Der Anfang ist easy. Ein Clubbesitzer mit serbischen Wurzeln wurde in seiner Wohnung erschossen, offenbar hatte er zuvor Besuch von einer Prostituierten gehabt. Die hinterließ praktischerweise ein Kondom, auf dessen Packung der Schriftzug von dem Bordell steht, in dem sie anschaffte.
Der Kommissar jubiliert: »Jeder Puff sein Präse!« Fährt er hin, hat er gleich ’ne Zeugin, vielleicht sogar die Täterin. Dann ist aber auch schon Ende mit easy.
Lauter lose Enden
Denn der Dortmunder »Tatort« um den notorischen Menschenverschlinger Faber (Jörg Hartmann) ist ja, so sagt man im Fernsehjargon, in der Horizontalen erzählt. Das heißt, dass über die verschiedenen, oft Jahre auseinanderliegenden Folgen diverse Subplots weitergesponnen werden. Nun gibt es davon inzwischen so viele, dass man leicht durcheinander kommt. Beim aktuellen Fall hat man selbst als Faber-Ultra Probleme damit, alle in den aktuellen Mordfall flatternden Handlungsstränge geordnet zu bekommen.
Denn neben dem Clubbesitzertod geht es auch noch mal um den Mord am KTU-Leiter Haller; der fand zwei Folgen zuvor statt. Damals war auch Kommissar Faber in Verdacht geraten, weil er den Kriminaltechniker für den Tod der geliebten Kollegin Bönisch mitverantwortlich machte. Die war acht Folgen zuvor gestorben. Zudem ist auch Kommissarin Herzog (Stefanie Reinsperger) verdächtig, weil der KTU-Leiter möglicherweise etwas wusste von der Mutter der Kommissarin, die lange Zeit als RAF-Rentnerin im Untergrund lebte und vom Staatsschutz gesucht wurde. Darum war es sechs Folgen zuvor gegangen.
Das Grauen von Bosnien
Kommen Sie noch mit? Okay, dann jetzt noch einmal zwei Folgen zurück. Dort wurde auch der persönliche Hintergrund der neuen Dezernatsleiterin Ira Klasnić (Alessija Lause) aufgerollt. Klasnić stammt aus Bosnien und unterhält enge Verbindungen zu einem in Dortmund aktiven bosnischen Clan, den sie offenbar manchmal mit ermittlungstechnischen Details versorgt.
Und hier sind wir dann, puh, endlich beim eigentlichen Thema: Der Mord an dem serbischen Clubbesitzer ist offenbar Teil eines größeren Rachefeldzugs, der im Zusammenhang mit den Verbrechen steht, die serbische Streitkräfte im Bosnienkrieg vor allem an bosniakischen Frauen begangen haben. Es geht um systematische Vergewaltigungen, die zum Teil in dafür eingerichteten »Frauenräumen« begangen wurden. Insgesamt soll bis zu 50.000 Frauen sexuelle Gewalt angetan worden sein. Auch die Mutter von Kommissarin Klasnić war ein Opfer.
Kommissarin Klasnić (Alessija Lause) mit bosnischem Verbindungsmann: Sind bosnische Vergewaltigungsopfer inbegriffen im Gedenken?
Foto: Thomas Kost / WDRDie Kriegsgräuel im ehemaligen Jugoslawien waren in den vergangenen Monaten bereits in etlichen »Tatorten« behandelt worden. Etwa in dem aus Frankfurt (feinnervig) oder in dem aus Wien (grobschlächtig). Es setzt, so bitter das klingt, ein gewisser Gewöhnungseffekt bei dem Stoff ein.
Der große Schmerz
Im Fall des Dortmunder »Tatorts« (Buch: Jürgen Werner, Regie: Torsten C. Fischer) kommt hinzu, dass hier sowieso schon alles so aufgeladen ist mit persönlichen Gewalterfahrungen. Die Gräueltaten aus dem fernen Krieg im ehemaligen Jugoslawien können sich da in der Wahrnehmung des Publikums kaum gegen die gegenwärtigen Grausamkeiten durchsetzen, denen sich die Ermittlerinnen und Ermittler aussetzen. Man ist so sehr damit beschäftigt, deren persönliche Konflikte zu rekonstruieren, dass man kaum noch Energien hat, sich aus der Perspektive von Klasnić der Erinnerungsarbeit an die Massenvergewaltigungen auszusetzen.
Stattdessen fokussiert man unweigerlich auf die Kommissarindarstellerin Reinsperger, die sich mit diesem Fall aus dem Dortmunder TV-Revier und dem Dunstkreis des Kollegenfressers Faber verabschiedet. Der Kommissar verscheucht ja in regelmäßiger Folge Sidekicks und Mitstreiterinnen. So ein Abgang muss plausibel und dramatisch aufgebaut werden. Auch das zieht Aufmerksamkeit von den aus dem Bosnienkrieg resultierenden Traumata ab.
Diese »Tatort«-Folge trägt den Titel »Schmerz«. Am Ende, so viel darf verraten werden, sitzen Kommissar Faber und Kollegin Herzog in der Kirche und gedenken der Toten. Sind bosniakische Vergewaltigungsopfer inbegriffen in diesem Gedenken? Das lässt sich bei diesem über Strecken fahrigen »Tatort« nicht eindeutig sagen.
Bewertung: 6 von 10 Punkten
»Tatort: Schmerz«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste
Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick
