Der Aufschwung in Deutschland kommt mal wieder später: Die Bundesregierung erwartet in diesem Jahr lediglich ein geringes Wirtschaftswachstum von einem Prozent, wie Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts sagte.
Im vergangenen Herbst hatte Reiche noch mit einem Plus des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,3 Prozent gerechnet.
Die Wirtschaftsministerin drängte auf mehr Tempo bei Reformen, etwa auf dem Arbeitsmarkt, bei der Arbeitszeit, den Sozialsystemen oder den Energiekosten. »Wir müssen auf ein selbsttragendes Wirtschaftswachstum setzen«, sagte Reiche. »Ohne eine starke Wirtschaft, ohne Unternehmen, die hier investieren, werden wir den Aufschwung nicht schaffen.«
Im Jahr 2025 schrammte Deutschland nur knapp am dritten Rezessionsjahr vorbei, es gab ein Miniwachstum von 0,2 Prozent. Deutschland hinkt damit anderen großen Industrienationen hinterher. Auch die »Wirtschaftsweisen« rechnen für das Jahr 2026 mit einem Wachstum von 0,9 Prozent. In der Krise stecken vor allem Industriebranchen.
Mehr Tempo bei Umsetzung von Investitionen
Ein Grund für die eingetrübten Erwartungen ist laut Regierung, dass die Erholung im zweiten Halbjahr 2025 schwächer ausfiel als erwartet. Zudem wirken Milliardenausgaben des Staates zur Modernisierung der Infrastruktur, für Klimaschutz sowie für eine Stärkung der Bundeswehr langsamer als erhofft.
Die schuldenfinanzierten sogenannten Sondervermögen sind wesentlicher Treiber des Wirtschaftswachstums. Laut Regierung dürften die staatlichen Investitionen rund zwei Drittelprozentpunkte zum BIP-Zuwachs 2026 beitragen. Davon soll etwa die Bauindustrie und die Rüstungsindustrie profitieren.
Der in früheren Jahren so starke deutsche Export schwächelt. Für Abhilfe sollen unter anderem die neuen Handelsabkommen mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur sowie Indien sorgen, damit sich die Wirtschaft breiter aufstellt. Weitere Abkommen sollen folgen.
Man könne nicht beeinflussen, was in den USA oder China passiere, sagte Reiche. »Aber wir können alles dafür tun, dass wir uns so robust aufstellen, dass uns Schocks weniger stark treffen«.
Wirtschaftsverbände nennen immer wieder hausgemachte Gründe für die Schwäche der deutschen Wirtschaft: im internationalen Vergleich hohe Energiepreise, hohe Steuern und Abgaben, zu viel Bürokratie. Die Bundesregierung hat Maßnahmen auf den Weg gebracht – Wirtschaftsverbände fordern aber höhere Entlastungen.
Reiche verwies am Mittwoch auf erste Fortschritte, etwa beim Industriestrompreis: »Wir haben gezielte Maßnahmen ergriffen, um den industriellen Kern wettbewerbsfähig zu halten«, sagte die Ministerin.
Arbeiten die Deutschen zu wenig?
Viel Kritik hat ein Vorstoß des Wirtschaftsflügels der Union ausgelöst, den Rechtsanspruch auf Teilzeit einzuschränken . Reiche sieht Deutschland bei der Arbeitsproduktivität international im Nachteil. Im Koalitionsvertrag haben Union, CSU und SPD zudem flexiblere Arbeitszeiten angekündigt. Gewerkschaften lehnen die Pläne ab.
Ein Kernproblem ist die zunehmende Alterung der Gesellschaft. Die »Babyboomer« gehen verstärkt in Rente, es kommen aber nicht genügend Arbeitskräfte nach. Dies schmälert das ohnehin schwache sogenannte Potenzialwachstum und könnte Fachkräfteengpässe verschärfen. Die Bundesregierung setzt neben einer Fachkräfte-Einwanderung auf eine höhere Erwerbstätigkeit von Frauen und mit der »Aktivrente« auf mehr Arbeit im Rentenalter.
