Das Szenario:
Baumumarmen versus Einbunkern. Bonard (Corinna Harfouch) und Karow (Mark Waschke) ermitteln zu dem Mord an einem Obdachlosen, der am Waldrand mit Bisswunden gefunden wird, die von einem Wolf stammen könnten. Die Kommissarin schließt sich im Verlauf der Untersuchungen einer Survivalkünstlerin an, mit der sie im nassen Laub schläft und Wasser aus Tümpeln trinkt. Ihr Kollege steigt mit einem verdächtigen Schnösel ins Bett, der sich unter einer Luxusimmobilie in Berlin-Mitte einen Safe Space hat betonieren lassen, in welchem er die Apokalypse überleben will, die angeblich kurz bevorsteht. Man weiß nicht, um wen man sich mehr sorgen soll – um die zivilisationsmüde Bonard oder um den streichelbedürftigen Karow.
Der Clou:
Wer ist hier der Wolf? Das mögliche Mördertier sieht man nur einmal freundlich durchs Gehölz streunen. Das in die Untersuchungen gedroppte Thomas-Hobbes-Zitat »Der Mensch ist des Menschen Wolf« ist gar nicht nötig, um zu erkennen, dass der Darwinismus der Natur nichts ist gegen den Darwinismus, den der Mensch praktiziert. Bizarr, wie hier in einem edlen Neubau unweit des Prenzlauer Bergs das Prinzip »Survival of the richest« praktiziert wird.
»Tatort«-Szene: Wohlige Schauer im Bunker
Foto: Conny Klein / rbbDas Bild:
Im Prepper-Liebesnest. Der Schnösel, mit dem Karow einen One-Night-Stand hat, entpuppt sich als Erbe einer Panzerstahlfabrik, der sich auf das Ende der Zivilisation vorbereitet. Seinen Bunker hat er sich offenbar aus Material des eigenen Unternehmens fertigen lassen. Zwischen erlesenem Rotwein, Kräuterbeeten und Hightech-Fitnessgeräten wird mit wohligem Schauer über das Überleben nach der Katastrophe philosophiert: »Was ist, wenn die Bedrohung nicht von außen kommt, sondern von dem, der über dir liegt«, sagt Karow, während er nackt über seinen Sexpartner rutscht und ihn zärtlich würgt.
Der Auftritt:
Corinna Harfouch als vom Job zermürbte Kommissarin Susanne Bonard. Erst vor knapp vier Jahren ist Harfouch in den Berlin-»Tatort« eingestiegen. Bonard gab eine bequeme Dozentur an der Polizeiakademie auf, um wieder an der harten Hauptstadtfront zu ermitteln. Offenbar war der Plan, vor diesem Setting die ganz großen politischen Themen zu verhandeln. Es ging um rechtsextreme Verschwörungen und Staatsversagen bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr . Das Potenzial wurde nie ganz ausgeschöpft. Jetzt liefert Harfouch eine nachdenkliche und würdevolle Abschiedsvorstellung. Ihr Spielpartner Waschke bleibt dem »Tatort« erhalten.
Der Song:
»Der alte Wolf« von Hildegard Knef . Läuft in einer Szene im Autoradio. Eigentlich wird in dem heiter-fatalistischen Chanson die triebhafte Konditionierung beschrieben, aus der Männer sich angeblich nicht befreien können. Die Liedzeilen passen aber auch ganz gut zu der melancholischen Weltsicht der alten Kripo-Wölfin Bonard: »Der alte Wolf wird langsam grau / Er kennt die Schliche, die man braucht, schon sehr genau / Der alte Wolf heult nur noch Moll / Er hat von hier und da und dort die Schnauze voll.«
Die Bewertung:
7 von 10 Punkten. Kinky Sex im Bunker und Wolfsgeheul in Moll: Über mangelnde Stimulanz kann man sich bei diesem »Tatort« nicht beklagen.
Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick
