Die einen sind in ihrer Zuneigung verschwenderisch, die anderen geizen damit, bis sie in ihrer Einsamkeit dahingerafft werden. Ein drittes und letztes Mal steht Kommissar Henry Koitzsch (Peter Kurth) in Wohnungen alleinstehender Mordopfer, in denen die Traurigkeit geradezu von den alten grünstichigen Tapeten tropft. Da steht er dann und versenkt sich in das Alleinsein der anderen, das sich für ihn vielleicht auch ein wenig wie sein eigenes Alleinsein anfühlt. Später, zu Hause, belohnt er sich mit zwei, drei oder vier Glas Whisky.
Wie herrlich, dass es in dieser geballten Einsamkeit dieses dritten und letzten »Polizeirufs« aus Halle (an der Saale) Momente von fast obsessiver Geselligkeit gibt. Sie gehen zurück auf einen weiblichen Charakter, der von den Ermittlern nur »Frau Sommer« genannt wird. Die säuselt sich hier zwischen Morddezernat und Selbsthilfegruppe hin und her und wird von der großartigen Cordelia Wege verkörpert, die auch schon in die erste Folge des Halle-»Polizeiruf« manische Lebens- und Überlebenslust brachte. Wie Marilyn Monroe spielt sie Ukulele.
Schauspielerin Wege (r.) als Frau Sommer: »Bindungssüchtig«, aber gut drauf
Foto: Felix Abraham / MDRIn der neuen Folge sitzt Frau Sommer in einem Stuhlkreis und bekennt sich mit einem Lächeln zu einer Störung, von der man so nur selten hört: Sie sei »bindungssüchtig«. Eine Zeit lang habe sie vier Freunde gehabt und etliche Geliebte dazu; sechs oder sieben Handys habe sie gebraucht, um das Liebeskonstrukt am Laufen zu halten.
Tod in der Badewanne
Aber wer so viele Lover hat, stirbt wenigstens nicht allein. Also nicht so allein wie die Rentnerin, die wohl über lange Zeit von einem Eindringling beobachtet wurde, bevor dieser sie schließlich in der Badewanne tötete. Die Spur führt Kommissar Koitzsch und seinen Kollegen Lehmann (Peter Schneider) ein weiteres Mal tief in die DDR-Vergangenheit zurück – Jugendheime, Staatssicherheit, Repression bis in die kleinsten sozialen Zellen, das volle Programm.
Die bisher drei Folgen um das TV-Revier in Halle wurden von dem Schriftsteller Clemens Meyer geschrieben, dem vielleicht wütendsten und zärtlichsten Chronisten der Wendejahre , der vor allem immer wieder die Verlierer und Traumatisierten des Zeitenumbruchs ins Visier genommen hat. Sein jüngster Roman, »Die Projektoren«, wurde vom SPIEGEL zu einem der besten hundert deutschsprachigen Bücher der letzten 100 Jahre gewählt.
Das Ende einer Trilogie
Bei allen Meyer-»Polizeirufen« war für die Regie Thomas Stuber verantwortlich, mit dem der Autor auch andere proletarische Filmstoffe umgesetzt hat, etwa das Boxerdrama »Herbert« von 2015, ebenfalls mit Peter Kurth. Inzwischen haben sich Meyer und Stuber offenbar verkracht, einen weiteren gemeinsamen »Polizeiruf« wird es nicht geben. Die Krimis aus Halle waren wohl von Anfang an als Trilogie gedacht.
Ihren voraussichtlich letzten gemeinsamen Film haben die beiden von allem Firlefanz leergeräumt. Umso mehr freut man sich über jedes einsame Ukulele-Zirpen und jedes leise Lachen. Es gibt davon nicht viele zu hören. Überhaupt gibt es kaum etwas zu hören. Dieser »Polizeiruf« ist lakonisch bis kurz vor dem Verstummen.
So leise wie Peter Kurth als der große Schweiger Henry hat sich noch niemand aus einem Sonntagskrimi geschlichen. Gern würde man ein letztes Glas auf ihn trinken. Aber man hat das Gefühl, dass er am Ende selbst keinen Spaß mehr hat am Saufen. Wenn einen die Einsamkeit so richtig von innen aufgefressen hat, hinterlässt auch der beste Whisky nur ein trauriges Brennen.
Bewertung: 8 von 10 Punkten
»Polizeiruf: Der Wanderer zieht von dannen«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste
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