SpOn 06.03.2026
18:52 Uhr

»Help(2)«, Morrissey, Frau Kraushaar: Abgehört - Album der Woche


Erstaunlich, dass so was in polarisierter Zeit noch zustande kommt: 31 Jahre nach der legendären Benefiz-Compilation »Help« bringt die NGO War Child erneut ein starbesetztes Album heraus. Außerdem: Doofes von Morrissey.

»Help(2)«, Morrissey, Frau Kraushaar: Abgehört - Album der Woche

Album der Woche:

War Child Records – »Help(2)«

Man hat Angst vor solchen Alben, so weit ist es schon gekommen. Das Erste, was gecheckt wurde, nachdem die Ankündigung von »Help(2)« kam, war, wie sich die einst in Großbritannien gegründete Benefiz-NGO War Child in der Gaza-Debatte positioniert. Aufatmen: neutral. Die Organisation, die sich für Kinder in Kriegsgebieten engagiert, pocht in ihrem Mission-Statement auf Unparteilichkeit, verurteilt aber natürlich die viel zu zahlreichen zivilen Toten im Gazakrieg, von denen wiederum zu viele Kinder waren und sind. Außer im Nahen Osten, in Gaza und Libanon engagiert sich War Child auch in zahlreichen anderen Krisengebieten fast überall auf der Welt, auch im Südsudan und Kongo, in Syrien, Jemen und der Ukraine ebenso wie in Kolumbien. So sollen die Erlöse dieser neuen groß angelegten Musikzusammenstellung allen Kindern zugutekommen, die sich global durch Konflikte und Kriege in Not befinden.

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Die weitgehende Ideologiefreiheit in Zeiten von Bekenntniszwang und extremer Diskurspolarisierung, gerade wenn es um Israel und Gaza geht, war sicherlich mitverantwortlich dafür, dass War Child erneut aus einem beeindruckend großen und diversen Pool aus etablierten Stars und Pop-Newcomern schöpfen konnte. Auf diese Weise entstanden 23 neue Originalstücke und Coverversionen, die nicht nur für Sammler und Superfans interessant sind: Es sind auch einige sehr gute Songs dabei, unter anderem von den Arctic Monkeys, Geese-Frontmann Cameron Winter, Popstar Olivia Rodrigo, Pulp, Wet Leg, Soulsänger Sampha oder Young Fathers.

Sogar die Elektropop-Veteranen von Depeche Mode, die sonst nie auf solchen Samplern auftauchen, machen hier mit und spielen »Universal Soldier« von Donovan, Beth Gibbons haucht »Sunday Morning« von Nico und Velvet Underground – und Damon Albarn von Blur bzw. Gorillaz tat sich mit Fontaines-D.C.-Sänger Grian Chatten und Songpoet Kae Tempest für die Hymne »Flags« zusammen.

Der erste »Help«-Sampler, 1995 im Nachgang des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien veröffentlicht, gilt als eine der erfolgreichsten Pop-Unternehmungen im Benefizbereich nach der Hochzeit von Aktionen wie »Live Aid«, »Band Aid« oder »USA for Africa« in den Achtzigerjahren. Das Line-up war spektakulär: Paul McCartney, Paul Weller und Noel Gallagher bildeten zusammen mit anderen Musikern die Supergruppe Smokin' Mojo Filters und sangen die Beatles-Hymne »Come Together«, im Oasis-Beitrag »Fade Away« spielte Johnny Depp Gitarre und Kate Moss das Tambourine, Radiohead führten erstmals »Lucky« auf, das später auf dem Meisterwerk »OK Computer« landete. Sinéad O’Connor kam eigentlich zu spät, ihre Version des Bobbie-Gentry-Klassikers »Ode to Billie Joe« überzeugte aber so sehr, dass sie noch aufgenommen wurde. Fontaine’s D.C., ebenfalls aus Irland, würdigen diesen Umstand und die 2023 verstorbene Sängerin jetzt mit einer rührenden Version von O'Connors »Black Boys on Mopeds«.

Rund 1,25 Millionen britische Pfund wurden damals eingesammelt, allein am ersten Tag verkaufte sich das Album 70.000 Mal. Aber damals gab es noch keine Streamingdienste, die Sampler im Grunde obsolet gemacht haben. Heute kann sich jeder zu jedem Thema selbst eine Playlist mit den beliebtesten Stars und Stücken zusammenstellen. Folge-Compilations von »Help« hatten in den Jahren danach auch deswegen immer weniger Erfolg, diesmal aber fühlten sich die Initiatoren ermutigt von den auch in England wiedererstarkenden Vinyl- und CD-Verkäufen, zudem war klar, dass die Beteiligten möglichst große Stars sein müssten, damit digitale Umsätze und Royalties zum Weiterspenden überhaupt eine Rolle spielen.

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Was das Team, War-Child-Musikchef Rich Clarke, Transgressive-Records-Mitgründer Toby L sowie Hitproduzent James Ford (u.a. Pet Shop Boys, Florence + The Machine) letztlich zusammenstellten, kann sich dabei durchaus mit dem Original messen. Statt Neunzigerjahre-Stars sind es diesmal natürlich populäre zeitgenössische Acts – die wiederum, wie damals, binnen weniger Tage alles im Abbey Road Studio aufnehmen mussten. Umringt wurden sie dabei von Kindern aus Londoner Schulen, die als Reporter ausgestattet mit Kameras um sie herumliefen. So ist es in einem hinreißend chaotischen Trailer zu einem Begleitfilm zu sehen, den Oscarpreisträger Jonathan Glazer (»The Zone of Interest«) gedreht hat. Wann er erscheint, ist noch nicht klar.

