SpOn 25.02.2026
10:55 Uhr

Wissenschaftszentrum Berlin: Warum Jonas Radl über die Renaissance von Kopfnoten nachdenkt


Fleiß und Betragen als Noten auf dem Zeugnis? Angesichts von Ungleichheit in Schulen regt ein Bildungsforscher die Rückkehr zu Kopfnoten an. Gleichzeitig warnt er vor Problemen einer solchen Bewertung.

Wissenschaftszentrum Berlin: Warum Jonas Radl über die Renaissance von Kopfnoten nachdenkt

Elternhaus und soziale Herkunft haben entscheidenden Einfluss darauf, wie stark sich Kinder in der Schule anstrengen. Trotzdem ist der Verlauf der Bildungskarriere nicht automatisch vorgeprägt: Soziale Benachteiligung lässt sich durch ein anderes Bewertungs- und Belohnungssystem weitgehend auffangen. Das zeigt eine neue Studie des Wissenschaftszentrums Berlin  (WZB).

»Während es viele Erkenntnisse darüber gibt, wie stark der Einfluss des sozialen Hintergrunds auf die Fähigkeiten junger Menschen ist, war die Frage bislang wenig untersucht, wie groß der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Anstrengungsbereitschaft ist«, sagt Hauptautor Jonas Radl. Er ist Professor für Soziologie an der Universidad Carlos III de Madrid und hatte als Wissenschaftler am WZB geforscht.

Kleine Belohnungen gegen Ungleichheit

Seit 2018 hatte er mit einem internationalen Team mehr als 1300 Schülerinnen und Schüler von fünften Klassen in Berlin und Madrid untersucht. Sie lösten einfache kognitive Aufgaben, mit denen Konzentration, Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle gemessen wurden. Beteiligt waren 60 Klassen aus 32 Schulen.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Kinder aus Familien mit höherem sozialen Status strengen sich beim Lernen mehr an als Kinder aus weniger privilegierten Familien. Dies gilt primär dann, wenn es keine Belohnungen für die erbrachten Leistungen gibt.

  • Persönlichkeitseigenschaften oder die Intelligenz der Kinder können den Unterschied in der Anstrengung nicht erklären – entscheidend ist die soziale Umgebung, in der Kinder aufwachsen.

  • Aber: Mit greifbaren Anreizen für die Bearbeitung von Aufgaben kann diese Lücke deutlich verringert werden. »Sobald es kleine Belohnungen wie Spielzeuge oder soziale Anerkennung für die Lösung einer Aufgabe gibt, arbeiten Kinder aus sozial schwächeren Elternhäusern fast genauso engagiert wie privilegierte Kinder«, sagt Ungleichheitsforscher Radl.

Die Ergebnisse der Forschenden zeigen, auf welche Faktoren es ankommt: Ist Armut ein prägendes Alltagselement? Wie viel Sicherheit – materiell und emotional – erleben die Kinder? Haben die Eltern Zeit für ihre Kinder? Je mehr Ressourcen den Fünftklässlern zur Verfügung standen, desto leichter fiel es ihnen, sich auf eine bestimmte Aufgabe zu konzentrieren.

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»Die Ergebnisse haben auch eine politische Dimension«, sagt Jonas Radl: Bildungschancen könnten gerechter gemacht werden, wenn nicht nur Leistung, sondern auch individuelle Fortschritte prämiert würden. Eine Idee des Forschers: Man könnte die Zielgleichheit im Unterricht – alle Kinder sollen dasselbe lernen – stärker infrage stellen, ebenso das damit verknüpfte System der Notenvergabe.

Zielkonflikt des Schulsystems

»Das Schulsystem steht da selbst in einem Zielkonflikt«, sagt Radl im Gespräch mit dem SPIEGEL: »Zum einen soll es alle Kinder so gut wie möglich fördern – zum anderen soll es aber auch Fähigkeiten und Wissen zertifizieren und als Gatekeeper fungieren.« Eine Option könne es sein, »wieder stärker explizit mit Kopfnoten zu arbeiten, wie früher für Betragen und Fleiß«.

Solche Kopfnoten, gibt Radl zu bedenken, könnten aber gleichzeitig auch problematisch sein. Denn bekannt ist, dass Lehrkräfte anders auf die Anstrengungen sozial schwächer gestellter Kinder schauen als auf die Leistungen privilegierter Kinder. Dieser sogenannte teacher bias, die unbewusste Voreingenommenheit der Lehrkräfte, könne Kopfnoten als Konzept auch wieder entwerten.

him