutter einst zu dem Song rumgealbert hat. Wie heißt es darin einmal unerwartet nachdenklich: »Oh, mama dear, we’re not the fortunate ones.«
Die Bewertung:
9 von 10 Punkten. Fast formvollendet: ein grausames, psychologische Drama im Gewand einer Schauermär.
»Tatort: Das jüngste Geißlein«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste
Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hatten wir das Drehbuch falsch zugeordnet. Es stammt von Ulrike Schölles. Wir haben den Fehler korrigiert.