Klar ist aber, dass das anwesende, zwischen Beinen, Drums und Gitarrenhälsen herumwuselnde Kinder-Klientel, darunter auch ein Chor, offenbar für beherzte Stimmung bei den Stars gesorgt hat, die teilweise selbst star struck gewesen sind. »Als du in die Kantine gegangen bist, um dir eine Tasse Tee zu holen, war sie voller berühmter Leute«, sagte Kae Tempest dem »Guardian« . »Weißt du noch, wie man als Kind davon träumt, wie das Leben wäre, wenn man eine Platte aufnehmen würde? So war es.«

»Help(2)« stimmt ein bisschen nostalgisch und löst Sehnsucht aus nach einer Zeit, in der es einfacher schien, sich auf eine gute Sache zu einigen; sich überhaupt auf irgendetwas zu einigen in der Welt-, Geo- und Krisenpolitik. Wenn eine gut gefüllte Handvoll gelungener Lieder und diese Wehmut dafür sorgen, dass Menschen ins Portemonnaie greifen, um zumindest den Kindern Erleichterung zu verschaffen: yes please! Oder um es mit dem beschwingten Rocksong der Band Last Dinner Party zu sagen: »Let’s do it again!« (8.0/10)

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Kurz Abgehört:

Frau Kraushaar – »Gurke Kartoffel Ahnung«

Warum in die Ferne schweifen? Es gibt ja auch den Ort Niesen in Niedersachsen. Die in Fluxus-Kunst geschulte Pop-, Hörspiel und Medienschaffende Silvia Berger alias Frau Kraushaar jedoch nimmt sich in ihrem herrlich hicksenden Song »Tschi Tschi« den Berg Niesen bei Basel vor, die »Schweizer Pyramide«, wahrscheinlich weil das Massiv wie ein Zinken, ein Riesengumpen aus der Erde ragt. Denn es geht um Nasen und ums Riechen auf dem irritierenderweise »Gurke Kartoffel Ahnung« betitelten neuen Album der Hamburgerin. Wie schon »Bella Utopia«, auf dem sich das kathartische Frust-Punk-Techno-Hymne »Lamentierendes Schwein« befand, sollte man nicht zu angestrengt nach dem Sinn schnüffeln, sondern sich hingeben, wenn Berger in »Madeleine« schunkelnd an Proust denkt oder mit der »hässlichen Försterin« auf NDW-Rachefeldzug geht. Wie sagt man in Österreich etwas brutalkomisch statt »Gesundheit«: Zerreißen soll’s dich – und deine Brieftasche soll Frau Kraushaar treffen. (8.5/10)

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Morrissey – »Make-up Is a Lie«

Was war eigentlich das letzte wirklich gute Morrissey-Album? Vermutlich »Years of Refusal«, auf dem der britische Quer- und Quälgeist 2009 selbstkritisch eingestand: »Something Is Squeezing My Skull«, irgendwas drückt ihm auf die Schädelwände. Aus seinem Weltschmerz hat der ehemalige, für eine ganze Popgeneration einflussreiche Smiths-Sänger, seitdem leider keinen Hehl gemacht, unter anderem mit islamfeindlichen, wenn nicht offen rechtsextremen Positionen gegen Einwanderer. Man könnte ihn einen Propheten des heute weitflächig herrschenden, narzisstisch-reaktionären Politzeitgeists nennen.

Ein paar Musikmagazine bezeichneten sein neues Album vielleicht auch deshalb als sein bestes seit Jahren, viele andere konstatieren jedoch, was leider nicht zu leugnen ist: Die Selbststilisierung zum mal wehklagenden, mal selbstgerecht wütendem Opfer von Zensur sowie die allgemeine Verengung des inneren Diskurses führen offenbar auch zu einer geringeren Durchlässigkeit für kreative Energien, was ja beispielsweise auch bei Morrisseys Kulturkampfkollegen Roger Waters und Kanye West der Fall ist.

»Make-up Is a Lie« verfügt daher zwar über auffällig viele musikalische Muskelspiele wie Gitarrenriffs und Funk-Bässe, bleibt aber in den Texten erschreckend schwach, immer auf derselben Note drehend. »I wanna speak up and to not be trapped by censorship/ In search of wisdom, so much wiser than my own«, singt er einmal, und: »I wanna let somebody love me if they can«. Buhu: Keiner hat ihn mehr lieb! Dabei hatte ihm zuletzt schon Robbie Williams auf seinem »Britpop!«-Album  eine Umarmung angeboten, aus Nostalgie. Und Mitleid.

»You're Right, It's Time« heißt dieser erste, unerträglich pathetische Song des Albums, und da hat er recht: Vielleicht wäre es an der Zeit, es mal zu lassen mit der Musik. Zu Konzerten erscheint er ja auch nur noch nach Lust und Laune, warum nur diese eiserne Disziplin, Album um Album mit immer weniger originellen Songs herauszubringen? Das Zensurthema zieht sich auch durch Lieder wie »Notre-Dame« (»We will not be silent«), aber nicht, wie man vermuten könnte, durch »Boulevard« und »Headache«.

Denn im hinteren Teil wird es auf andere Art und Weise sentimental, wenn Morrissey noch mal tief in seine Herzschmerzjahre als schwuler junger Mann eintaucht und, ganz schön, durch zahlreiche Pubs im Londoner East End torkelt (»Many Icebergs Ago«). Da kann man schon mal Kater-Kopfschmerzen kriegen.

Der beste Song des Albums ist, trotz hüftsteifer Rock-Aufgepumptheit, »Amazona«. Aber das ist ja auch nicht von ihm, sondern von Roxy Music. Strangeways, here we go again. (3.0/10)

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Wertung: Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)