SpOn 28.11.2025
13:17 Uhr

»Tatort« aus Frankfurt: »Licht« mit Melika Foroutan


Nach dem besonders düsteren Start wird es im neu aufgestellten Main-»Tatort« nun besonders hell. Doch Achtung: Auch das Licht kann den Tod bedeuten. Dieser Krimi ist großes, forderndes Schauspielerinnenkino.

»Tatort« aus Frankfurt: »Licht« mit Melika Foroutan

Der Winter scheint noch gar nicht ganz vorbei zu sein, die Bäume sind weitgehend kahl. Aber gelegentlich sieht man in diesem »Tatort« schon weiße Blüten an den Bäumen, was so wirkt, als würden sie vom stärker werdenden Licht gegen ihren Willen aus dem Holz in die noch kalte Luft gezogen. Und dann hört man in einer Szene, wenn man sich konzentriert, kurz Nina Simone ihre von jedem Überschwang befreite Version von »Here Comes The Sun«  hauchen.

Hier kommt die Sonne. Zumindest bemüht sie sich.

Dieser im sehr frühen Frühjahr gedrehte »Tatort« ist die Fortsetzung zu der im sehr späten Herbst entstandenen Auftaktfolge des neuen Frankfurter Teams. Die trug den Titel »Dunkelheit«, die neue Folge wurde »Licht« getauft.

»Tatort«-Szene: Hoffen und trauern

»Tatort«-Szene: Hoffen und trauern

Foto: HR

Wird jetzt alles gut? Beim ersten Fall war das Cold-Case-Ermittlungsduo Maryam Azadi (Melika Foroutan) und Hamza Kulina (Edin Hasanović) damit beschäftigt, Angehörigen von vermissten Personen traurige Gewissheiten zu überbringen. Der zweite Fall wird über 90 Minuten geschickt offen gehalten. Man braucht einen langen Atem und ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz, um diesen Krimi durchzustehen.

Licht kann auch gefährlich sein

Allein wie hier immer wieder das verheißungsvolle filmische Grundmotiv des Lichts gebrochen wird: Seit sechs Jahren sucht eine Mutter (Maren Eggert) nach ihrer vermissten Tochter. Bislang gingen die Ermittlungsbehörden von einem erweiterten Suizid durch den Vater aus, auch von ihm fehlte bislang jede Spur. Doch dann ist da diese Fährte zu einer Sekte, die sich »Licht der Welt« nennt. Die Anhänger verzichten weitgehend auf Nahrung und stellen sich zwischen Spiegeln unter den Himmel, weil sie sich von allen weltlichen Einflüssen reinigen wollen und dem Irrglauben anhängen, allein durch die Sonneneinwirkung bestehen zu können. Licht kann also auch Tod bedeuten.

Sektenthriller gleiten oft in plakativen Hokuspokus ab. Hier aber gibt es keine im Wahn verdrehten Augen, keine ekstatischen Tänze. Drehbuchautor Senad Halilbašić, der auch schon die Debütfolge der neuen Main-Truppe mitverfasst hat, gelingt es, in jeder Szene das menschliche Leid hinter dem bizarren Setting deutlich zu machen. Die Ängste, das Sehnen, die grausamen generationellen Verstrickungen hinter dem Sonnenkult.

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Denn auch Kinder waren unter den Kriegern des Lichts. Wenn sie aus dem zeremoniellen Zusammenleben ausscherten, wurden sie in einen sogenannten Mondraum gesperrt. Ein Mädchen, mit dem Aziadi und Kulina sprechen, sagt: »Da war das Dunkel.«

In der Hoffnung, in dieser Dunkelkammer eine Spur auf das vermisste Mädchen zu finden, durchstreifen die beiden mit Taschenlampen den unbeleuchteten Raum, die Lichtkegel legen Kinderzeichnungen an den Wänden frei. Dieser »Tatort« zeigt nie mehr als genug, er ist in seiner Bildgestaltung sehr ökonomisch (Kamera: Philipp Sichler). Regisseur Rick Ostermann hat zuvor unter anderem den außergewöhnlichen Mafia-Zweiteiler »Im Netz der Camorra« mit Tobias Moretti gedreht, wo er ohne großes Pasta- und Paten-Theater ein konstantes Gefühl der Bedrohung schuf. Hier gelingt es ihm, die Stimmung konstant in der Schwebe zu halten.

Eine große Zärtlichkeit schleicht sich in die Nacht

Die erste Folge litt noch ein wenig darunter, dass zu viel erklärt werden musste über das neue Team und ihre spezifische Arbeit an sogenannten Altfällen. Um die Bedeutung der Cold-Case-Arbeit zu erhöhen und seine Dringlichkeit darzustellen, ging es ausführlich um das Trauma des bosnischstämmigen Ermittlers Kulina, der seinen Bruder beim Genozid von Srebrinica verlor, der 1995 von Serben an muslimischen Bosniaken begangen wurde. In der aktuellen Folge kommen die Hintergrundinformationen über das Ermittlungsduo wie nebenbei in die Handlung. Etwa als wir erfahren, dass Azadi einen Sohn hat, mit dem sie nach einem besonders düsteren Ermittlungstag einen kurzen Telefon-Check auf Persisch macht. Auf einmal schleicht sich hier eine große Zärtlichkeit in die Nacht.

Es gibt derzeit wohl kein deutsches TV-Revier, in dem weniger geschwafelt und mehr verkörpert wird, als in dem Frankfurter. Auf diese Weise öffnet sich der Raum für erstaunlich widersprüchliche Empfindungen: Bis zum aufwühlenden Finale weiß man eigentlich nicht recht, ob dieser Film von Schmerz oder von Heilung erzählt. Das ist die hohe Kunst eines Cold-Case-Krimis: Trauer und Hoffnung liegen hier dicht beisammen.

Bewertung: 10 von 10 Punkten

»Tatort: Licht«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste