Korruption, Missbrauch, Anbiederung an autoritäre Regime, Doping, ein Fifa-Präsident, der sich wie ein Clown aufführt: Der Sport hatte noch nie große Probleme damit, sich von seiner schlechten Seite zu zeigen. Es gab immer schon genug Gründe, sich vom Leistungssport abzuwenden. Und doch schafft es der Sport wieder und wieder, sich über all das zu erheben, was ihn so hässlich macht. Wie gelingt ihm das nur?
In der Kolumne »Haltungsnote« würdigen oder kritisieren wir jede Woche besondere Auftritte in der Sportwelt.
Vielleicht gibt die gerade zu Ende gegangene Handball-WM der Frauen eine Antwort.
Normalerweise treten die deutschen Handballerinnen vor einigen Hundert Zuschauern an, ein Randsport, alles andere als massenwirksam. Aber plötzlich spielen die DHB-Sportlerinnen bei der WM groß auf, schaffen es bis ins Endspiel, ARD und ZDF steigen in der entscheidenden Turnierphase ein, das Finale gegen Norwegen schauen fast sechs Millionen Menschen. Jeder dritte Fernsehzuschauer am späten Sonntagnachmittag hat die Liveübertragung verfolgt. Am Montag trugen sich die Spielerinnen ins Goldene Buch der Stadt Dortmund ein.
Antje Döll im Jubelmodus
Foto: Marijan Murat / dpaPlötzlich gute Bekannte
Im Büro und in den sozialen Medien unterhält man sich über das Team, über Emily Vogel, Alina Grijseels und Viola Leuchter. Namen, die eine Woche vorher nur einem Kreis von Insidern vertraut waren, scheinen plötzlich die von guten Bekannten zu sein, jeder kennt ihre Geschichten: Ach, ja, Antje Döll, deren Klub war doch noch im Sommer pleite, und steht jetzt sie im Allstar-Team. Tolle Story.
In zwei Monaten wird man in Dortmund wohl wieder überlegen müssen: Wer war noch mal diese Viola Leuchter, die sich hier ins Goldene Buch eintrug? Die sechs Millionen vor dem Fernseher gucken dann wieder Biathlon und Fußball. Aber diese eine Woche Ruhm bleibt. Und der Zauber, der von diesen Momenten ausgeht.

